Achtung, Achtung: Nordhessens Fußball stirbt!

Das 1:1 beim bis dato heimpunktlosen FSV Fernwald – der nächste Schlag in die Fresse der gebeutelten Löwen-Anhänger. Zumindest eines dürfte aber nach der harmlosen Vorstellung beim Tabellenletzten klar sein: Diese Mannschaft wird mit diesem Trainer niemals um den Aufstieg in die Regionalliga mitspielen. Sad but true. Solche Gewissheiten haben ja aber auch immer etwas Beruhigendes. Wie schön. Kann man sich jetzt schon mit Weihnachten beschäftigen. Hmmm…bald schon wieder lecker Glühwein. Aber mal ehrlich: Die trostlose Situation auf dem Platz eröffnet Raum für die Diskussion über die Zukunft des nordhessischen Fußballs insgesamt. Man muss sich fragen: Was ist hier eigentlich los?

Nordhessen ist die einzige Region in Deutschland, die es sich leistet, auf halbwegs höherklassigen Fußball zu verzichten. In der Einwohnerzahl rangiert Kassel auf Rang 40 aller Städte. Alle Städte die größer sind als Kassel haben zumindest einen Fußballverein, der mindestens in der Regionalliga spielt, meist natürlich deutlich darüber.

Warum, verdammt, ist das in Kassel nicht möglich?

Zumal im Umkreis um unsere schöne Stadt weit und breit ja auch keine Konkurrenz in Sicht ist, die Hessen Kassel das Wasser abgraben würde.

Es ist jetzt leicht, einen Schuldigen für die Misere auszumachen. Im Zweifel ist es immer Daniel Bettermann, dessen Marketingstrategien einfach nicht funktionieren – Zwinkersmiley! Aktuell können sich die Marketingstrategen abmühen wie sie wollen. Das pfiffigste Konzept bringt nichts, solange auf dem Platz so blutleer abgeliefert wird. Nein, das Problem sitzt tief und ist komplex. Und es betrifft auch nicht nur den KSV. Als im Sommer der FSC Lohfelden seine Mannschaft in der Hessenliga abmeldete, verließ immerhin Nordhessens Nr. 3 die überregionale Fußballbühne. Interessiert hat das in der Öffentlichkeit ebenso niemanden wie ein Jahr zuvor der Abstieg des OSC Vellmar. Zwei HNA-Artikel, das wars. Ähnlich wenig Interesse weckte das DFB-Pokal-Spiel des KSV Baunatal Anfang August – immerhin gegen den VfL Bochum. Pokalspiel live in Tunptau? Lass mal stecken, ich guck lieber Sky!

So. Und dann gibt es noch Gerhard Klapp. Der ist seit Jahren dabei, sich als nordhessischer Dietmar Hopp zu inszenieren und verschiedene Vereine in höherklassige Gefilde zu kaufen. Aktuell ist es mal wieder der Lichtenauer FV, der mit ein paar Ex-Profis gerade durchaus ansehnlich durch die Gruppenliga marschiert. Auch beim BC Sport und unserer U23 mischt Klapp mit. Klapps Motivation für sein Engagement liegt aber vielmehr in seiner narzisstischen Persönlichkeitsstruktur als in seinem Willen für eine nachhaltige Entwicklung des nordhessischen Fußballs begründet. Das zeigt die Erfahrung aus seinen vorherigen Stationen.

Zudem prägen Neid und Missgunst das Umfeld in Nordhessen – wer mit unserer Zwoten mal auswärts ist, kann das an den Worschtständen der Regionen erleben. Manchmal subtil, manchmal direkt. Der KSV Hessen Kassel gilt in der Fremd- und Selbstzuschreibung gern mal als Aushängeschild der Region. Mittlerweile ist diese Bezeichnung aber nicht mehr als ein Witz.

Nordhessen hat ein Problem: es steht nicht zu seinem größten Verein und es gibt keine gemeinsamen Entwicklungen aller Akteure. Ist die Stimmung in Bielefeld eigentlich auch von dieser Mischung aus Gehässigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber der Arminia geprägt? Hat Braunschweig eigentlich auch das Problem, dass es niemanden mehr so richtig interessiert, wenn man nach dem Spiel in Trikot und Schal durch die Stadt läuft? Also in Kassel wurde man in diesem Aufzug noch vor wenigen Jahren von rüstigen Rentnern regelmäßig mit „Na? Wie ham dann de Hessen gespielt?“ in der Straßenbahn angegraben.

Der leistungsbezogene Fußball in Nordhessen stirbt so langsam aber sicher aus. Und das Schlimme ist: alle gucken zu, aber keiner macht was. Die Region sollte sich schnell darüber klar werden was sie will, bevor der Zug komplett abgefahren ist. Aus unserer Sicht ist hier unser Aufsichtsratsmitglied und Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle in der Pflicht. Er muss alle an einen Tisch holen: große und kleine Vereine, Sponsoren, Unternehmen, Wirtschaftsförderung, Politik, Verbände, Fanszene(n). Es muss um Möglichkeiten der Zusammenarbeit gehen. Es geht nicht um einen FC Nordhessen, ein solches Projekt würde scheitern (außerdem würde sich Willi Nebe wahrscheinlich auch lieber etwas Spitzes ins Auge rammen als mit dem KSV Hessen zu fusionieren).

Aber wieso unternimmt die Region nichts gegen die Tatsache, dass Tag für Tag Kleinbusse des SC Paderborn durch Kassel fahren um 13-16-jährige zum Training abzuholen und danach wieder nach Hause zu fahren? 80 Kilometer hin, 80 Kilometer zurück. Es muss darüber gesprochen werden, ob nicht eine verstärkte Zusammenarbeit im Jugendbereich möglich ist – vielleicht sogar langfristig ein gemeinsames Nachwuchsleistungszentrum. Dafür müsste aber zumindest ein Verein in der Regionalliga spielen. Außerdem lohnt ein Austausch: Was lief im vergangenen Jahr eigentlich so gut in Sandershausen? Wohin will der CSC 03? Oder der SSV Sand? Was kann man voneinander lernen und wie kann man voneinander profitieren? Wer hat welche Ambitionen und gibt es Ziele die sich gemeinsam erreichen lassen?

Auch die hiesigen Unternehmen sind gefordert, ihre bisherige Praxis zu überdenken. Seit wenigen Wochen ist bekannt, dass Jordan als großer Sponsor bei Eintracht Frankfurt eingestiegen ist und den Südhessen mehr als nur ein bisschen Laminat zur Renovierung der Geschäftsstelle zur Verfügung stellt. Gleichzeitig ist der Geschäftsführer Jörg Ludwig Jordan Präsident der IHK Kassel-Marburg. Die heimische Wirtschaft unterstützen wollen und dann das Sponsoring auf Südhessen ausrichten. Das Beispiel Jordan steht sinnbildlich für Vieles, was in der Region gerade falsch läuft.

Fragen muss sich in diesem Zusammenhang aber auch der KSV Hessen Kassel selbst stellen. Trainer Harry Hirsch geht den vor einigen Jahren von André Schubert eingeschlagenen und von Tobi Cramer weiterverfolgten Weg, auf junge Spieler aus der Region zu setzen, nicht weiter. Schwechel und Bravo Sanchez sind nur noch Bankdrücker. Durna, Rohde, Fischer, Schneider & Co. sind nicht mal mehr im Kader. Dass man nicht mal einen einzigen Spieler aus der so erfolgreichen letztjährigen U19 in das jetzige Mannschaftsgefüge integriert, ist ein echtes Armutszeugnis.

Klar, man kann auch so weiter machen wie bisher und mit markigen Worten und satten Ex-Profis dem Umfeld und den Fans alles versprechen. Dann darf man sich aber nicht wundern, wenn man die nächsten Jahre auf Dauer zu Hause gegen den FC Gießen II oder perspektivisch auch gegen die Zwote der SG Barockstadt spielt – denn diese schieben gerade aus der Verbandsliga nach.

Ein Gedanke zu “Achtung, Achtung: Nordhessens Fußball stirbt!”

  1. Die Kasseler Vereine pflegen ihre Feindschaften. Da kannste Kooperationen mal gepflegt knicken. Der KSV hat sich schon vor Jahrzehnten von seinen Wurzeln verabschiedet und bei den anderen Vereinen jeden Kredit verspielt. Keiner ist gut zu sprechen auf den KahEssVau. Und was das Finanzielle angeht: Als erstes müsste man ein vertrauenswürdiges Management haben, dann würden die Leute, die was von Geld verstehen, auch gerne dasselbe in den Verein stecken. Leider weist unser Management seit Jahren, ach, Jahrzehnten, totale Inkompetenz nach, nicht zuletzt durch die Geschichte mit dem Punktabzug wegen fehlender Schiedsrichter. Eine Lachnummer! Völlig plemplem. Und das, wo man zwingend aufsteigen müsste, um den Kopf überm Wasser zu halten. Ich kann jeden Unternehmer verstehen, der dann lieber anderorts investiert. Und im Bezahlfußball brauchste halt erstmal Geld, deshalb heißt er ja auch so.

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