Worscht oder Wurscht? Stellungnahme zum Streit um einen Aufkleber

Es gibt eigentlich nur zwei Wege der Gesprächseröffnung im Block 36, die nichts mit Fußball und dem KSV zu tun haben. Entweder man fragt seinen Stehnachbarn: „Schmegged dann de Worscht?“, oder aber man fragt: „Schmegged dann de Wurscht?“.

Was gesprochen kaum unterschiedlich klingt, entzweit in Schriftform ganz Nordhessen. Kein Wunder also, dass es gerade richtig Zoff gibt um einen Aufkleber, der jüngst im Block die Runde machte. Darauf steht die Redewendung mit „o“, also: „Worscht“. Nun fühlen sich diejenigen auf den Schlips getreten, die „Wurscht“ statt „Worscht“ sagen. Kaum wurden nämlich die ersten Kleber gesichtet, hat ein handfester Konflikt seinen Lauf genommen. Die Folge waren Anfeindungen auf dem G-Platz während dem Spiel unserer Zwoten, üble Social-Media-Shitstorms und sogar eine geklaute Stracke aus dem Keller eines Blog-Mitglieds.

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Corpus Delicti: Dieser Aufkleber sorgt für Diskussionen im Block 36 des Auestadions.

Bevor noch jemand nach Südhessen ins Exil flüchtet, haben wir uns dafür entschieden, offen mit diesem Konflikt umzugehen. Wir möchten gerne die Beweggründe für die „O“-Schreibweise offen legen und hoffen, damit nicht nur die Wogen zu glätten. Wir wollen darüber hinaus für eines der wichtigsten Kulturgüter unserer Region sensibilisieren: nämlich die nordhessischen Dialektvariationen in ihrer wunderbaren Vielfalt.

Für die friedliche Koexistenz von Worscht und Wurscht

Unsere Grundposition lautet: Wir sind der Ansicht, dass beide Schreib- und Sprechweisen ihre Gültigkeit und auch ihre Berechtigung besitzen. Hierfür gibt es eine banale sprachwissenschaftliche Erklärung. Wie bei allen Mundarten muss auch beim Nordhessischen zwischen fakultativen (auch: primären) und obligatorischen (auch: sekundären) Dialektmerkmalen unterschieden werden. Das Nordhessische varriiert – entlang fakultativer Merkmale – teils von Dorf zu Dorf und von Stadtteil zu Stadtteil erheblich.

So verhält es sich auch mit der Sprechweise von „Worscht“ oder „Wurscht“. Ein schöner Indikator dafür sind die Metzgereien. Begeben wir uns auf eine kurze dialektologische Spurensuche: Nicht unweit des Auestadions werden etwa in der traditionsreichen Metzgerei Rohde die Stracke und die Runde als „Worscht“ kredenzt. In der Innenstadt heißt es bei den Metzgereien demgegenüber fast ausnahmslos „Ahle Wurscht“. Das nordhessische variiert also in der Verwendung von „o“ und „u“.

Die Degenerierung der nordhessischen Sprachvielfalt

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Das Cateringangebot im Auestadion lässt keinen Interpretationsspielraum.

Mit der „O“-Schreibweise haben wir uns für eine Variation entschieden, die sich auf dem Rückzug befindet. Wir beobachten nämlich gerade eine Einebnung, vielleicht sogar eine sprachliche Degenerierung unseres nordhessischen Dialekts in seiner Vielfalt. Mitverantwortlich für diese Entwicklung ist zweifelsohne die HNA, die seit Jahr und Tag die zwehrener Dialektvariation zum eigentlichen Nordhessischen erklärt und dadurch schon bei manchen Bewohnern unserer Region auf unverantwortliche Art und Weise handfeste Identitätskrisen und Selbstzweifel ausgelöst hat. Es verwundert deshalb nicht, dass in HNA-Artikeln überproportional von „Ahler Wurscht“ die Rede ist. Unterstützung kommt etwa vom „Förderverein Nordhessische Ahle Wurscht“. Der Verein schützt zwar auf heldenhafte Art und Weise das Reinheitsgebot unseres Kulturguts vor dem Gepansche aus dem Supermarkt oder dem Eichsfeld. Dennoch haben sich unsere Gralsritter der Ahlen Worscht (oder Wurscht) mit einem zweifelhaften Argument auf „Wurscht“ festgelegt. So heißt es in Verlautbarungen des Vereins immer wieder, man könne das Produkt dann besser vermarkten.

In das gleiche Horn stößt neuerdings auch die „Grimm-Heimat Nordhessen“, die allszus von „Wurscht“ spricht. Dabei berufen sie sich auf ihre Namensgeber. Die Urväter der Germanistik haben nämlich die „U“-Variante in ihrem Wörterbuch der deutschen Sprache festgehalten.

Sprachvielfalt erhalten

Wir finden die Argumente für den universellen „U“-Gebrauch allerdings fragwürdig. Erstens, dürfen die Variationen der nordhessischen Mundart nicht auf dem Altar der bestmöglichen Vermarktung geopfert werden. Zweitens, kann durchaus hinterfragt werden, ob die Grimms wirklich als Zeugen herangezogen werden sollten, wenn es um den nordhessischen Dialekt geht. Bei allem was wir nämlich den Grimms zu verdanken haben, sind sie immernoch in Hanau – also Südhessen!! – geboren. (Bei Spielen vom KSV haben wir die Brüder auch nie gesehen. Es wird sogar gemunkelt, sie seien ab und an zur Eintracht gegangen…) Wir finden es deshalb durchaus angebracht, an dieser Stelle die Autorität der Grimms in Frage zu stellen.

Bei allen Negativbeispielen der Degenerierung nordhessischer Sprachvielfalt, wollen wir zum Abschluss dennoch einen vorbildlichen Fall hervorheben. Dass es auch anders geht, beweist nämlich unser Sponsor „World of Ahle Wurscht“, der zwar das „u“ im Namen trägt, aber prominent im Online-Shop darauf verweist, dass es auch „Ahle Wurscht, Ahle Worscht oder auch Ahle Worschd“ heißen kann. Ähnlich diesen Beispiels treten auch wir dafür ein, die sprachlichen Variationen als Kulturschatz unserer Region in ihrer Vielfalt zu bewahren. So ruft der Aufkleber eine Dialektvariante in Erinnerung, die auszusterben droht. Die Schreibweise erhebt also nicht den Anspruch die einzig gültigen Variante zu sein. Der Aufkleber steht vielmehr Pate für das Nebeneinander fakultativer (!) Dialektmerkmale.

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7 Gedanken zu „Worscht oder Wurscht? Stellungnahme zum Streit um einen Aufkleber“

  1. Offenbar eine intellektuell-verkopfte Debatte ohne jegliche Relevanz.
    Hier nimmt man sich selbst mit seinem Aufkleber zu wichtig. Viel wesentlicher ist, daß der Nordhesse ohnehin zuviel prozessiertes Fleisch (also Wurst) aus Massenproduktion isst.
    Das passt nicht mehr so ganz in unsere Zeit.
    Weniger wäre in diesem Falle mehr.

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    1. „Der“ Nordhesse (was ist das eigentlich) isst typischerweise gern ahle Wurscht, und das ist, wenn sie gut ist, alles andere als ein Massenprodukt. Denn, wenn sie nicht aus weitestgehend handwerklicher Herstellung stammt, ist sie eben nicht gut. ;-)

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    2. Uli, da haste den Nagel mal wieder auf den Kopf getroffen: „intellektuell-verkopft“ sein und „sich selber zu wichtig nehmen“ sind doch beides Orden, die sich Blog36 gerne ans Revers heftet. Prozessiv ist die Ahle Worscht aber nicht. Die ist luftgetrocknet, oder geräuchert.

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      1. https://www.nzz.ch/wissenschaft/medizin/prozessiertes-fleisch-ist-krebsausloesend-1.18636065
        Auch das Räuchern gilt als Verarbeitungsprozess der die Haltbarkeit verlängert und damit krebsauslösend wirken kann.

        Zum Aspekt Massenproduktion:
        https://www.hna.de/kassel/suedstadt-ort92873/feinkost-fleischerei-rohde-gibt-ladengeschaeft-in-kassel-auf-8679701.html
        Sieben Schlachtschweine täglich, bis zu 40.000 Würste in der Hauptsaison in der Reifekammer.
        Und das ist nur die Arbeit eines Metzgers. Diese Tiere haben mit Sicherheit nicht auf der Wiese gestanden…

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