Saisonziel? Klassenerhalt! Nichts anderes.

Kaum wieder in der Regionalliga etabliert, sorgten die ersten sieben Spiele der Saison 22/23 für Ernüchterung bei den Löwen. Schlechtester Saisonauftakt seit dem Regionalliga-Aufstieg 2006 – so lautet die bittere Realität. Dabei wuchsen die Bäume doch eigentlich schon wieder in den Himmel. Zeit für eine möglichst schonungslose Bestandsaufnahme.

Die Saisonverläufe unterliegen beim KSV Hessen Kassel eigentlich einer gewissen Kontinuität: Geil oder zumindest semi-geil starten, vom Uffstieg träumen, dann kommt der „Goldene Oktober“ (wir berichteten einst ausführlich) und zack: kommt die Ernüchterung! Ein Blick zurück auf die letzten 16 Jahre KSV zeigt: Nach sieben Spieltagen war ein einstelliger Tabellenplatz in den allermeisten Fällen drin, häufig auch eine Top-5-Platzierung. Im Jahr 2010 waren wir nach sieben Spieltagen sogar Spitzenreiter, 2015 gewannen wir fünf der ersten sieben Spiele. Dies sorgte meist dafür, dass die Erholung zum Ende der Sommerferien noch bis zum Herbst anhielt. Wie wunderbar! Doch dieses Jahr ist alles anders: sieben Spiele – kein Sieg, zuletzt drei bittere Pleiten in Folge. Das gab’s noch nie. Selbst in unserer Insolvenz-Saison 17/18 hatten wir nach sieben Spielen eine bessere Ausbeute – und das obwohl wir mit 9 Minuspunkten ins Rennen gingen.

Auffällig: Viele Neuverpflichtungen verletzten sich

Der Start in diesem Jahr also verlief verglichen mit den Vorjahren katastrophal. Ursachen dafür gibt’s Viele. Eine nicht Unwesentliche ist die lange Verletztenliste. Unlängst haben sich die offenbar ausgezeichneten Kasseler Reha-Angebote rumgesprochen. Spieler kommen – und verletzen sich sofort. So geschehen bei Tim Dierßen und Oliver Issa Schmitt, Nils Stendera ist auch so ein Kandidat und bei Kevin Nennhuber begann es damals ebenfalls so. Häufig waren Spieler in jüngerer Vergangenheit schon auf der Verletztenliste, da kannte sie im weiten Rund noch gar keiner. Oder erinnert sich etwa noch jemand an Pascal Maiwald? Siehste. In diesem Jahr haut die Verletztenliste richtig rein. Doch verletzte Spieler zu beklagen ist genauso überflüssig wie über teure Bierpreise im Stadion zu mähren – es muss ja trotzdem weiterlaufen.

Bei der weiteren sportlichen Analyse darf folgende Tatsache nicht unbeachtet bleiben: Die Mannschaft von Tobi Damm landete in der vergangenen Saison auf einem herausragenden 7. Platz – die beste Saisonplatzierung in der Regionalliga seit der Meistersaison 2012/13. Eine sensationelle Leistung, die von vielen als nahezu selbstverständlich hingenommen wurde. Hoffenheim, Bornheim, Großaspach – alles, was große Ambitionen hatte, wurde abgeschüttelt. Pirmasens schoss man mal wieder in die fünfte Liga. Ein Auswärtssieg in Offenbach hier, ein Auswärtssieg bei Tabellenführer Mainz dort. Einen Drittligaabsteiger zu Hause 4:0 abschießen? Auch kein Problem. Was nicht erkannt wurde: unsere Équipe hat in der vergangenen Saison am absolut oberen Rand ihrer Möglichkeiten gespielt, vielleicht sogar auch etwas darüber. Nach den Abgängen von Bravo Sanchez, Meha, Saglik & Co. hätte das kaum einer für möglich gehalten.

Zielsetzung und Kaderplanung passen nicht zusammen

Das Konzept der Weiterentwicklung junger und auch regionaler Spieler machte sich bezahlt. Folgerichtig, dachten sich Einzelne im Verein, dass es jetzt Zeit ist, mal wieder einen rauszuhauen. Perspektivisch soll es Richtung 3. Liga gehen, in der nächsten Saison wolle man sich in der Tabelle noch weiter verbessern. Schöne Ziele – aber das muss dann eben auch mit Substanz unterlegt werden. Dass Moritz Flotho sein Glück in einer Bundesliga-Reserve versucht und nicht zu halten war, ist bedauerlich, aber verständlich. Dass beide Architekten der Kaderplanung, Steffen Friedrich und Jörg Müller, im Sommer den Verein verlassen, war ein herber Schlag, dessen Auswirkungen jetzt offensichtlich werden. Im Fall von Müller sollen Teile des Vorstandes zu stark ins Sportliche eingegriffen haben. Ein fataler Fehler.

Wenn man sich derzeit im Auestadion umhört, scheint einigen die Ernsthaftigkeit der Lage noch nicht bewusst zu sein. Man gewinnt den Eindruck, man komme da schon irgendwie raus, die Mannschaft habe ja das Potenzial. Hätte sie ja bewiesen. Letztes Jahr. Dumm nur, dass uns die 51 Punkte aus der letzten Saison gerade gar nicht mehr weiterhelfen. Es geht in diesem Jahr um den Klassenerhalt. Um nicht mehr und um nicht weniger. Diese Einstellung scheint bei einigen Schlachtenbummler*innen, Vereinsverantwortlichen und vielleicht sogar auch dem ein oder anderen Spieler noch nicht angekommen zu sein. Doch das muss sich dringend ändern: Wir sind im Abstiegskampf, Leute!

Wer die Trainerfrage stellt, macht es sich zu einfach

Stellt sich als nächstes unweigerlich die Frage, ob der Trainer noch der richtige Mann am richtigen Ort ist. Ist halt so im Fußballgeschäft. Tobi Damm wird vorgeworfen, er könne nur ein Spielsystem spielen lassen, sei aufgrund der fehlenden A-Lizenz einfach nicht ausreichend qualifiziert für den Job. Das ist großer Bullshit. Aber richtig ist, dass jetzt ein neuer Impuls folgen muss – und zwar mit Tobi Damm. Einige seiner Entscheidungen müssen hart infrage gestellt werden, zum Beispiel die Ungefährlichkeit vorm gegnerischen Kasten oder die Ideenlosigkeit im Spiel nach vorn.

Auch warum so viele Spieler derzeit einfach (deutlich) unter ihren Möglichkeiten bleiben, muss von Dammi beantwortet werden. Ebenso sind die Auswechslungen und die Zeiten der Auswechslungen zu hinterfragen: Noah Jones zeigte in Homburg 60 Minuten eine ansprechende Leistung und muss dann vom Feld? Als das Spiel auf der Kippe steht und Homburg drückt wie Sau, wird mit der Auswechslung von Kevin Nennhuber der tapfer kämpfende Defensivverbund auseinandergerissen und die ganze Verantwortung dem jungen Paul Stegmann zugeschoben. Warum? Zu allem Überfluss kam dann auch noch eine ordentliche Portion Dummheit dazu: Der mit Gelb vorbelastete Nennhuber sieht nach Rudelbildung von der Bank aus Gelb-Rot und verschärft damit massiv die angespannte Personalsituation in der Abwehr für das Spiel am Freitag gegen Fulda.

Stillstand neben dem Platz

Neben taktischen Fragen scheint es aber vor allem ein Einstellungsproblem zu geben. Da ist der Trainer gefordert, aber auch jeder Einzelne auf und neben dem Platz. Der Traum, mit dieser Mannschaft mit den Großen dieser Liga über eine ganze Saison lang mithalten zu können, mag zwar verständlich sein – letztlich entspricht das aber ganz und gar nicht der Realität. Belastbare Strukturen fehlen, größere Sponsoren sowieso und letztlich wohl auch sportlicher Sachverstand in der Führungsetage. Neben dem Platz herrscht seit zu langer Zeit Stillstand – die Weiterentwicklung des Kaders und der jungen Spieler brauchen aber diese Impulse von außen. Warum Jörg Müller den KSV im Sommer verließ, wurde seitens des Vereins öffentlich nicht gut kommuniziert. Klar, Interna gehören zu Recht nicht nach Außen. Aber die Öffentlichkeit kann schon erwarten, dass das Vakuum in der sportlichen Leitung gefüllt wird.

Vermeintlich findige Beobachter*innen sehen nun in Christian Andrecht, dem Trainer der U23 mit A-Lizenz, eine vergleichsweise kostengünstige und vereinsinterne Alternative zu Tobi Damm. Nein, man sollte natürlich nicht aus Nostalgie-Gründen an der Person festhalten, die den Verein mittlerweile so gut kennt, wie kaum ein anderer. Aber man sollte Vertrauen in die Fähigkeiten jenes Trainers haben, der in der Lage war, uns aus der Hessenliga wieder herauszuführen und im vergangenen Jahr die – wie bereits erwähnt – beste Saisonplatzierung seit langer Zeit einzufahren. Dafür gab es von außen viel Lob und Anerkennung. Ein paar Wochen und fünf verlorene Spiele später sind es die gleichen Trolle, die jetzt seine Entlassung fordern. Nein, der KSV sollte an dieser Stelle nicht den typischen Weg gehen und den Trainer freisetzen.

Schmerz annehmen und Hessen-Derbys rocken

Es ist davon auszugehen, dass Tobi Damm, wenn er merkt keine sinnvollen Impulse mehr setzen zu können, sich nicht in den Weg stellen würde. So selbstlos wie Tobi auf dem Platz spielte, ist er auch als Typ auf der Trainerbank. Und so lang er noch die Auffassung vertritt, die Mannschaft zu erreichen, sollte das gesamte Löwen-Rudel dem Trainer das Vertrauen entgegenbringen und daran mitarbeiten, dass wir diesen verkackten Saisonstart korrigieren. Dass das möglich ist, zeigte auch das Spiel in Homburg mit einer ansprechenden ersten Halbzeit gegen ein absolutes Top-Team der Liga. Abstiegskampf annehmen – darum geht’s! Das ist mit Schmerzen verbunden, als Löwen sind wir diese gewohnt. Höchste Zeit, dass das jede*r begreift, der will, dass wir auch im nächsten Jahr noch Regionalliga-Fußball im Auestadion sehen. Auch auf das Publikum kommt es jetzt an. Ob 900 oder 1500 – der KSV hat schon oft bewiesen, dass niemand außer die eigenen Anhänger an ihn glauben muss.

Kopf hoch und Arsch ins Stadion. Jetzt erst recht, jetzt oder nie!

Ein Gedanke zu “Saisonziel? Klassenerhalt! Nichts anderes.”

  1. Kompliment! 👐

    Punktgenaue Analyse. So sehe ich es auch! Wir haben auch keine Alternative. Kein Geld, keine Zuschauer, kein Nachwuchs -Leistungszentrum! Da können wir keine Wunderdinge erwarten, sondern aus den vorhandenen Möglichkeiten das bestmögliche machen. Und das heißt:

    Ins Stadion gehen!
    Unser Team unterstützen!
    An den ersten Sieg glauben!

    Jetzt ist das Trainerteam vor allem psychologisch gefragt. Einen neuen Impuls setzen! Zusammenrücken – vielleicht auch über die Presse (und wir haben eben nur die HNA) die Menschen unserer Region auf den Abstiegskampf einschwören. Weil ich sehe es genauso – es geht nur noch darum die Klasse zu halten!

    Auf geht’s! Nur der KSV!↗️

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