Viertklassig kochen #6: Steinbacher Arteinschleppungsplatte

Der Spaß ist eindeutig vorbei: Im Hessenpokal rausgeflogen, gegen den Tabellenletzten im vergangenen Heimspiel verloren, dazu der Temperatureinsturz… Die Spielzeit ist an ihrem vorläufigen Stimmungstief angekommen und wenn am kommenden Samstag das Löwenlazarett auf ihren Ex-Dompteur trifft, ist vollkommen klar: Mit dem TSV Steinbach erwartet uns eine schwere Kost. Für mich gibt es deshalb keinen Grund bei der kulinarischen Auswärtsfahrt „gute Miene zum schlechten Spiel“ zu machen. Nein, heute wird es auch hier bierernst. Auch deshalb, weil ich bei meinen Recherchen nach der ortstypischen Kost in Steinbach auf ein durchaus ernsthaftes Thema gestoßen bin, das mich als Kasselaner zum nachdenken angeregt hat: Arteinschleppung und die Auswirkungen auf die lokale Kost.

Am Osthang der Heincher Höhe zwischen Westerwald und Rothaargebirge entspringt die Dill. Der Flusslauf hat seinem Umland einen ganz eigenen Schliff von dicht bewaldeten Talgebieten verliehen. In einem der Seitentäler liegt Steinbach, das seit den 1970er Jahren in die Stadt Haiger eingemeindet ist. Haiger selber ist durchzogen von vielen kleinen Bachläufen, in denen zahlreiche Fische herumtollen. Die Stadt nennt sich zwar selber „Die Stadt im Grünen“, konsequenter wäre allerdings ein anderes Gemeindemotto gewesen. Denn sowohl die althessische Wortherkunft Haigers („Heigerahe“; Heiger = Fischreiher + Ahe = Bach) als auch das Wappentier gehen auf den Fischreiher als die Versinnbildlichung des natürlichen Fischfeindes zurück.

Auf der Suche nach dem urtypischen Essen in der „Stadt der Fischfeinde“ führt mich meine Recherche etwa 11 km vor die Tore Haigers. Denn ich denke mir: Wo kann man besser ortstypisch essen als im „Landhaus Mühlenhof“, das am plätschernden Bachlauf in unmittelbarer Nachbarschaft zur Dillquelle das perfekte Ambiente für Fischgenuss liefert und sich außerdem mit dem Beinamen „Die Perle an der Dill“ schmückt. Der erste Eindruck ist dann aber ernüchternd: Beim Eintreffen erwartet mich Werbung für das Oktoberfest im Bierzelt, das am kommenden Samstag ausgerichtet wird und außerdem die tollen Tagesangebote: Mittwoch „Burgerabend“, am Donnerstag „Pizza-Wahnsinn“ und am Freitag „All you can eat buffet“. Die „Perle an der Dill“ hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.

Erst auf den zweiten Blick werde ich fündig. Schüchtern versteckt sich die Kategorie „Aus dem Dillbach“ zwischen Schnitzelpfännchen und Pfeffersteak die zum Vorschein bringt, was der Bach aktuell so alles hergibt. Der Karte und meinem geschulten Gaumen folgend esse ich schlussendlich auf der großen Fischplatte „Dilltal“ genüsslich kredenzt atlantischen Seelachs, Nordseegarnelen, südostasiatischen Pangasius und Talapia der seinen Ursprung in Mosambik hat.

„Arteinschleppung“ nennen das Biologen. Einerseits ist das ein relativ normaler Vorgang, denn Bäche und Flüsse sorgen unablässig für den Artenaustausch und transportieren Erbmaterial durch ihre Gefilde. Das sorgt dafür, dass Flora und Fauna immer dem Wandel unterliegen. Die Ausbreitung gebietsfremder Tiere und Pflanzen wird für heimische Gewässer nach Experten-Ansicht allerdings wegen Überfischung, Klimawandel, etc. immer problematischer. Die Vorgänge bedrohen die Artenvielfalt und stören das natürliche Gleichgewicht.

Die Menschen in Haiger haben offenbar eine schlaue Problemlösung hierfür gefunden. Anstelle der ortstypischen Regenbogen-, Bachforellen, Döbel, Äsche, Barsch und Weißfische konzentrieren sie ihren Fischkonsum neuerdings auf die gebietsfremden Tiere. Das ist schlau. Denn dem Pangasius oder aber dem Mosambik-Buntbarsch fehlt in der Dill der natürliche Fraßfeind. Eine Forelle kann gegen diese Brummer einfach nicht anstinken und auch der Fischreiher kriegt die Dinger oft nicht runter ohne sich heftig zu verschlucken. Demgegenüber haben sich die menschlichen Fischfeinde aus Haigar sehr schnell den gewandelten Umweltbedingungen angepasst und sorgen mit ihrer Dilltalplatte wieder für das natürliche Gleichgewicht. Interessanter Ansatz!

Nachdenklich fahre ich wieder nach Kassel. Ich ertappe mich bei dem Gedanken wie die Stadtgesellschaft bei uns wohl reagieren würde, wenn auch auf unserer Speisekarte Waschbären oder Komorane landen würden. Immerhin findet man seit geraumer Zeit in der Kasseler Markhalle die Ahle Worschd ja in allen Variationen: Schwein, Rind, Wildschwein, Hirsch… Warum also nicht auch Waschbär? Ich verwerfe den Gedanken aber schnell wieder. Wie oft haben mich die Waschbären in der Kurhessentherme erheitert, als sie zwischen den ganzen zwanghaft Entspannten in aller Seelenruhe den Salzbelag der Sauna aufgeschleckt haben. Und auch die vom Komoran wirklich aufs heftigste verkoteten Bäume in der Buga oder am Flußlauf des Gut Kragenhofs haben einen ganz eigenen Charme. Sie bieten im Hochsommer ein einzigartiges, raureifartiges Farbenspiel, auf das ich nur ungern verzichten will. Irgendwie hat es doch etwas, wenn die Fraßfeinde mal nicht ihre Finger im Spiel haben.

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Erwischt! Waschbär mampft in der Aue Pommes.

Warum diese seltsame Rubrik? Das erfährst du hier.

Steinbacher Arteinschleppungsplatte:

250g Lachs-Filet
250g Pangasius-Filet
250g Talapia-Filet
150g Frisch gepulte Nordseekrabben
3 Zitronen
Salz, Pfeffer
2 Eier
Mehl
Öl
Petersilie

Die vorbereiteten Fische auf eine Platte legen, mit dem Saft von einer 
Zitronen beträufeln, mit 1 1/2 TL Salz und 1/2 TL Pfeffer würzen. 
Das Öl in einer Pfanne mit hohem Rand erhitzen. Die Eier über einem 
großen Teller aufschlagen. Die Fische in Mehl und danach in Ei wenden. 
Den Fisch knusprig braten. Die Fische auf Teller verteilen, je 1/2 
Zitrone dazulegen und das restliche Salz, den Pfeffer und die Petersilie 
drüber streuen. Dazu können Salzkartoffeln gereicht werden.

 

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3 Gedanken zu „Viertklassig kochen #6: Steinbacher Arteinschleppungsplatte“

  1. Joa.
    Kann man so machen…etwas beschreiben, was eben nicht aus der Region kommt.
    Man könnte aber auch irgendein Dillgericht empfehlen (Dill, ne?!) oder aber auf das Haigerer senfatelier
    und seine Creationen verweisen…oder auf die Metzgerei Stahl in Haiger/Fellerdilln.
    Guten Appetit.

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    1. Uli, etwas zu beschreiben was „nicht aus der Region kommt“ ist ja genau Thema des Blogbeitrags. Ich finde es erstaunlich, wie sich die Küche dort den gewandelten Umweltbedingungen angepasst hat. Das wollte ich in dem Beitrag zum Ausdruck bringen. Du kannst dir gerne ein eigenes Bild von der Fischplatte „Dilltal“ in besagtem Landhaus machen. Ich prophezeie dir, dass du extakt diese Fische vorgesetzt bekommst!

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      1. … ich nehme aber deinen enttäuschten Unterton zur Kenntnis und hoffe, dass dir der nächste Beitrag in der Rubrik besser schmeckt.

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