Viertklassig kochen #9: Stuttgart II – rote Abstiegswurst

Heute begibt sich der KSV in die Stadt der Absteiger. Stuttgart hat es im vergangenen Jahr richtig hart getroffen. Alle Teams der ersten und dritten Liga mussten runter: der große VfB, die Kickers, der kleine VfB. Die Entwicklung des VfB Unterbaus ist durchaus erstaunlich. Schließlich war das Team so etwas wie das FC Barcelona der Zweitvertretungen.

Eine ganze Weile kickte es als einzige U23 drittklassig. Bis zuletzt konnte man sich immer recht sicher sein, dass die Spielberichtsbögen vom VfB II mit hoher Wahrscheinlichkeit einige große Namen von morgen verraten würden. Es überrascht deswegen, wie schnell die kleinen Roten in den Tabellenniederungen der Viertklassigkeit angekommen sind. Dem sollte die kulinarische Auswärtsfahrt gerecht werden und es wäre angebracht dem Blogtitel alle Ehre zu machen: Ein nicht nur ortstypisches, sondern wahrlich viertklassiges Gericht sollte her.

Trotz der Stuttgarter Abstiege ist die Stadt aus Kasseler Sicht keinesfalls Neuland. Es ist eher das Wiedersehen mit alten Bekannten. In der jüngeren Vergangenheit teilten sich der KSV und die U23 vom VfB immerhin schon zwei Jahre lang die gleiche Spielklasse. Nach Degerloch zu den Kickers ging es zuletzt noch öfter. Ich muss zugeben, dass ich bei all meinen bisherigen Reisen in die Schwabenmetropole im Vorfeld mit Vorurteilen zu kämpfen hatte. Bei mir hat sich das Stereotyp fest eingebrannt, dass Stuttgart ganz anders ist als Kassel: es ist größer, die Leute sprechen völlig anders und lebensweltlich haben wir Nordhessen und die Schwaben zwar beide so unsere Macken, genau die sind es aber, die uns eher trennen als verbinden.

In Stuttgart angekommen musste ich dieses Weltbild bislang aber immer korrigieren. Bei allen unbestrittenen Unterschieden, fühlt man sich an vielen Ecken der Stadt nämlich sehr stark an Kassel erinnert. Mehr noch: Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass Stuttgart wie Kassel ist – nur halt viel, viel extremer. Stuttgart ist manchmal sowas wie der große Bruder Kassels. Quasi Kassel at its worst.

Die Stuttgarter stellen zum Beispiel noch häufiger als wir ihre zweifelhaften 50er Jahre Bauten unter Denkmalschutz. Während wir im Becken der Kasseler Berge liegen, quetscht sich Stuttgart in einen regelrechten Kessel. Die Rivalität mit den Badensern ist stärker ausgeprägt als unsere mit den Südhessen und sie ist für Außenstehende noch weniger nachvollziehbar als die hessischen Animositäten. Wenn sich Kassel eine Autostadt nennt, was ist dann bitteschön erst Stuttgart? Und während wir unsere Steuergelder in einen Regionalflughafen gepumpt haben (von dem aus blöderweise noch nie ein Flugzeug freiwillig starten wollte), legen die Schwaben auch was irrsinnige Großprojekte angeht noch einen drauf: Die bauen mit „Stuttgart 21“ das wohl gigantischste Milliardengrab der jüngeren Menschheitsgeschichte. Hut ab!

Meine Erfahrung mit Stuttgart ist also: Schnelle Urteile sollte man nicht fällen! Dafür lohnt sich aber ein zweiter Blick. Der offenbart dann meist, dass Stuttgart und Kassel sich ähnlicher sind als man erstmal meint zu glauben. Gilt das aber auch für das Essen? Und wer wäre in der Lage das zu beurteilen?

Mir kommt eine Idee! Die große KSV Familie darf im Ländle schließlich ein recht bekanntes Mitglied ihr eigen nennen. Er ist vielen Auswärtsfahrern und Forum-Usern ein Begriff und sein Name ist bei ihm Programm: der „KSV-Schwabe“. Im Südwesten vergeht seit Jahren kaum ein Spiel von unseren Löwen, das er verpasst. Nicht selten steigt er dann gut gelaunt am Stadion vom Rad, während andere Löwen Anhänger schon vier Stunden Autofahrt im Rücken haben.

Ich verabrede mich also mit ihm zu einem Telefonat. Prompt kommt die Warnung vorab via Whatsapp: Sich im Schwabenland auf die Suche nach viertklassiger Küche zu begeben sei eigentlich schon eine Beleidigung an sich, schließlich handele es sich ja um das Land der Sterneköche. Sollte mein Vorhaben etwa scheitern?

Am Telefon merke ich schnell, dass der KSV-Schwabe weiß, wovon er spricht. Immerhin hat er schon 15 Jahre Lebenserfahrung am Rande Stuttgarts auf dem Buckel. Auch er sieht bei allen Unterschieden einige Gemeinsamkeiten zwischen Kassel und Stuttgart: „Die ‚Königsstraße‘ heißt hier auch ‚Königsstraße‘, allerdings unterteilen die Stuttgarter sie nicht in eine obere und untere. Vielleicht ist sie nicht lang genug? Hier gibt es dafür aber noch ein ‚Königsträßle‘, ganz in der Nähe der Kickers. Sagt vielleicht auch etwas über den Unterschied zwischen den Roten und Blauen aus.“ Ich bin beeindruckt!

Nicht nur bei Straßennamen, sondern auch bei der Sprache scheint sich der zweite Blick auf die vermeintlichen Unterschiede zu lohnen. Das Schwäbische sei sicherlich gewöhnungsbedürftig für jeden Nordhessen und das nicht nur vom Klang her, meint der KSV-Schwabe: „An entscheidender Stelle ist der Wortschatz des Schwaben nicht besonders groß. Zum Beispiel wird alles abwärts des Oberschenkels als ‚Fuß‘ bezeichnet. Das kann schonmal zu Missverständnissen führen.“ Dann treten aber doch wieder die Gemeinsamkeiten zutage: „Der Schwabe ‚mährt‘ nicht wie wir. Dafür ‚bruddelt‘ er. Das klingt zwar anders, meint aber dasselbe.“ Das finde ich sehr sympathisch! Ganz offenbar teilen wir Nordhessen mit den Schwaben also eine ausgeprägte Charakterstärke: Wir täuschen keine falsche Freundlichkeit vor. Anders als zum Beispiel die Rheinländer.

Eine echte lebensweltliche Differenz nennt der KSV-Schwabe dann aber doch, bei der wohl auch kein zweiter Blick hilft: „Ich vermisse den Herkules. Der Stuttgarter Fernsehturm – immerhin der erste weltweit – kann den Mann mit der Keule einfach nicht ersetzen.“ Kurz muss ich mir den Fernsehturm mit einer Keule vorstellen. Das passt aber irgendwie nicht zusammen. Der Herkules mit Funkmast auf dem Kopf hätte wiederum was. Vielleicht kann man da ja mal was machen…

Wie aber ist es nun um das Essen bestellt? Der KSV-Schwabe legt los: „Natürlich gibt es da die Maultaschen, die Linsen mit Spätzle und Saitenwürstchen, den traditionell schwäbischen ‚Gaisburger Marsch‘-Eintopf, oder aber ‚Saure Kutteln‘ – ein Innereigericht, das ähnlich polarisiert wie unser Weckewerk.“ Ortstypisch ist das zwar alles, richtig viertklassig ist es aber irgendwie nicht.

Nach der Aufzählung typisch schwäbischer Gerichte macht der KSV-Schwabe eine Pause: „Naja, da gibt es noch die rote Wurst. Die gibt’s ja in jedem Stadion im Südwesten.“ Die kenne ich selber von meinen Auswärtserlebnissen nur zu gut. Bei ihr kann ich mit gutem Gewissen sagen: Bei allen Stadionwürsten quer durch die Republik verdient sich die ‚Rote‘ das Prädikat der Viertklassigkeit am dollsten. Auch ein zweiter Bissen weckt da übrigens keine Assoziationen zu Nordhessen. Weiter entfernt könnten Wurstwelten nämlich nicht liegen. Mit ihrer rötlich-orangenen Haut und dem feinen rosa gebrühten Brät ist sie wohl das komplette Gegenteil von unserer ‚Groben‘. Das heutige Rezept fällt damit zwar recht simpel aus, dafür kann es von jedem nachgemacht werden und das Thema ist endlich auch mal wieder vollends getroffen.

Vielen Dank an den KSV-Schwaben für die lehrreiche schwäbische Regionalkunde. Wir sehen uns bald sicher im Südwesten!

Warum diese seltsame Rubrik? Das erfährst du hier.

Rezept:

Kauf' eine schwäbische Grillwurst und grill sie. 
(Während des Grillvorgangs kannst du mit dem Messer lustige Muster in 
den Darm der Wurst (!) schneiden. Das macht die Wurst nicht nur knuspriger, 
sondern gibt ihr auch eine lustige Form.)
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2 Gedanken zu „Viertklassig kochen #9: Stuttgart II – rote Abstiegswurst“

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