Frechheit: Ein Krankenhaus als Hauptsponsor.

Nach Volkswagen, Eisenbach Tresore und Schauinsland Reisen lautet der nächste Hauptsponsor unserer Löwen „DRK Kliniken Nordhessen“ – ein Krankenhaus als Trikotsponsor?! Sind jetzt alle völlig bescheuert? Definitiv! Aber: Der Fisch stinkt vom Kopf. Eine kritische Analyse.

„Menschlichkeit und Kompetenz“ – Die DRK Kliniken steigen ein.
Foto: DRK Klinken Nordhessen

Ein Sprung in die Vergangenheit

Wir schreiben das Jahr 2002, der KSV spielt nach erfolgreichem Aufstieg endlich wieder in der Oberliga. Damaliger Trikotsponsor: Kasseler Brauerei. Am Ende steht ein beachtlicher 2. Platz zu Buche.
Dem Gesundheitswesen in Deutschland steht in 2002 der größte und möglicherweise folgenschwerste Umbruch der jüngeren Geschichte bevor: Das sogenannte „DRG-System“ wird ab diesem Jahr schrittweise eingeführt. Um zu verstehen, was es hiermit auf sich hat, muss man einen etwas tieferen Blick in die Finanzierung deutscher Krankenhäuser werfen. Das wird jetzt etwas trocken, wenn nicht sogar staubig – ist aber wichtig!

Bis dato wurde die Krankenhausbehandlung eines Patienten über die Liegedauer abgerechnet. Vereinfacht gesagt: Für jede Nacht, die ein Mensch eine Krankenhausbehandlung in Anspruch genommen hat, bekam die Klinik einen Betrag X. Für die Krankenhäuser war es somit lukrativ, einen Patienten möglichst lange stationär zu halten – was zumeist über möglichst viele Untersuchungen erreicht wurde. Kam ein Patient beispielsweise mit verstauchtem Knöchel, bekam er neben Verband und Schmerzmitteln im weiteren Verlauf aber auch noch Magen- und Darmspiegelung (weil mit dem Magen hatte er es ja schon seit Jahren) sowie ein Check-Up das Herz-Kreislaufsystems, das wollte er nämlich eh schon seit Wochen mal machen lassen – zack: 14 Tage im Krankenhaus, deren Geschäftsführung freut’s. Den Krankenkassen war diese Rundumsorglos-Behandlung aber ein Dorn im Auge: Zu teuer!
Daher musste das System revolutioniert werden, Gesundheitsversorgung musste wirtschaftlich werden.

Mit der Einführung des DRG-Systems nach australischem Vorbild sollte nun eine 180°-Wende vollzogen werden. Eine Krankenhausbehandlung wird seitdem bis heute über die sogenannten Fallpauschalen abgerechnet. Achtung: Jetzt wird’s kompliziert.
Das bedeutet möglichst einfach gesagt, dass das Beschwerdebild (und die daraus resultierenden Diagnosen) welches den Patienten zur Aufnahme in ein Krankenhaus geführt hat, einen „Fall“ generiert. Dieser hat ein sogenanntes „Fallgewicht“ (sprich: je schwerer/komplizierter der Fall, desto mehr Kohle gibts für das Krankenhaus) und eine sogenannte „Grenzverweildauer“ (sprich: ein auf Statistik beruhender Zeitraum, in dem dieser „Fall“ durchschnittlich behandelt werden sollte). Für den verstauchten Knöchel von oben gibt es also Betrag X, egal, wie lang der Patient bleibt. Weil jeder Tag und jede Übernachtung aber Kosten für das Krankenhaus bedeutet, ist es seitdem am lukrativsten, wenn der Patient möglichst schnell wieder nach Hause geht. Also: Verband drum, Schmerzmittel in den Hals und ab zurück auf die Couch mit ihm! „Aber aber ich hab doch auch noch Bauchschmerzen seit Jahren!“ – „Nicht unser Problem“. Und der Herz-Kreislauf-Check fällt auch aus, ist ja ohnehin lukrativer für das Krankenhaus, wenn der Patient zwei Wochen später mit einem Herzinfarkt wieder kommt. Das wäre nämlich dann im Gegensatz zum verstauchten Knöchel ein „schwergewichtiger Fall“ der viel Geld für das Krankenhaus bringt. Paradoxerweise belohnt das DRG-System Krankenhäuser insbesondere dann, wenn sie möglichst großen Aufwand mit Geräten wie Herzkatheter, MRTs und CTs betreiben oder der Patient operiert wird. Anstatt den Bruch „konservativ“ im Gips ausheilen zu lassen wird er seitdem viel häufiger mit einer Platte verschraubt. Übrigens Spoiler: Das hat zur Folge, dass sich die Kosten im Gesundheitssystem seit der Umstellung vervielfacht haben. Ein Schuss in den Ofen sozusagen, es gibt nur Verlierer auf allen Seiten.

Gesundheitsminister Jens Spahn, dank ihm und der Politik seiner Vorgänger haben wir nun ein Krankenhaus als Hauptsponsor.
Quelle: BMG/Thomas Ecke

Zeitgleich mit der Umstellung auf dieses DRG-System wurde die Parole ausgegeben: Wir haben zu viele Krankenhäuser in Deutschland. Um diese Zahl zu reduzieren, behalf man sich der einfachen Regel der Marktwirtschaft, dass die stärksten überleben. Krankenhäuser mussten wirtschaftlich arbeiten und Gewinne abwerfen, sonst wurden sie insolvent und in Folge dessen geschlossen oder von privaten Krankenhauskonzernen übernommen. Um wirtschaftlich zu arbeiten, müssen vorrangig lukrative Patienten von möglichst wenig Personal behandelt werden, da Personal wie fast überall der teuerste Kostenfaktor ist. Hier kommen wir langsam bei entscheidenden Punkten an: Das Personal wird seit ca. 15 Jahren sukzessive reduziert und damit unsere Gesundheitsversorgung kaputt gespart. Gespart? Nicht überall. Private Krankenhauskonzerne haben es geschafft, aus diesem kranken System Gewinne zu generieren, die sie zum Quartalsende dann auf ihre Anteilseigner per Dividende verteilen. Wohl gemerkt: Finanziert wird das System von unseren Krankenkassenbeiträgen, die dann über viele Umwege bei irgendwelchen Aktionären landen. Wie passt das eigentlich zusammen?

Der Sprung zurück in die Gegenwart

Vor diesem zugegeben sperrigen Hintergrund finden wir nun unseren neuen Partner die „DRK Kliniken Nordhessen“ wieder. Anfang des Jahres schien alles darauf hinzudeuten, dass auch das wunderschöne, älteste Krankenhaus der Stadt im roten Backsteingemäuer Opfer der gnadenlosen Gesundheits-Marktwirtschaft wird: Die Pleite sollte sogar über Gehaltsverzicht bei den Mitarbeitern (siehe oben, an denen wurde ja eh schon seit Jahren gespart) abgewendet werden. Aber dann kam Corona und das Füllhorn von Jens Spahn. Dank geschickter Moves und den auf politischen Geheis freigehaltenen Betten für die erwarteten Covid19-Patienten sind die kappen Kassen in der Hansteinstraße plötzlich Schnee von Gestern. Nun kann also der Blick nach Vorne gerichtet werden, um das Überleben des Krankenhauses langfristig zu sichern.

Von der Politik gewünscht sollen Krankenhäuser seit Einführung der DRGs agieren wie ein Wirtschaftsunternehmen. Patienten werden dementsprechend nach wirtschaftlichen Aspekten behandelt (was oftmals nicht gleichbedeutend mit „medizinisch sinnvoll“ ist), das Personal wird folgerichtig auf ein Minimum reduziert und logisch zu Ende gedacht muss ein Krankenhaus daher auch für sich Werbung machen, um am umkämpften Kasseler Markt zu bestehen.

Für die DRK-Kliniken brachte angeblich Block 30 den Stein ins Rollen, in dem sie während der ersten Covid19-Welle einige Banner zum Dank an die Beschäftigten aller Krankenhäuser in Kassel aufhangen. Zumindest diente dies als rühriger Aufhänger der Pressemitteilung von Verein und Krankenhaus bei Bekanntgabe der Liaison.

„Helden unserer Stadt“ Block 30 auf Sponsorenfang – wer hätte das Gedacht?
Foto: fullewasser

Wer ist denn jetzt bescheuert?

Den KSV als Verein trifft keine „Schuld“ in dieser Misere. Gerade aufgrund der Corona-Krise muss er um jeden Sponsor froh sein und im Grunde stellen die „DRK Kliniken“ ein gutes Match dar: Regional verwurzelt, traditionslastig und im „sozialen Sektor“ tätig. Mit Kraus-Maffei-Wegmann hätte man es weniger gut getroffen.

Dass ein Krankenhaus als Trikotsponsor auftritt ist das i-Tüpfelchen auf einem Gesundheitssystem, das seit Jahren nicht mehr den Patient und seine Behandlung in den Vordergrund stellt, sondern die Gewinne, die am Ende des Tages bei den Aktionären von Fresenius und Co ankommen. Wer nach dem Einstieg der „DRK Kliniken“ beim KSV gefordert hat, für das Geld doch eher Pflegekräfte besser zu bezahlen oder neue einzustellen, verkennt die Situation massiv: Zum einen gibt es schlichtweg kaum noch Menschen, die in diesem verkorksten System arbeiten wollen, zum andern wäre der Betrag den der KSV für das Sponsoring wohl kassiert auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Sollte es den DRK Kliniken gelingen, durch dieses Sponsoring ihr Image in und um Kassel so aufzuwerten, dass der/die ein oder andere junge PflegerIn sich deswegen eher für diese Klinik statt für eine der vielen anderen entscheidet, ist das Geld aus DRK-Sicht gut angelegt.

Wer sich aber – völlig zu Recht – über diesen Einstieg grundsätzlich aufgeregt hat, der sollte nicht über die DRK Kliniken schimpfen, sondern über eine fehlgeschlagene Gesundheitspolitik. Man darf sich jetzt nicht damit begnügen, abends auf den Balkon zu gehen und für die chronisch überforderten Krankenhausmitarbeiter zu klatschen (oder Lavendelsträucher zu pflanzen), sondern sollte aktiv für Veränderungen im Gesundheitssystem einstehen. Unterschreibt Petitionen, schreibt Briefe an eure Landtagsabgeordneten oder achtet bei den nächsten Wahlen konkret darauf, wer eine grundlegende Reform des Gesundheitswesens oben auf der Agenda hat.

Letztlich tut ihr damit vor allem unserem geliebtem KSV einen großen Gefallen, denn mit einem Schnitt von 26,7 Jahren stellen wir die älteste Mannschaft in der Regionalliga Südwest. Unsere Rentnertruppe wird also in naher Zukunft auf medizinische Hilfe angewiesen sein – in einem dann hoffentlich besser aufgestelltem Gesundheitssystem.

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