Vom Norden lernen heißt Fairness lernen

Das Präsidium des Norddeutschen Fußballverbandes (NFV) hat am vergangenen Samstag einstimmig beschlossen, die laufende Saison aufgrund der Corona-Pandemie abzubrechen. Eigentlich kaum noch eine Besonderheit dieser Tage. Schaut man aber etwas genauer hin, beinhaltet der Beschluss kluge und faire Vorschläge zur Gestaltung der Regionalliga Nord in der kommenden Spielzeit. Ein Weg auch für die Regionalliga Südwest? Wir geben einen kleinen Überblick.

Der NFV bestimmte zunächst den derzeit erstplatzierten VfB Lübeck als Meister und Aufsteiger in die 3. Liga. Absteiger in die vier norddeutschen Oberligen (Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein) soll es nicht geben. In der Saison 2020/21 sollen, wann immer sie auch startet, nunmehr 22 Mannschaften an den Start gehen, denn man kalkuliert mit insgesamt fünf Aufsteigern.

Der NFV spricht damit allen Meistern der vier Oberligen sowie dem Zweitplatzierten aus der niedersächsischen Oberliga ein Aufstiegsrecht zu. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, denn im Regelfall folgt im Norden nach Beendigung der Saison ein intellektuell einigermaßen anspruchsvolles Relegationssystem: so spielen normalerweise die Meister aus Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein eine Aufstiegsrunde aus, von denen sich die besten zwei für die Regionalliga qualifizieren. Im vergangenen Jahr waren das Altona 93 und der Heider SV. Der Bremer SV guckte als Meister der Oberliga Bremen in die Röhre. Zudem bestreitet der Zweitplatzierte aus Niedersachsen zwei Relegationsspiele gegen den Viertletzten der Regionalliga Nord. Im vergangenen Jahr scheiterte Eintracht Northeim am Lüneburger SK.

In diesem Jahr soll aufgrund von Corona-Chaos alles anders sein: alle eben genannten sollen aufsteigen, das Teilaufstiegsrecht soll allen relegationsberechtigten Meistern bzw. Vizemeistern zugesprochen werden – also anders, als es derzeit noch die Regionalliga Südwest plant. Das bedeutet für den Norden Folgendes: in Niedersachsen steigt nicht nur der Meister Borussia Hildesheim 06 auf, sondern auch der Zweitplatzierte, Atlas Delmenhorst. In den anderen drei Oberligen werden die jeweiligen Meister bzw. „Aufstiegswilligen“ aufsteigen: Teutonia Ottensen in Hamburg, der 1. FC Phönix Lübeck in Schleswig-Holstein und in Bremen der FC Oberneuland. Der NFV setzt damit ein Ausrufezeichen in Sachen Fairness und nimmt dafür eine Aufstockung der Liga auf 22 Vereine in Kauf. Und warum denn eigentlich auch nicht? Für Liebhaber*innen des gepflegten Regionalligafußballs bedeuten mehr Spieltage im Jahr auch mehr Freude im Leben. Fanfreundlich ist diese Entscheidung allemal!

Der Norden zeigt damit, wie es gehen könnte. Die Gesellschafter der Regionalliga Südwest sollten dieses Beispiel genau prüfen, denn es bietet reichlich Grundlage für eine Entscheidung über die zukünftige Zusammensetzung der eigenen Regionalliga. Unlängst ist bekannt, dass unsere Löwen rechtliche Schritte angekündigt haben für den Fall, dass die Regionalliga Südwest von ihrer eigenen Spielordnung, die vier Aufsteiger aus den Oberligen vorsieht, abweicht. Dies könnte eine Annulierung der (noch) laufenden Saison zur Folge haben. In der Konsequenz müsste der souveräne Tabellenführer aus Saarbrücken seine Aufstiegsambitionen um ein weiteres Jahr verschieben. Wollen kann das keiner.

Stattdessen könnte die Lösung – analog zur Entscheidung des NFV – wiefolgt aussehen: Saarbrücken steigt als verdienter Erster der Regionalliga Südwest in die 3. Liga auf. Es gibt keine Absteiger, dafür aber 6 Aufsteiger, nämlich die Meister und alle Relegationsteilnehmer der Oberligen, die ein Teilaufstiegsrecht besitzen – in Rheinland-Pfalz/Saarland sogar die TuS Koblenz, die nur Vierte ihrer Tabelle ist und davon profitieren würde, dass die Zweit- und Drittplazierten (Elversberg II und Kaiserslautern II) aufgrund der Regularien nicht in die Regionalliga aufsteigen dürfen.

Die neue Regionalliga Südwest 2020/21 könnte also so aussehen:

  1. SV Elversberg
  2. TSV Steinbach
  3. FC Homburg 08
  4. FC Astoria Walldorf
  5. FSV Mainz 05 II
  6. SSV Ulm
  7. Kickers Offenbach
  8. Hoffenheim II
  9. Bayern Alzenau
  10. Bahlinger SC
  11. FSV Frankfurt
  12. SC Freiburg II
  13. VfR Aalen
  14. FC Gießen
  15. FK Pirmasens
  16. TSG Balingen
  17. Rot-Weiß Koblenz
  18. VfB Stuttgart II (Erster der Oberliga Baden-Württemberg)
  19. Eintracht Stadtallendorf (Erster der Hessenliga)
  20. TSV Schott Mainz (Erster der Oberliga Rheinland-Pfalz/Saarland)
  21. 1. Göppinger SV (Relegationsteilnehmer der Oberliga Baden-Württemberg)
  22. KSV Hessen Kassel (Relegationsteilnehmer der Hessenliga)
  23. TuS Koblenz (Relegationsteilnehmer der Oberliga Rheinland-Pfalz/Saarland)

Klar, diese Regelung beinhaltet – verglichen mit der NFV-Lösung – noch eine zusätzliche Mannschaft mehr und ja, 44 Saisonspiele wären für alle Beteiligten ein ordentliches Brett. Andererseits: im Norden hat man sich aus Gründen der Fairness und Gleichbehandlung für genau diesen Weg entschieden und überlegt nun, wie dies in der Praxis umgesetzt werden kann. Neben dem Modus einer konventionellen 22er Liga gilt eine zweigleisige 11er-Staffel mit Hin- und Rückrunde sowie anschließender Meisterschafts- und Abstiegsrunde derzeit als die wahrscheinlichste Option. Auch mit einer verkürzten Winterpause ließe sich der Spielplan entzerren.

Sollten den Gesellschaftern der Regionalliga Südwest am Ende 23 Mannschaften dennoch zuviel sein, müsste aber zumindest die eigene Spielordnung angewandt werden – und die besagt, dass es vier Aufsteiger geben muss. Wenn hier, wie auch bei der Ermittlung der „Meister“ der Oberligen die Quotientenregelung zur Anwendung kommt, käme der vierte Aufsteiger aus Kassel. Die Liga hätte dann 21 Mannschaften und sogar noch eine Mannschaft weniger als die neue Regionalliga Nord haben wird.

Es ist also etwas Kreativität gefragt in den kommenden Wochen, um einen gerechten Ausweg aus dieser schwierigen Situation zu finden – der NFV macht’s vor!

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