„Ein Tor gegen Olli Kahn kann ich höchstens auf der Playstation vorweisen“

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Foto: E. Rösch

Lucas Albrecht hat ein Problem. Er muss immer dorthin reisen, wo Sergej Evljuskin schon ist. Egal ob Hansa Rostock, Babelsberg 03 oder jetzt Kassel: der gebürtige Neubrandenburger kommt immer zeitverzögert hinterher. Manchmal nistet er sich sogar bei dem aufgehenden Stern am Sportliteratenhimmel ein. In Kassel allerdings nicht. Lucas‘ Problem ist das Glück des KSV Hessen Kassel. Durch seine variable Spielweise ist der 25-Jährige angesichts der vielen Verletzungen unverzichtbar für Coach Cralle’s Stammelf geworden. Grund genug für Blog36, die 3,6 Fragen heute an Lucas Albrecht zu richten.

Blog36: Moin Lucas, beim HNA-Vorstellungsvideo vor der Saison hast du gesagt, du seiest der einzige Ossi im Team. Nun hat der Showmaster Harald Schmidt Kassel mal als die ostdeutscheste Stadt in Westdeutschland bezeichnet. Wie hast du dich in Kassel in der Zwischenzeit eingelebt?

Lucas: Ach, das ging eigentlich ganz schnell. Ich bin schon seit einiger Zeit kein Sklave meines Navis mehr, wenn ich mich in Kassel zurechtfinden will. Das wurde natürlich dadurch erleichtert, dass mit Sergej Evljuskin schon ein alter Weggefährte aus Rostocker und Babelsberger Zeiten hier kickt. Wir haben damals in Potsdam zusammen in einer WG gewohnt. Siggi hat mich schnell ins Kasseler Leben eingeführt. Die Menschen hier sind genauso freundlich, wie bei meinen vorherigen Stationen auch. Allerdings ist hier in Kassel definitiv mehr los, als in Neustrelitz, wo ich zuletzt gespielt hab. Neustrelitz hat nur ca. 20000 Einwohner. In Kassel gefällt mir der Herkules besonders gut. Den hab ich schon jedem aus meiner Familie, der zu Besuch war, gezeigt. Ansonsten bin ich logischerweise gern im Auestadion, aber auch in der Therme und in meiner Wohnung. Die ist häufig Anlaufpunkt zum Fussball gucken und Kartenspielen. Ich hab jetzt keine WG mehr mit Siggi, ich wohne tatsächlich zum ersten Mal allein. Das ist aber keine große Umstellung für mich, da ich oft in bester Gesellschaft bin, wenn wir was unter Mannschaftskollegen unternehmen.

Blog36: Du bist für den KSV in dieser Saison sehr wertvoll, weil du variabel einsetzbar bist. Spielst du eigentlich lieber in der Innenverteidigung an der Seite von Blog36-Idol Henrik Giese oder im Sturm an der Seite von KSV-Urgestein Tobi Damm, der im Übrigen der einzige Spieler in der Regionalliga ist, der in seiner Karriere sowohl gegen den FC Liverpool als auch gegen Olli Kahn genetzt hat? Und wie beurteilst du die aktuelle sportliche Situation?

Lucas: Ich fühle mich zurzeit hinten neben Henne pudelwohl. Man hat dort das Spielfeld gut im Blick und kann viel Einfluss nehmen.  Umso beruhigender ist es natürlich, wenn man solch verlässliche Spieler um sich herum hat. Aber auch die Anfangszeit im Sturm hat mir viel Spaß gemacht. Mit Dammi ist da ein sehr erfahrener Spieler, der schon viel erreicht hat in seiner sportlichen Laufbahn. Ich behaupte mal, dass ich auch schon über eine gewisse Erfahrung verfüge, aber ein Tor gegen Liverpool oder Olli Kahn kann ich höchstens auf der Playstation vorweisen (lacht). Bei dem bisherigen Saisonverlauf muss man natürlich berücksichtigen, dass wir ständig von den vielen Rückschlägen durch die Verletzungen zurückgeworfen werden. Neben den ganzen Langzeitverletzten kommen immer wieder neue Ausfälle dazu.  Die Mannschafft konnte sich deswegen nie richtig in einer Formation einspielen.  Unser Teamgeist und der Wille, in jedem Spiel alles auf den Platz zu bringen, finde ich selbst erstaunlich. Mit unserem Kampfgeist gelingt es oft, das Fehlen spielstarker Spieler zu kompensieren. Sicherlich ist noch nicht alles perfekt, aber wir arbeiten jeden Tag im Training daran und holen mit ehrlicher Arbeit unsere Punkte.

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Lucas Albrecht haut einfach mal drauf; Foto: Eick Rösch

Blog36: Du bist jetzt in der vierten Liga gelandet. Die Fans von Hansa Rostock durften vor ein paar Jahren noch Tore von dir in der 2. Bundesliga bejubeln, aber der richtig große Durchbruch ist dir nicht geglückt.  Bist du eigentlich nur zum Fußballspielen in Kassel oder orientierst du dich da auch beruflich neu?

Lucas: Klar, neben dem Fußball bleibt doch noch einige freie Zeit übrig. Da habe ich schon früh überlegt, was ich mit dieser Zeit anfangen kann, damit mein Abitur nicht vollkommen umsonst war. Also habe ich schon zu meiner Zeit bei Hansa Rostock ein Sportmanagementstudium über eine Fernuni begonnen, welches ich nun auch vor einiger Zeit schon erfolgreich abschließen konnte. Momentan mache ich jetzt meinen geprüften Sportfachwirt über die IHK Düsseldorf und habe dort im März nächsten Jahres meine erste Prüfung. Bei den Jahren zuvor muss ich zugeben, dass ich nie etwas Besonderes oder Höheres von mir erwartet habe. In jungen Jahren habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, später einmal Geld mit meiner Leidenschaft verdienen zu dürfen. Da ich aber seit meiner Kindheit ein großer Hansa-Fan bin, war es schon immer mein Traum, einmal für diesen Verein im Ostseestadion zu spielen. Ich bin unglaublich dankbar, dass ich mir diesen Wunsch erfüllen durfte. Das könnt ihr hier in Hessen sicherlich nicht so nachvollziehen, aber wer schon mal eine Zeit in Mecklenburg-Vorpommern verbracht hat weiß, welche Strahlkraft in dieser Region von diesem Club ausgeht und welche Bedeutung er für die Menschen hat. Aber auch der SV Babelsberg 03 mit der tollen Fankultur und die TSG Neustrelitz, wo sehr herzlich und familiär gearbeitet wird, sind Stationen, die ich immer wieder so nehmen würde auf meinem Weg.

Blog36: Zum Schluss wie gewohnt die Frage zu den Fans: Wie waren deine ersten Erfahrungen mit dem Kasseler Publikum bisher? Blog36 hast du ja gleich zu Beginn enttäuscht, indem du es abgelehnt hast, die Rückennummer 36 zu tragen. Wie willst du eigentlich jemals warm werden mit dem kritischen Kasseler Publikum?

Lucas: (lacht) Ach kommt schon, ich bin halt ein durchaus abergläubischer Mensch. Da gehört es für mich einfach dazu, dass ich meine Lieblingsnummer 9 auf dem Rücken habe. Da ich aber nun auch wusste, dass ich durchaus in der Innenverteidigung beim KSV auflaufen könnte, wollte ich die typische „Stürmernummer“ umgehen und habe mich für die schöne 19 entschieden. [Blog36 pöbelt beleidigt dazwischen: Mit der 36 könnte man auch überall spielen]. Ich konnte natürlich ahnen, dass ich es mir gleich zu Beginn mit ein paar treuen Fans verderbe, aber es war mein Aberglaube, der mich zu diesem Schritt zwang (lacht). Umso mehr freut es mich, dass die Unterstützung von Block36 ungebrochen ist und ich noch keinen vollen Bierbecher abbekommen hab (lacht). [Blog36: Bier ist auch nicht zum Schmeißen da]. Mein Eindruck ist, dass die Fans im Block36 immer mit Spaß an die Sache gehen und für positive Stimmung sorgen. Das ist sehr hilfreich. Aber auch vom restlichen Publikum des KSV bin ich positiv überrascht. Ich hab im Vorfeld schon gehört, dass es sehr viele Kritiker gibt und es auch schnell zu Pfiffen im eigenen Stadion kommen kann. Umso schöner ist es, dass wir zurzeit eine wahnsinnig gute Unterstützung erfahren und die Fans ein sehr gutes Gespür dafür haben, wie sehr wir sie in dieser Saison brauchen. Ich hab bisher noch keine einzige Minute im Auestadion das Gefühl gehabt, dass wir als Mannschaft die Fans enttäuscht haben, auch wenn wir sicher nicht jedes Spiel perfekt gespielt haben. Ich bin mehr als zufrieden mit unseren Fans und hoffe, dass wir noch so einige Momente in dieser Saison zusammen feiern können.

Blog36: Das hoffen wir auch, wir sind ja derzeit auf einem sehr guten Weg! Danke fürs Interview, alles Gute für die nächsten Spiele und denk daran, in jedem Spiel immer geil abzuliefern!

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Auch vor großer Kulisse sicher am Ball: Lucas Albrecht beim 6:1-Heimsieg (!) gegen Borussia Mönchengladbach; Foto: Eick Rösch
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