„Es wäre wirklich super gewesen, diese Mannschaft im Oberhaus zu sehen.“ – 3,6 Fragen an Derek Rae

Der KSV wird sie einfach nicht los: Die ewigen Mährer, die behaupten, die Löwen seien in der Versenkung verschwunden. Blog36 kann das – trotz geglücktem Regionalliga-Aufstieg auf Zuruf – so nicht stehen lassen. Da Geschnuddel vom „schlafenden Riesen“ kaum mehr überzeugt als Luggas Albrecht beim OFC, tut euer Lieblingsblog das einzig Logische: Man nehme einen der bekanntesten Fußballkommentatoren Großbritanniens und der USA („Voice of EA Sports Fifa“), befrage ihn zu seiner Beziehung zum KSV Hessen Kassel und mache daraus das wohl historischste 3,6 Fragen, welches dieser Blog bislang gesehen hat. Ladies and Gentleman, this is Derek Rae.

Derek Rae gemeinsam mit Patrick Owomoyela irgendwo in Süddeutschland. Foto: Privat

Du bist ein international bekannter Fußballkommentator – wo kommt dein Interesse für den KSV Hessen Kassel her?

Das ist eine lange Geschichte. Ich stamme aus Aberdeen im nordöstlichen Teil Schottlands. Mein Lieblingsfach in der Schule war immer Deutsch und danach habe ich die Sprache zusammen mit Politik an der Universität in meiner Heimstadt studiert. Die deutsche Sprache war und bleibt eine meiner großen Leidenschaften und hat mir unheimlichen Spaß gemacht. Meine Schule in Aberdeen hatte gute Beziehungen zu einer Gesamtschule in Hessen, nämlich der Blumensteinschule in der Gemeinde Wildeck-Obersuhl, direkt an der ehemaligen Grenze der DDR. Mein Deutschlehrer Bryan Steel hatte einen alten Kumpel, der Englisch in dieser Schule unterrichtete. 1984 haben wir einen tollen Austausch organisiert und ich erinnere mich daran, dass wir alle – sowohl diejenigen aus Wildeck als auch die Schotten – mit dem Bus nach Kassel gefahren sind. Obwohl wir direkt neben dem alten Auestadion waren, konnten wir leider nicht dahin gehen.

Derek Rae gemeinsam mit Steffen Freund irgendwo in Westdeutschland. Foto: Privat

Ein Schüler aus Hönebach im Bus hat mir gesagt, die Mannschaft sei momentan sehr stark und es gäbe gute Chancen endlich mal ins Oberhaus aufzusteigen. Natürlich war ich neugierig, denn ich hatte schon die Absicht irgendwann unabhängig in die Region zurückzukehren und als großer Fußballfan habe ich mir gesagt, ich muss unbedingt ein Spiel der Kasseler anschauen. 1985 ist es mir gelungen einen weiteren Besuch zu machen und dieses Mal bin ich einige Wochen lang geblieben und glücklicherweise hatte die Mannschaft zu dieser Zeit oft Heimspiele. Die Region hat mir ein bisschen beigebracht und ich sage öfters, daß ein Teil von mir immer noch nach Hessen gehört. Es war ein wichtiges und unvergessliches Kapitel in meinem Leben.

Was ist dir von deinen Besuchen beim KSV in Erinnerung geblieben?

Mein erstes Erlebnis im Auestadion bleibt klar in Erinnerung. Der Gegner war Viktoria Aschaffenburg und ich habe einen Stehplatz auf der Gegengerade gefunden, wo ich gleich neue Kumpels kennengelernt habe. Es war vielleicht nicht so normal, einen jungen deutschsprachigen Schotten mittendrin zu finden, aber ich wollte allerlei Information herausfinden und habe einfach Fragen an die anderen Fans gestellt. Natürlich hatte ich im Voraus die Zeitungen und den Kicker gelesen, damit ich mich relativ gut auskennen würde. Ich entdeckte, daß der damalige Trainer Jörg Berger eine bemerkenswerte Geschichte hatte. Der Spieler, der mich am Spieltag faszinierte, war Terry Scott, der eigentlich in jedem Spiel, als ich dabei war, ein Tor erzielt hat.

Pedro Aguilar erzielt gegen Aschaffenburg das 1:0 für den KSV Hessen Kassel. Foto: Lothar Koch

Ich bin davon ausgegangen, er sei Engländer, aber es gab eine kleine Debatte auf der Tribüne und einige waren sicher, er stamme eigentlich aus Schottland wie ich. Er kam tatsächlich aus England, aber egal, er hat hervorragend gespielt. Hans Wulf, Pedro Aguilar, Dirk Bakalorz und Dieter Hecking haben alle mitgemacht. Heutzutage als Kommentator, lächele ich immer, wenn ich Heckings Mannschaften kommentiere und man hört öfters mal in der Sendung, daß ich ihn als Spieler gesehen habe, als er für den KSV Hessen Kassel auflief.

Dieter Hecking steigt gegen Aschaffenburg zum Kopfball im Löwendress hoch. Foto: Jochen Herzog

Endstand auf Anhieb meinerseits war 4:1 und mein zweites Spiel im Auestadion gegen den Hertha BSC Berlin endete genauso. Andreas Köpke war zwischen den Pfosten für die Herthaner und obwohl es 0:1 bei der Pause stand, hat die Mannschaft in der zweiten Halbzeit eine glänzende Leistung geboten. Das hat mir imponiert.

Terence „Terry“ Scott bejubelt sein Tor zum 4:1-Endstand gegen Hertha BSC. Foto: Lothar Koch

Im nächsten Heimspiel gab es ein 3:0 gegen die Stuttgarter Kickers. Ich muss so eine Art von Glücksbringer gewesen sein. Leider waren wir auswärts nicht so stark. Ich habe damals die Spiele im HR verfolgt und erinnere mich daran, dass wir einen schlechten Tag in Solingen erwischt haben, als Karl-Heinz Neukirch einen Platzverweis erhielt. Als die Mannschaft schließlich den Aufstieg verpasste, habe ich über die Partie in Solingen nachgedacht. Ich kann es nicht erklären, aber wenn ich an diese Periode zurückdenke, so habe ich den Schlager „Tarzan Boy” von der Gruppe Baltimora im Kopf. Dieses komisches Lied habe ich auf jeden Fall im Stadion gehört, als man Bratwurst mit Pommes aß. Die Vorfreude war immer groß.

Was macht für dich den Reiz aus, so einen relativ kleinen Verein wie den KSV zu verfolgen?

Es ist immer etwas besonders, wenn so eine einzigartige Erfahrung in Erinnerung bleibt. Es hat ja geholfen, dass der KSV Hessen Kassel damals einen starken Kader und hervorragenden Trainer hatte und so konnte man echt an den möglichen Aufstieg glauben.

Dirk Bakalorz überspringt wie eine junge Gazelle einen Stuttgarter. Die Löwen gewannen 3:0. Foto: Lothar Koch

Ich habe die Bedeutung der Mannschaft in der Stadt und der ganzen Region gelernt und verstanden. Das wird mich nie verlassen. Es wäre wirklich super gewesen, diese Mannschaft im Oberhaus zu sehen. Es ist jammerschade, daß es nicht geklappt hat.

Terry Scott (ist wirklich Engländer) im Duell mit einem Berliner. Foto: Jochen Herzog

In Zeiten von Corona ist es unsicher, wann wir wieder als Gästefans zu Auswärtsspielen dürfen. Was müsste passieren, damit du ein Spiel für alle Daheimgebliebenen kommentierst?

Man muß einfach nachfragen. Die Zeiten haben sich während der Pandemie total verändert und ich reise momentan überhaupt nicht. Schau‘n mer mal, wie man oft im deutschen Fußball sagt.

Da fällt uns bestimmt etwas ein… vielen Dank!

Derek Rae kommentiert aus Deutschland für englischsprachiges Publikum den DFB-Pokal. Foto: Privat

Titelbild: Dirk Bakalorz gegen beim 3:0 gegen die Stuttgarter Kickers. Foto: Jochen Herzog

Alle historischen Fotos mit freundlicher Genehmigung
von Sabine Herzog und Lothar Koch.

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