Steinbach ausgebremst – Ein Punkt für die Moral

Im Auto wummert es aus den Boxen, die 90er sind zurück: „Is everybody on the floor?“ fragt H.P. Baxxter von der Elektro-Tanzkapelle Scooter um dann zu verkünden: „We put some energy to this place!“ Jaaa, sehr gut, denkt Blog36, mach weiter. Und H.P. liefert: „I want to see you sweat!”. Wir sind bereits elektrisiert, doch Baxxter legt nach: “I said, I want to see you sweat!”. Genau unser Ding. Blog36 groovt und grölt bei Abfahrt im Chor: „Haiger Haiger! How much is the Mink?“

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Traktoren, Sonntagsfahrer, Marburger Land.

Wenn man über die Dörfer tingelt, ist das von Haiger eingemeindete Steinbach für unseren KSV kilometermäßig das nächstgelegene Auswärtsspiel in diesem Jahr. Also: Ruff auf die A49, bis es nicht mehr geht. Und wenn es nicht mehr geht, folgen noch schlappe 100 Kilometer schönste Landstraße, mit allem was das Landleben so zu bieten hat: Rentner, die konstant 70 fahren, außerorts wie innerorts. Tiefergelegte Dorfprollos mit ihren tiefergelegten Autos und Hirnen. Lange Schlangen hinter Trekkern. Lange Schlangen auch Samstag mittags um 12 beim Bäcker. Die Fahrt vergeht schnell, es ist ja um die Ecke: hinter Schwabendorf und Hirzenhain nur noch schnell über Sterzhausen, Josbach und Halsdorf nach Dautphetal. Dort dann nur noch kurz über Fronhausen und Eibelshausen nach Steffen(friedrich)berg und dann ist man eigentlich schon in Eiershausen. Von dort aus ist es wirklich nicht mehr weit, denn man ist ja schon fast in Dillenburg. Dann nur noch kurz an Sechshelden vorbei und zack – ist man schon da!

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Endlich wieder Racing bei Blog36.
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Mittelhessische Provinz.

Angekommen im Stadion: erstmal die Aufstellung checken. Coach Cralle ist mal wieder zum Umbau der Abwehr gezwungen, das Verletzungspech nimmt kein Ende. Sergej Schmik musste in die Innenverteidigung neben Abwehrchef Giese rücken und – so viel sei vorweg genommen – beide lösten ihre Aufgabe nach kurzen Anfangsschwierigkeiten mit Bravour. Brandner rückte auf die rechte Abwehrseite, links durfte erneut Steven Rakk von Beginn an ran. Im Mittelfeld gab Cralle Adrian Bravo Sanchez die Chance von Beginn an, neben Interimskapitän Siggi Evljuskin. Auf den Außenbahnen wirbelten mit Yassine Khadraoui und Nael Najjer zwei Jungspunde, bei denen bei nicht-näherer Betrachtung akute optische Verwechslungsgefahr besteht – genialer Schachzug von Cralle. Trotz massiver personeller Abwehrprobleme stellte der Coach Lukas Albrecht vorn in den Sturm. Dazu den schnellen Marco Dawid. Die Bank dünn besetzt: Cralle sollte im Spielverlauf sein Wechselkontingent nicht ausschöpfen.

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Feels like Hochsicherheitsspiel. Die Hessische Landespolizei hatte ordentlich aufgefahren.

Auf der Gegenseite dann also unser Ex-Trainer, mit dem wir zwar den Hessenpokal gewannen, von dem aber emotional nicht mehr viel in Kassel übrig geblieben ist. Vieles davon hat er sich sicher selbst zuzuschreiben, mit Kritik souverän umgehen war nie so seins. Von daher passt der TSV Steinbach eigentlich ganz gut zu ihm. Ein Dorfverein mit nicht vorhandener Fankultur, sieht man von den 400 Schulkindern ab, die Freikarten bekamen und wahrscheinlich vom Dorfpfarrer ins Stadion gezwungen worden. Hier widerspricht niemand Mink, weil auch niemand da ist, der widersprechen könnte. Und das Beste ist: Ruckzuck ist man auf der A45 und ruckzuck ist man dann in Köln bei Kindern und Frau. Für Mink ist sein Trainerengagement beim TSV, das aus der Entlassung von Ex-Chancentod Thomas Brdaric resultiert, der Gerüchten zufolge in Steinbach im Übrigen knapp 20.000 Euro im Monat verdiente, eine echte Win-Win-Win-Win-Win-Situation, zumal auch die finanzielle und damit auch sportliche Seite stimmt: mit Spielern wie Herzig, Dulleck, Adamyan und Jovanovic ist viel Klasse und Erfahrung im Kader. Insbesondere der bundesligaerfahrene Nico Herzig dürfte nicht für nen Appel und nen Ei in dieses Nest gewechselt sein. Blog36 freut sich für Mink und das ist wirklich ernst gemeint. „Don’t look back in anger“ und so.

Das Spiel nahm einen erwarteten Verlauf. Steinbach kam mit viel Rückenwind von vier siegreichen Partien in Folge auf den Platz und übernahm sogleich das Kommando. Es kam zu ein paar brenzligen Szenen vor dem Kasten von Niklas Hartmann, doch die Defensive der Löwen hielt. Auf der anderen Seite kam es zu einem schönen Spielzug über links, Yassine Khadraoui suchte mutig den Abschluss, der Ball verfehlte den Kasten nur knapp. In der 15. Minute brachte Steinbach eine hohe und ungefährliche Flanke in den Strafraum, Tim-Phillip Brandner klärte völlig unnötig mit dem Kopf zur Ecke. Die Murmel wäre auch so ins Toraus gegangen. Die Ecke hatte Folgen. Man hätte es ahnen können als besagter Nico Herzig aus der Innenverteidigung nach vorn trabte. Nein, er stampfte vielmehr. Herzig, dieses alte Ur-Viech, schraubte sich hoch und wuchtete das Ding mit seinem Eisenschädel in die Maschen. Dabei profitierte er von einem Ausrutscher von Hartmann, der nach dem Spiel zurecht klagte, dass man direkt vorm Anpfiff seinen Fünfmeterraum viel zu sehr gewässert hatte. Ohne den Ausrutscher hätte Hardy den Kopfball der alten Wuchtbrumme wohl locker entschärft. Sei es drum: 0-1. Mund abmachen, weiterputzen.

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Steinbacher Reservist, der einige Kasseler Fans als „Hurensöhne“ identifizierte.

Doch dann tat die Mink-Elf etwas, was bei Kasseler Mink-Elfen bisher verboten war: nach einer Führung weiter nach vorne spielen! Verwundert rieb sich Blog36 die Augen: What happened to the Mink’scher Beamtenfußball? Der KSV störte den TSV in dieser Phase nicht konsequent genug, Steinbach schaltete unglaublich schnell um und kam immer wieder gefährlich vors Tor. Allein die letzte Konsequenz im Abschluss fehlte.

So. Genug der Phrasen. Gegen Ende der ersten Hälfte wurde es dann hässlich. Der 19-jährige Löwe Khadraoui hatte gerade den Turbo gezündet und wollte über rechts durchstarten, da fliegt der Steinbacher Bisanovic von der Seite mit beiden Beinen gestreckt voran in Yassines Beine. Autsch. Nachdem ein paar Minuten vorher Herzig für eine ähnliche Grätsche mit Gelb noch gut weg kam, war für Bisanovic nach dieser Aktion der Arbeitstag vorzeitig beendet. Und das absolut zurecht. Der Steinbacher Mob sah das natürlich anders. Die Haupttribüne empörte sich lautstark und man hatte kurzzeitig die Befürchtung, Schiri Laier würde nach dem Spiel mit Mistgabeln aus dem Dorf gejagt werden. Der Heidelberger dürfte sich bei seinem Ausflug zum Hessen-Derbychen auch gefragt haben, wohin er da nun reingeraten ist. Nach der roten Karte kam es erstmal zu einer schönen Rudelbildung, bei dem Steinbachs Kunert nach heftigem Gerangel sich nicht hätte beschweren dürfen, wenn der Schiri ihn gleich mit vom Feld geworfen hätte. Widerliche Dorfprollos. Kein Benehmen. Nehmt euch mal ein Beispiel an Kassel. Immer höflich. Immer adrett.

 

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Frederic Löhe will nach Blog36-Informationen Tim Wiese sein.

Schiri Laier pfiff dann erstmal zur Halbzeit und es kam mit Beginn der 2. Hälfte die Zeit von Frederic Löhe, dem Steinbacher Torwart. Sorry Freddy, jeder Mensch darf Vorbilder haben, aber du siehst ja aus wie Tim Wiese!!! Muss das sein? Die oben beschriebene Kasseler Höflichkeit entlud sich nun auf Wiese, ääh, Löhe und das alles aufgrund der zwei Kilo Pomade, die Löhe genau an jener Körperstelle über den Platz schleppte, wo andere Menschen ihre Frisur haben. Kassel nun 45 Minuten in Überzahl, was mit Hinblick auf die jüngste Kasseler Vergangenheit kein Vorteil sein muss, wie der Kenner der Szene weiß. Doch unser KSV agierte nun mutiger und suchte immer wieder den Abschluss. Gleichzeitig blieb Steinbach im Umschaltspiel gefährlich und kam ebenfalls zu guten Gelegenheiten. Doch wie bereits erwähnt, die Abwehr stand in der zweiten Hälfte bombensicher, insbesondere die Innenverteidigung kochte alles ab, was auch nur halbwegs nach Gefahr roch. In der 68. Minute hatte der KSV die Steinbacher dann hinten festgesetzt. Über Bravo-Sanchez und Albrecht gelangte der Ball zum gerade erst volljährig gewordenen Steven Rakk, der die Lücke sah in die Marco Dawid gelaufen war. Dieser vollstreckte dann halbhoch über Löhe hinweg zum mehr als verdienten Ausgleich. Es war ein vertrautes Gefühl: die Mink-Elf führte 1-0, musste dann aber dennoch den Ausgleich hinnehmen, weil verpasst wurde, frühzeitig den Sack zuzumachen. Manchmal auch schön, wenn Dinge so bleiben wie sie sind.

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Kassel feiert den Ausgleich.

Doch der KSV wollte jetzt noch mehr, es blieb bei dem offenen Schlagabtausch. Hardy entschärfte einen gefährlichen Freistoß, auf der anderen Seite verfehlte der mitaufgerückte Giese eine Flanke knapp. Und auch der Torschützenkönig der Herzen, Basti Schmeer, der bereits kurz vor dem Ausgleich für den gelb vorbelasteten Khadraoui aufs Feld kam, konnte am Ergebnis nichts mehr ändern, obwohl er zweimal schön seine Rübe bei Flanken hinhielt und das Tor beide Male nur knapp verfehlte.

So konnten sich Cralle und Mink am Ende die Punkte teilen und niemand ging so richtig unzufrieden nach Hause. Außer Mink natürlich. Der hat immer was zu mähren. Hat er wohl in Nordhessen gelernt. Und so zeterte er die gesamte Pressekonferenz über und haderte mit der Leistung des Schiris, der hoffentlich mit seinem Gespann wieder unbeschadet nach Heidelberg zurückkehren konnte und nicht von den Steinbacher Eingeborenen verspeist wurde.

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Ein Becherpfand würde diesem Gästeblock guttun.
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Stau im Dorf: Alle wollen wieder weg.

Der KSV hats geschafft, der Siegesserie der Siegerländer-Bremsen-Millionaros ein Ende zu setzen. Letzten Endes ein verdienter Punkt eines arg verletzungsgeplagten Löwenrudels. Cralles Philosophie, den jungen Spielern immer wieder und wieder Einsatzzeiten zu geben statt sie, wie so häufig bei Mink, auf der Bank versauern zu lassen, wirkt.

Nun wartet am nächsten Wochenende eine weitere Herkulesaufgabe auf den KSV: die zweite Mannschaft der TSG Hoffenheim. Diese gewann drei ihrer letzten vier Spiele und erzielte dabei erstaunliche 14 Tore. Der goldene Oktober naht. Goldener Oktober? Was es damit auf sich hat, erklärt euch Blog36 nächste Woche!

 

P.S. Ein warmherziger Gruß geht ans Social-Media-Team des TSV Steinbach, die wirklich eine tolle Arbeit machen. Wir hoffen, ihr könnt die Kritik an eurer schönen Gegend und eurem Verein genauso sportlich sehen und ertragen, wie wir gestern 45 Minuten aus Nahdistanz die Frisur eures Keepers ertragen haben. Kommt doch zum Rückspiel gern mal bei uns vorbei!

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