„Wer machts, wenn nicht wir selbst?“ – Flo Beisheim als Fanvertreter im Aufsichtsrat des KSV Hessen

Es ist gewissermaßen ein Novum beim KSV Hessen Kassel: Mit Florian Beisheim wurde Ende November auf der Jahreshauptversammlung erstmals bewusst ein Vertreter der aktiven Fanszene in den Aufsichtsrat des KSV Hessen Kassel gewählt. Ein genialer Schachzug, denn der Verein zeigt sich lernfähig aus den Fehlern der Vergangenheit und bezieht nun die Perspektive der Fans und Mitglieder mit ein. Wie das in Zukunft funktionieren soll und was sein Antrieb und seine Motivation für dieses neue Ehrenamt ist, verriet Flo uns im großen Blog36-Interview.

Blog 36: ​Moin Flo, an dieser Stelle nochmal offiziell herzlichen Glückwunsch zur Wahl in den Aufsichtsrat. Stell dich doch einfach mal vor und erzähl, wie wie du zum KSV gekommen bist.

Flo Beisheim: Grüße Euch – danke für die Einladung! Also ich bin in Kassel geboren und 30 Jahre jung. Ich arbeite bei der Evangelischen Bank und kam über, oder mit, meinen Papa zum KSV. Sicherlich irgendwann vor dem zehnten Lebensjahr, genau weiß ich es gar nicht. Das ging euch als kleinen Jungs bestimmt auch so, dass euch der Vater einfach mitgeschleppt hat. Es war nicht immer die freie Entscheidung. Der Reiz kam dann weniger durchs Sportliche. Meine richtigen Erinnerungen beginnen während der Oberligazeiten. Entscheidend waren wohl eher Erlebnisse wie der Löwenexpress 2004, als wir 4:3 gegen Darmstadt gewannen und  Chala diesen Freistoß noch reingechippt hat. Oder natürlich 2006, das Spiel in Frankfurt am Bornheimer Hang gegen den FSV, als wir Meister wurden und das letzte Mal aufgestiegen sind. Damals war ich eh schon immer im Stadion. Zumindest bei jedem Heimspiel und gelegentlich auch auswärts. Im Allgemeinen kann ich sagen, dass das Fandasein schon immer einen riesigen Reiz auf mich auswirkte. Hunderte, manchmal auch tausende, Kasseler zu erleben, die voller Inbrunst ihren Verein und ihre Stadt abfeierten, das hat mich als Jugendlichen schon ziemlich fasziniert.

Während der Abizeit jobbte ich bei SMA. Arbeitskollegen hatten mich mit dem Fanclub Red White Stars (RWS) in Kontakt gebracht, seitdem bin ich mit dem Haufen verbunden. Zu dieser Zeit entwickelte sich auch die aktuelle Fan- und Ultrakultur in unserer Kurve. Da ich bei den RWS zu Hause war, hab ich nicht aktiv in der Ultraszene mitgewirkt. Es gab viele Busfahrten mit Lämmi, dem ehemaligen Fanbeauftragten, und den älteren Generationen von KSV-Fans. Es waren wenig Gleichaltrige am Start damals, dann entstand aber die „Scena“ und es ging ein gewisser Schwung durch die Kurve.

Der Gesamtverein hat einen riesigen Zuspruch erhalten, eine regelrechte Euphorie ging durch die Stadt. Wir sind Drittligist gewesen, auch wenn es damals noch die zweigleisige 3. Liga war. Das Auftaktspiel damals an der Grünwalder Straße bei Bayern München II haben wir gleich mit zwei Buden von Totti Bauer gewonnen und hatten generell einen sehr guten Saisonstart als Aufsteiger. Dann das Spiel zuhause gegen Hoffenheim, mit Rangnick an der Seitenlinie, der unwahrscheinlich sauer war, dass sein Plastikprojekt jetzt bei den Hessen verliert. 1:0 durch Daniel Beyer, und Hoffenheim war konfrontiert mit „den asozialen Kasseler Fans“, wie Rangnick damals sagte . Dann noch das Spiel als Bibiana Steinhaus Julio vom Platz stellte und das Auestadion explodierte. Das findest du  als 17, 18-jähriger ziemlich witzig, wenn der 45-jährige Familienvater plötzlich alle Regeln des normalen Zusammenlebens über den Haufen schmeißt und die Schiedsrichterin beleidigt. In dem Alter dachte ich mir: Da gehst du nächsten Samstag wieder hin. Es gibt eben nicht das eine Erlebnis, sondern viele Situationen, die in den Jahren zwischen 2005 und 2010 passiert sind.

Flo mit Bruder Tobi beim Freizeitsport.

Blog36: Der Verein hat in dieser Zeit ja nicht ausschließlich erfolgreich gespielt, sonst wären wir jetzt nicht in der Hessenliga… 

Flo: ​​Ja, das stimmt. Aber wie gesagt, es ist längst nicht nur das Sportliche gewesen, was ein Reiz auf mich auswirkte. Wenn dann die unspektakulären Spiele kamen, war es eben der Fanclub, der für eine gewisse Gemeinschaft und Kontinuität gesorgt hat. Dann gab es das Forum und irgendwann WhatsApp, somit wurde der KSV eigentlich tagtäglich präsent. Dazu kamen einige Leute auch aus meiner Generation, die nun ebenfalls so um die zehn Jahre dabei sind. Teils sind die auch einige Jahre jünger, wenn ich aber zurück denke  kann ich sagen, dass ich mit einigen von diesen Jungs das letzte Jahrzehnt beim Fußball verbracht habe. Viele unvergessliche Momente haben wir bereits miteinander erlebt.

Blog36:​ Ist denn der Gang ins Auestadion auch gleichzeitig ein Statement gegen das moderne Fußballgeschäft? Jeder einzelne der im Block steht, muss sich ja auf der Arbeit, in der Schule, bei der Familie oder im Freundeskreis dumme Sprüche anhören, warum man bei einem Fünftligisten abhängt. Das muss man ja auch erst mal abkönnen, so als 17-Jähriger. Alle labern von der ersten Liga und für dich bleiben nur mitleidige Blicke übrig.

Flo:​​ Was bestimmt einigen leidgeprüften KSV-Fans ähnlich geht, ist die bewusste Abkehr vom großen und modernen Fußball. Selbst wenn ich Samstag nachmittags gar nichts zu tun hätte, kommt es für mich überhaupt nicht in Frage, in einer Kneipe zu hocken, sechs Euro für ein Weizen zu bezahlen und dafür Bayern gegen Leipzig gucken zu dürfen. Vor allem als die Schere in den letzten Jahren noch deutlicher auseinander ging, machte dieser Umstand  den Kasseler Fußball ehrlicher und realer. Als Kind war ich noch ein bisschen Bayern-Sympathisant , mein Bruder schon immer Dortmund. Unser Vater ist mit uns weiterhin regelmäßig ins Auestadion gefahren, aber ein, zwei Mal in der Saison, dann eben zu den Bayern oder nach Dortmund. Als wir so langsam klar im Kopf wurden, haben wir das dann auch wieder eingestellt (alle lachen).

Gibt es ein Motto was dein Leben als KSV-Fan beschreibt?

Flo:​​ Dem würde ich eigentlich zwei Titel geben. Der eine ist: „support your local Team“, egal wo du wohnst oder lebst. Das Team vor deiner Haustür ist deins und nicht das, welches 500 Kilometer weit weg ist und jedes Jahr Meister wird. Und eben das Protestding, was deutlicher und radikaler daherkommt. Ich denke, im Block 30 wirst du keinen entdecken, der sich für 130 Euro das neue DFB-Trikot holt oder der WM in Katar entgegenfiebert. Es gibt sicher einige, auch in der Nordkurve, die noch Sympathien für andere Vereine haben. Im besten Fall noch Union Berlin, aber auch normale Vereine wie Schalke oder Dortmund. Aber am besten trifft es das „support your local team“, was die Unterstützung des eigenen Vereins angeht und nicht. So haben es mein Vater und mein Opa auch schon immer gehalten. 

Also nicht nur dein Vater, sondern auch dein Opa, hat dich zum Löwen gemacht?

Flo: Ja, auf jeden Fall. ​​ Es gab in der letzten Saison eine Veranstaltung im Hessischen Landesmuseum, mit Bernd Lichte, Olli Zehe und Jörg Müller, wo es einen Rückblick auf die Begegnungen zwischen Baunatal und dem KSV ging. Da erinnerte ich mich mal wieder an ein Auswärtsspiel in Nordhessen. Es muss 2002 oder 2003 gewesen sein. Da bin ich mit meinem Opa vom Warteberg mit dem Bus zur Endhaltestelle Holländische Straße gefahren und von dort mit der Tram quer durch die Stadt nach Baunatal. Weil Opa nicht mehr ganz so fit war, haben wir dann das Parkstadion beim Stand von 3:0 verlassen, um die frühere Straßenbahn zurück zu bekommen. Gerade als wir hinterm Tor vorbeiliefen, fiel das 4:0 für den KSV und wir lagen uns in den Armen. Eine schöne Erinnerung.

Blog36:​ Es scheint, als ob die familiären Verknüpfungen bei dir einiges dazu beigetragen hat, dass du beim KSV gelandet bist.

Flo:​​ Ja klar, mit meinem Bruder sehe ich heute noch den überwiegenden Teil aller Spiele, die ich besuche. Mein Vater hat seine Dauerkarte auf der Haupttribüne, früher Osttribüne, mit seinem Kumpel. Die treffe ich dann sowieso bei jedem Spiel. Wer weiß wo ich gelandet wäre, ohne diese familiären Bindungen.

Flo mit Blog36 auf Fahrradtour nach Lohfelden.

Blog36:​ Wann kam für dich der Punkt, dass du dich über das Fansein hinaus für den KSV eingebracht hast?

Flo: ​​Mein erstes  Engagement war bei mir im Fanclub. Manche Leute im Fanclub hatten sich  zurückgezogen was fast dazu geführt hätte, dass es erstmals seit 30 Jahren keine Sommerfete gegeben hätte Ich hab das dann an mich genommen, einen Tisch im Lohmanns reserviert, danach gab es eine ausgiebige Runde über den Entenanger. Alle waren super happy. Das hat dann Dynamik aufgenommen, ein paar Wochen später wurde ich zum Präsidenten der glorreichen Red White Stars gewählt und dann ging das Ganze los. Der nächste Schritt war dann die Abteilung Herzblut, die sich als vereinseigene Fanabteilung etwa 2013 gegründet hatte. Ich war da eher  eine Karteileiche und  wurde dann erst 2016/ 2017  aktiv, vor allem dank Alexandra Berge und Tobi Krechel. Wir haben da was Gutes aufgebaut, wie ich finde. Neben den organisierten Auswärtsfahrten und der Bechersammelaktion für die Jugend haben wir, oft gemeinsam mit dem Block 30, viele gemeinnützige Aktion initiiert und im Allgemeinem stets versucht zu helfen, wo wir konnten. Ich hoffe, dass die Arbeiten bei Herzblut weitergeführt werden und das Vereinsleben auch künftig bereichern werden.

Blog36:​ Wer hat dich denn auf die Idee gebracht in den Aufsichtsrat zu gehen?

Flo: (überlegt lange) Da gibt es jetzt keine Person, die mich stark beeinflusst hat. Wenn du die Augen für die gesamte Thematik öffnest, nimmst du schon wahr, wenn bei Mitgliederversammlungen eines kleineren oder größeren Vereins, diese Schritte vollzogen werden. Das passiert meist dann, wenn es um fundamentale Entscheidungen geht oder es kritisch um den Verein steht. Dementsprechend hab ich das für mich in 2016 zum Thema gemacht. Der Tenor damals: Man sollte sich aus der Fangemeinde heraus positionieren, da bald Wahlen anstünden, um einen Fanvertreter in den Aufsichtsrat zu wählen. Es war am Ende eine Hauruck-Aktion, mit einem Vorschlag und einer Unterstützerliste auf einem Schmierzettel. Dann haben wir noch einen Antrag für die Satzungsänderung geschrieben. In kürzester Zeit konnten die erforderlichen Unterschriften eingeholt werden. Damals scheiterte der Vorstoß leider noch , da das Mindesteintrittsalter für den Aufsichtsrat bei 30 Jahren lag. Das wurde dann heruntergesetzt auf 25 Jahre, dies kam für die damalige Wahl jedoch zu spät.

Jedenfalls scheiterte 2017 dieses Vorhaben noch, obwohl es von Gremienseite durchaus Angebote zur Mitarbeit an die Fanszene gab. Zu Beginn der Saison 17/18 fand ich dann andere Ebenen, wo ich mich einbringen konnte. Dazu gehört wie gesagt auch die Abteilung Herzblut. Zur Insolvenz wurden dann die Gremien neu aufgestellt, geblieben waren noch Jens Lüdecke und Daniel Bettermann. Jens Rose feierte sein Comeback und der Kasseler OB Christian Geselle beteiligte sich. Über die aktuelle Möglichkeit , Teil des Aufsichtsrats zu werden, hab ich mich vor allem mit Gleichgesinnten ausgetauscht, so ein Aufsichtsratsposten ist ja auch ein Life-changing-moment. Es handelt sich um ein Ehrenamt und wenn du sowas machst, kannst du eigentlich auch vieles andere streichen. Auf der anderen Seite sitzt du eben auch am größeren Hebel, kannst vieles richtig machen, aber auch so einiges zerstören, wenn’s schief geht. Mir sind noch Worte von einem Freund im Ohr der sagte, dass es ja nicht um das Ablegen der Fankultur oder einer Ultramentalität geht, sondern dass es auch eine Steigerung oder Vollendung des Ganzen sein kann. Das ist eine sehr interessante Perspektive. Die Einflussnahme, Mitgestaltung, das Gehörtwerden, das ist es doch, wonach sich viele engagierte und interessierte Fans sehnen.

Die Gremienmitglieder machen das ja im Grunde genommen nicht, weil sie in irgendeiner Weise davon profitieren, sondern weil sie den KSV geil finden und an das Potenzial glauben. Ob die jetzt zwölf Stunden Auswärts fahren oder in der Saison drei Auswärtsspiele sehen, ob sie auf der Haupttribüne sitzen oder im Regen in der Nordkurve stehen. Am Ende sind es alles Fans die den KSV geil finden.

Blog36: Also gab es nicht den einen Grund oder den einen Moment, der dich dazu gebracht hat, zu kandidieren?

Flo:​​ Es gab verschiedene Impulse, bei denen ich mir sagte, das muss geschehen und zwar bei nächster Gelegenheit und im Notfall auch in einer Kampfabstimmung. Ich habe gestandenen Männern in Armen gelegen und geheult als es schlecht stand um den Verein. Einfach, weil wir nicht wussten ob man nach der Winterpause überhaupt noch den KSV im Auestadion spielen sieht. Solche Begegnungen gab es im Kleinen wie auch im Großen. Triffst du jemanden in der Stadt, der betröppelt nach unten guckt, weil es um den KSV scheiße steht, oder sprichst mit Leuten im Fanclub und es wird nur Trübsal geblasen – natürlich verändert das die Sicht auf die Dinge.

Ja, das hören wir ja nun nicht zum ersten Mal, aber sowas darf es nie wiedergeben. Ich habe fundiertes betriebswirtschaftliches Wissen, wobei ich damit im Aufsichtsrat nicht alleine bin. Dazu nehme ich auch, so glaube ich, die Entwicklungen des aktuellen Fußballgeschehens ganz gut wahr. Alles in allem bin ich der Auffassung, dass der  Aufsichtsrat primär den Mitgliedern verpflichtet ist und nicht den Sponsoren, Geldgebern und der Öffentlichkeit. Und da die treuen Mitglieder am dauerhaften Fortbestand des KSV Hessen Kassel interessiert sein werden, ist das natürlich das oberste Ziel.

Blog36: Wie lassen sich Job, Familie und alles weitere mit dem Ehrenamt verbinden?

Ich habe das große Glück, zentral zu wohnen, in der Stadt zu arbeiten und allgemein kurze Weg zu haben. Daher kann ich das Ganze mit Job, Studium, Familie, Freundin und allem anderen was wichtig ist richtig gut verbinden. Mein Arbeitgeber ist modern aufgestellt, wir haben sehr flexible Gleitzeitmodelle, von denen ich schon als Fan bei so mancher Auswärtsfahrt profitierte ;-).

Blog36:​ Was willst du für Impulse setzten und an welchen Stellen glaubst du, dass nur du sie setzen kannst?

Flo:​​ Ich glaube, das was ich mache, könnten viele andere von uns ebenfalls. Vielleicht war mein Name schon präsent, da ich mich bei der Abteilung Herzblut engagierte und vom beruflichen Hintergrund her vom Verein als geeigneter Kandidat gesehen wurde. Der Aufsichtsrat ist ja erstmal nur Kontrollgremium. Ich glaube, dass die Einflussnahme nicht unbedingt so ausgeprägt sein wird.  Mir ist eine nüchterne Betrachtung unter Wahrung der Faninteressen wichtig, wenn die aktuellen fußballerischen Entwicklungen auf das Betriebswirtschaftliche trifft. Das könnt ihr mir gerne als Thema auf die Stirn schreiben. Ich habe weder Bock, ein Sponsorenlogo im Wappen zu tragen, noch den KSV in der 7. Liga spielen zu sehen, noch das der Verein in dieselbe finanzielle Situation wie in den letzten Jahren gerät. So geht es wahrscheinlich den meisten unserer Mitglieder und gleichwohl sind wir in diese Situation gekommen. Das soll künftig anders sein. Bei größeren Veränderungen ist mir das Stimmungsbild der Mitgliedschaft sehr wichtig, denn schlussendlich gehört der Verein nicht wenigen Gremienmitgliedern, sondern über tausend Mitgliedern.

Ich glaube aber, dass wir nicht wieder in eine vergleichbare Situation wie vor 2,3 Jahren geraten werden, weil sehr sauber und gewissenhaft gearbeitet wird. Es macht wirklich einen guten Eindruck und es ist in den letzten Jahren ein gutes Fundament entstanden und dies in einem sich stetig verändernden Umfeld.  Da ich noch ein relativ junger Mensch bin, möchte ich in 30-40 Jahren noch ins Auestadion zum KSV Hessen Kassel gehen können.

Blog36: ​Glaubst du an ein gemeinsames Grundverständnis der aktuell Agierenden, als Lernerfahrung aus der letzten Insolvenz? 

Flo: (überlegt) Ich bin davon überzeugt, dass keiner da sitzt und sagt, das ist mein Projekt für die nächsten zwei Jahre. Ich will in zwei Jahren an die Tür zur Liga Irgendwas klopfen und auf dem Höhepunkt der jüngeren Vereinsgeschichte, abdanken. Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin mir sicher, dass allen Gremienmitgliedern an einem nachhaltigen und kontinuierlichen Aufbau des Vereins gelegen ist. Natürlich spricht man auch über Ziele und Ambitionen, aber im gesunden Maße. Allgemein frage ich mich durchaus manchmal, wo einige Leute die Zeit und Energie hernehmen. Das kann nur mit viel Vereinsliebe funktionieren.

Blog36: Liegt es momentan an den handelnden Akteuren oder ist es in der DNA des Vereins nun angelegt, das hier keiner mehr in Insolvenz gehen möchte?

Flo:​​ Das wollte zuvor sicherlich auch niemand – da bin ich mir sicher. Ich denke aber nicht, dass dies in die DNA eines Fußballvereins  eingehen kann. Stell dir vor, man steht in der Winterpause mit vier Punkten Abstand auf dem 2. Platz, der erste wäre der direkte Aufstieg in die 3. Liga. Gehen wir dann wissend, dass das Stadion zu Saisonende voll ist, über die kalkulierten Einnahmen hinaus und holen einen Verteidiger, der die Bude hinten dicht hält? In so einer Situation passieren Dinge, die du im Fußball einfach nicht planen kannst. Spielst du am Ende von 1200 Leuten um den vierten Platz, dann ist die Scheiße wieder da. Diese Situationen werden immer wieder kommen: die Abwägung, wie kalkulierbar das jeweilige Risiko ist. Die Problematik, mittelfristige Verpflichtungen eingehen zu müssen und zugleich nur kurzfristig mit Einnahmen kalkulieren zu können, ist eine grundlegende Herausforderung im Fußball.

Nicht mehr eintreten dürfen Situationen, wo keiner weiß, wie viel Geld denn noch vorhanden ist und ob dies oder jenes noch angeschafft werden kann.  Als interessiertes, leidgeprüftes und zukunftsorientiertes Mitglied, ist mir an einer grundsoliden und kontinuierlichen Entwicklung des Vereins gelegen und ich glaube, dass es den anderen Gremienmitgliedern ähnlich geht. Wir beaufsichtigen und kontrollieren den Vorstand gemäß unseren Aufgaben. Sogar regelmäßiger als es die Satzung vorsieht. Damit dies irgendwann mal in die DNA des Vereins übergehen kann, solide zu wirtschaften und den Verein zu erhalten, dafür sind auch  die Mitglieder verantwortlich. Es müssen dementsprechend auch künftig Leute in die Gremien entsandt werden, die diese Werte vorleben und verkörpern. Auf der anderen Seite haben unsere Mitglieder die Möglichkeit, am besten im Rahmen der jährlichen Mitgliederversammlung, ihre Erwartungen auszudrücken.

Blog36:​ Seit der letzten Insolvenz ist ja einiges passiert. Unter Fangruppierungen wurden Brücken geschlagen, die Gremien und die Fans sind gefühlt enger zusammengerückt. Ist jetzt der Höhepunkt des Zusammenwachsens erreicht?

Flo:​​ Nun ja, es sind eben nur noch die letzten 1500 Bekloppten im Stadion verblieben. Das macht es ja auch einfacher, an einem Strang zu ziehen. Ich nehme aber auch wahr, dass bei den handelnden Personen und Entscheidungsträgern ein Zusammenwachsen stattgefunden hat. Das hatte es zuvor meines Erachtens lange Zeit nicht gegeben. Dass auch die aktive Fanszene als integraler Bestandteil dieses Vereins angesehen wird, dieser Wandel wurde primär durch Alexandra Berge und Daniel Bettermann eingeläutet. Ich glaube nicht, dass wir nun den Höhepunkt erreicht haben, es ist eher eine Bergetappe, die wir gewonnen haben, dennoch geht’s am Folgetag weiter – und da kann wieder an Boden verloren werden. Auf dem Erreichten sollte sich deshalb unter keinen Umständen ausgeruht werden.  

Irgendwann wird sich immer wieder die Frage gestellt werden: Wer machts? Wer machts, wenn nicht wir selbst? Vielleicht sind wir, also unsere Generation, diejenigen, die in Zukunft in den Gremien sitzen. Vielleicht waren die Fans von der Haupttribüne früher in der Nordkurve und Kuttenträger oder standen sogar selbst auf dem Platz? Irgendwann müssen die Jüngeren aktiv werden. Das ist nur ein Mosaiksteinchen und ein weiterer Schritt, den Verein zu erhalten. Ich glaube auch, dass die Fans, egal in welcher Ecke des Stadions sie sich am liebsten aufhalten, die Leute sind, die den Verein am Ehrlichsten gegenüber den Medien, Öffentlichkeit und Sponsoren vertreten können. Es könnten noch durchaus ein paar Fans enger an die Gremien heranrücken, Plätze gibt es noch und an Know-How und Netzwerken mangelt es uns Fans sicherlich nicht.

Blog36: ​Was wünscht du dir für den KSV in den nächsten fünf Jahren?

Flo: ​​Ich wünsche dem Verein ein ruhiges Fahrwasser. Eine beständige und kontinuierliche Entwicklung nach oben. Das sich Leute mit Kompetenzen und Know-How trauen, sich in den Verein einzubringen. Das ist unverzichtbar in der fünften als auch der vierten Liga. Ich wünsche uns sehr, dass uns negative Schlagzeilen erspart bleiben und das wir, im Gegensatz zu den letzten zehn Jahren, einfach und verdammt nochmal, das Glück auf unserer Seite haben. Einfach mal den Elfmeter in der 92. Minute gegen Eddersheim bekommen. Was letzte Saison in Flieden passiert ist, das nimmst du nicht mal mehr so krass war, weil einfach so viel Mist passiert ist.  Ich wünsche mir einfach, dass wir mal ein bisschen Glück haben und Nordhessen im Laufe der nächsten Jahre wieder verstärkt hinter dem KSV steht.

Blog36: Das wünschen wir uns auch. Danke, Flo, für das Gespräch und nun viel Erfolg bei der Arbeit!

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