Punk, Philosophie, Pöhlen – Das große Interview mit Tobi Cramer

Hinter Mannschaft und Fans liegt eine lange, sehr lange Leidenszeit: 90 Tage sind vergangen, seit der KSV Hessen Kassel zuletzt im Auestadion auflief und den Hünfelder SV mit 4:0 zurück nach Osthessen beförderte. In der Not frisst der Teufel Fliegen: krampfhaft versuchte der eingefleischte Löwen-Schlachtenbummler seinen Fußballentzug mit Ersatzdrogen zu befriedigen. Manche schauten Handball-WM, andere statteten den Huskies einen Besuch ab. Es soll sogar Leute gegeben haben, die ihre Tagesfreizeit mit ihren Familien verbracht haben. Einfach nur traurig. Blog36 zog es vor, tagein, tagaus am Trainingsgelände der Löwen rumzulungern und zu warten, dass mal etwas passiert. Und so kam es, dass wir auch unserem Trainer Tobi „Cralle“ Cramer auflauerten. Natürlich war das aktuelle Spielgeschehen das beherrschende Thema: Hessenliga, Punktabzug, Aufholjagd. Doch zunächst unternahmen wir eine Reise in die Vergangenheit unseres Erfolgscoaches… Punk, Philosophie, Pöhlen!

PUNK

Samstag, früher Abend, Blog36 betritt das Chefbüro von KSV-Trainer Tobias Cramer. Die Begrüßung fällt nordhessisch aus: „Da seid ihr ja.“ Ein strenger Blick. „Wie, ihr habt kein Bier mitgebracht?“ Scheisse. Daran hätte man denken können, auch wenn’s beim Testspiel zuvor schon lecker Bierchen gab. Ist der Abend jetzt gelaufen? „Ich hab noch ein Sixpack hier“, sagt Cralle. Schwein gehabt.

Blog36 legt zur Entspannung der Situation erstmal Musik auf. Am I Jesus, heißt die Band. „Hey, what you wanna do“ vom 1994 erschienen Album „Need“ läuft an. 90er-Jahre-Punk. Fein gespieltes Drum-Intro. Warum wir das erzählen? Der Drummer hieß Tobias Cramer.

Cralle: Au, ha – warte mal. Bin inzwischen 44, das war mit ca. 18 Jahren, Anfang 1990.

Blog36: Du hast bei der Band Am I Jesus die Drums gespielt, wie kam es dazu und was hat Punk eigentlich mit Fußball zu tun?

Ich bin Gründungsmitglied bei Am I Jesus, aber als wir 1995 mit dem SC Willigen in die Oberliga aufgestiegen sind, haben Norbert – unser Bassist und Torhüter beim SC – und ich dann aufgehört. Wir haben uns gesagt, Musik können wir unser ganzes Leben machen, in der höchsten Amateurklasse Fußball zu spielen, ist für uns eine ganz andere Hausnummer. So haben wir während der Aufstiegsrunde zur Oberliga Hessen Freitagabends im Arbeiter- und Jugendzentrum Stuttgart einen Auftritt mit der Band gespielt. Haben uns Samstag morgens ins Auto geschmissen, sind nach Petersberg gefahren, haben dort kurz mal 3:1 gewonnen und sind damit aufgestiegen. Im Anschluss mit Norbert direkt weitergefahren nach Eschwege, dort ein Livekonzert gespielt. Nach dem Konzert in Eschwege wieder direkt zurück nach Willingen gefahren, um dann bis 6 Uhr morgens die Aufstiegsparty gemacht. Nach 3 Stunden Schlaf ging es noch nach Marburg um dort Sonntagabends ein Konzert zu spielen. Montags ging es dann weiter mit der Aufstiegsfeier. (Anm.: Das Spiel in Petersberg fand am 5.6.1995 statt – Pfingstmontag – auch das ist Punk)

Wie bist du zur Musik gekommen Cralle? War die musikalische Früherziehung schuld oder warum musstest du an das Schlagwerk?

Mein Onkel, beziehungsweise der Mann meiner Patentante war Jazzmusiker. Er hat Schlagzeug und Posaune gespielt. Als kleines Kind hat er mir mal Schlagzeugstöcke geschenkt und ich hab die komplette Couchgarnitur meiner Eltern zerdeppert. Er hat dann meinen Eltern auch den Tipp gegeben, mich mal in Schlagzeug-Unterricht zu schicken. Das machte ich dann mit 9 Jahren. Bin darin also komplett ausgebildet. Hab auf kleiner Trommel gelernt, großer Trommel und klar, auch Marschbecken. Alles was rund um einen Musikverein bezüglich Schlagwerk möglich war, hab ich gelernt und ich ging ins Jugendblasorchester Olsberg. Dort hatte ich dann weiter Unterricht für Schlagwerk und Trommel. Das hat sich dann dahingehend entwickelt, dass ich dann irgendwann das große Gerät haben wollte. Mein Vater hat mir dann, mit 12 oder 13, ein altes Schlagzeug für 250 Mark geschenkt. Das Ding war eine komplette Schießbude, die sich überhaupt nicht angehört hat.

Da war ja dann nur Punkmusik möglich?

Zumindest war Musik erstmal so möglich, dass ich Schützenfeste als Schlagzeuger gespielt habe. Wir mussten dann die üblichen Sonntagmorgenkonzerte in Ohlsberg und die Kurkonzerte mit dem Jugendblasorchester spielen. Gefühltes Durchschnittsalter der Gäste war gefühlt bei 85 Jahren. So hat sich das musikalische entwickelt und wir waren dann in der puberalen Phase natürlich schon einen Schritt weiter. Am I Jesus hat sich dann sozusagen aus Freunden zusammengefunden, weil wir zusammen auf die gleiche Schule gegangen sind. Erst Realschule und hinterher Gymnasium, als wir dann in der Oberstufe waren ist das dann eben ein bisschen professioneller geworden. Wir haben dann teilweise schon mehrtägige Touren gespielt, zum Beispiel in Frankreich und in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung hatten wir eine Ostdeutschlandtour. Dann eine Süddeutschlandtour, wir waren da schon sehr rege unterwegs.

Habt ihr eure Touren selbst organisiert?

Unser Gitarrist Tobi Stellmach hat das alles für uns gemanagt.Wir hatten uns einen eigenen Bulli zugelegt, so richtig mit Bandnamen drauf. Ja, so hatte sich das entwickelt. Ich durfte dann mit Am I Jesus 2 CDs aufnehmen, die Dritte war dann schon ohne Norbert und mich. Wir haben den Fußball dann schon bevorzugt.

Habt ihr damit Geld verdient?

Wir konnten zumindest die Kosten für Kost, Logis und Sprit begleichen. Wir haben immer auf Eintrittsbasis gespielt, gerade bei den Jugend- und Arbeiterzentren, die es damals sehr viele gab und das Schöne war immer, dass mehr Hunde im Raum waren als Zuschauer. Weil jeder Punkbegeisterte gefühlt 8 Hunde hatte, die haben dann immer vor der Bühne gelegen, die Hunde, und wir haben gespielt.

Wer hat die Texte und die Musik zu euren Stücken komponiert?

Musik, alle zusammen. Es gibt sicherlich auch ein paar Akkordfolgen auf der Gitarre, die ich mitgebracht habe. Die Lyrics haben meist Tobi Stellmach und Dirk Lörwald, unser Sänger, gemacht.

Cralle an den Drums.

Hattet ihr in eurer Zeit etwas mit Rechteverwertung, Versandlisten für Punkmusik oder sowas zu tun? Wie weit wart ihr Teil dieser Subkultur?

Ich denke, dass die Rechte immer wieder bei uns lagen, obwohl wir ja dann – und das ist ein Zusammenhang zu Nordhessen – mit den Swoons aus Wolfhagen und mit den Bates aus Eschwege auf Tour. In Wolfhagen-Bründersen haben wir auch unsere erste CD aufgenommen. War ein Tonstudio, privat, irgendwo im Keller und der Toningenieur war auch bei den Swoons. Die Swoons waren recht bekannt in der Punkszene, mit denen sind wir auch super viel getourt. Bei den Bates durften wir als Vorband spielen, als die in Brilon aufgetreten sind. Wir waren die einzige Band bei uns im Hochsauerland – aber wir waren damals dort natürlich richtig angesagt. Wenn wir ein eigenes Konzert dort gespielt haben waren immer zwischen 800 und 1000 Zuschauer da.

Punk ist je auch eine sehr politische Musikbewegung, hat euch das inspiriert oder motiviert – warum Punk?

Sicher waren wir politisch eher in der links-liberalen Richtung unterwegs damals. Das kam durch die Abizeit, ich hatte Geschichts-LK, wo man sich mit gewissen Themen auch sehr intensiv auseinander gesetzt hat. Ich war da aber nie so, dass wir da mit der Musik nochmal politisch ein Ausrufezeichen setzen müssten. Mir ging es um die Musik und die hat uns einfach Spaß gemacht. Darum haben wir es im Endeffekt auch Punk-Pop genannt, weil es ja schon viele melodische Teile gab und Musikeinflüsse ineinander gegriffen haben. Jeder aus der Band hatte auch einen anderen Musikgeschmack. Das Einzige, was wir dann wirklich als gemeinsamen Musikstil für uns erkannt, haben war dann die Grunge-Zeit. Pearl Jam, Nirvana und Soundgarden waren die Bands, die uns gemeinsam geprägt haben. Das hört man dann auch teilweise in den Stücken, weil ich als Schlagzeuger die Rhythmisierung so spielte, wie es in der Grunge-Szene üblich war. Bestes Beispiel, schaue ich mir immer noch sehr, sehr gerne an, ist das Unplugged-Konzert von Pearl Jam, mit Dave Abbruzzese am Schlagzeug. Das ist musikalisch das Nonplusultra. Das gehört dann natürlich immer auch in die Entwicklung der Band dazu.

Ihr wart auch auf unterschiedlichen Samplern mit anderen Bands eurer Ära vertreten, darunter WIZO, Lost Lyrics, Eisenpimmel, Terrorgruppe, Die Kassierer… Außerdem hattet ihr einen Song, der titelte: “Hate the police“ – nicht politisch?

Da ging es wirklich auch kontrovers bei uns in der Band zu, wie wir das deutlich machen wollten. Zu der Zeit gab es die Situation, dass oft die Polizei hingestellt wurde, um wahllos auf die Demonstranten einzuprügeln. All die ganzen Geschichten, die dann in den Medien rüberkamen. Unser Gitarrist war der politisch engagierteste und wollte diesen Song dann unbedingt auch veröffentlicht haben. Darüber wurde intensiv in der Band diskutiert und wir haben uns dann zur Veröffentlichung entschieden, weil wir auch ein bisschen krawallbürstig um die Ecke kommen wollten.

„Love the police“ war keine Option?

Ich hatte das wirklich vorgeschlagen, weil es dann in den Bereich Satire geht, um die Thematik zu überspitzen.

Foto: Fullewasser
Foto: Fullewasser

Was waren seinerzeit die prägenden Bands für die du alles hättest stehen und liegen lassen?

Pearl Jam ist für mich unantastbar, die ersten 3 Alben sind für mich das Nonplusultra. Was ich davor aber auch als persönliches Schlagzeugspiel entdeckt habe, war The Police, weil du das ja eigentlich nicht nachspielen kannst. Die haben damals ja schon gesampelt, getrickst, das ist dann die Herausforderung, zumindest so nah wie möglich an das Original zu kommen.

Gibt es was Aktuelles aus der Musikszene?

Ne, da bin ich ganz klassisch bei meinen alten Bands, da verlasse ich mich drauf. So neue Sachen wie Kings of Leon finde ich schon gut – ich bin mittlerweile eher so ein Mainstreamrocker. Es muss eine elektrische Gitarre dabei sein und es muss ein echtes Schlagzeug dabei sein. Alles andere kann ich nicht ernst nehmen.

Damals ging es also hauptsächlich darum, Mucke machen, Konzerte geben, Fußball spielen und feiern. Wann fand Schule statt?

Jo, die Schule hat schon darunter gelitten, ich erzähle das immer gerne anders. Der Schulleiter fand mich so toll, dass er gesagt hat: „Tobi, du bist so ein guter Kerl, bleib noch mal ein Jahr“. Deswegen bin ich dann vier Jahre in der Oberstufe gewesen, weil ich einfach die Schule mit prägen wollte. Das hat der Schulleiter erkannt, deswegen bin ich da vier Jahre geblieben.

Wie kam dann der Punkname „Cralle“ zustande? Uns wird nachgesagt, wir hätten den erfunden – wir bitten um Klarstellung:

Nein. Den Namen Cralle gibt es seit dem 16 Lebensjahr. Komischerweise ist der Spitzname kurz vor der Samstagabendmesse, als Messdiener, entstanden.

Das hat ja sowas von nichts mit Punk zu tun.

Gar nicht, der kommt bei uns aus dem Dorf. Ich bin ja in einem 700 Seelen Dorf aufgewachsen und einer hat den Spitznamen erfunden, kurz vor der Eucharistiefeier, wo wir als Messdiener nochmal Spökes gemacht haben.

Kannst du noch kurz deine All-time-favorites von Am I Jesus nennen?

„Need“ – weil die Akkordfolge im Refrain von mir ist. Dann war der Song zu Beginn ein guter Song („Hey what you wanna do“). Schwierig, das Problem ist, die Stücke waren ja auch nur 1,5 Minuten lang und dann haste die auch wieder vergessen (lacht).

Mit dem Introsong seid ihr auf dem Sampler „Mein Freund ist Sauerländer“ (1994) verewigt, einem Sampler lokaler Bands aus dem Sauerland.

Das war eine riesen Aktion damals, mit T-Shirts und allem drum und dran. Ich glaube, dass es hauptsächlich auch eine Imagekampagne für den Tourismus war.

Bist du Schuld, dass dir jetzt ständig die Leute in Willingen in den Garten kotzen?

(allgemeines Gelächter)

PHILOSOPHIE

Kommen wir jetzt zur Kategorie „Philosophie“.

Uff…

Naja, du bist der einzige Trainer, den wir kennen, der auf Pressekonferenzen nach dem Spiel aus Immanuel Kants Kritik der praktischen Vernunft rezitiert.

Der kategorische Imperativ…ja. Das ist ja das was jeder Mensch leben sollte, also so zu leben, dass sein Handeln allgemeines Gesetz werden kann in einer Gesellschaft. Wenn ich das mache, dann bin ich ja schon mal auf nem ganz guten Weg. Man muss das einordnen. Als ich den Kollegen Kant zitiert hab, war das nach dem Spiel gegen Offenbach, wo es diese Ausschreitungen gegeben hat und ich wollte einfach nur deutlich machen, dass man ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen muss.

Foto: Fullewasser

Du hast eine junge Mannschaft und bist von Beruf Lehrer. Hast du das Gefühl, als Trainer auch einen pädagogischen Auftrag zu haben und hilft dir deine pädagogische Ausbildung im Job als Trainer?

Einen pädagogischen Auftrag zu haben muss der Anspruch sein als Trainer – ganz klar! Egal ob ichs mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen zu tun habe. Sollte aber dieser pädagogische Auftrag zu wichtig werden, gehen andere Dinge verloren. Deswegen muss man als Trainer immer auf dieses sogenannte „Trainer-Rollenroulette“ achten. Man hat das eigene „Ich“ und man schlüpft in verschiedene Rollen. Mal Pädagoge, mal Psychologe, mal Vaterfigur, mal Freund, mal Diktator. Das ist immer ganz unterschiedlich. Wichtig ist nur, dass man das variiert und nicht zu lang in einer Rolle bleibt. Das ist dann die große Herausforderung, die man als Trainer bearbeiten muss. Tja, und nicht nur als Trainer, sondern eben auch als Lehrer. Ich darf ja nicht alle über einen Kamm scheren. Ich muss jede Persönlichkeit als Individuum charakterisieren und versuchen, ihm das bestmögliche Handwerkszeug mitzugeben, damit er ein optimaler Fußballer und Schüler ist.

Also sportlich und charakterlich?

Dass die charakterlichen Eigenschaften passen ist sehr bedeutsam. Da ist mir sogar die fußballerische Qualität erstmal gar nicht so wichtig. Also wenn ich weiß, dass bei uns in der Kabine 23, 24 Spieler sitzen, die respektvoll miteinander umgehen ist mir das lieber als wenn ich hier einen fußballerisch perfekten Spieler habe, der einen Drang zum Egoismus hat, der einer Mannschaft nicht gut tut. Und deswegen ist es mir wichtig, dass ich charakterlich saubere und vernünftige Menschen um mich herum habe, damit man dann in der Gruppe auch Ziele erreichen kann.

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Also würdest du auch mal einen Spieler draußen lassen, wenn er sich unter der Woche nicht gut verhalten hat?

Den hätt ich gar nicht verpflichtet!

Weiß man aber nicht immer vorher.

Doch! Zumindest bei den Spielern, die ich mir aussuchen konnte als ich Chef-Trainer wurde und die neue Verträge bekamen: Henrik Giese, Freddy Brill, Lucas Albrecht, auch Nicolai Lorenzoni. Die waren charakterlich alle in Ordnung und von daher war da eigentlich nie die Situation, dass ich Spieler aufgrund ihres Charakters oder ihres Fehlverhaltens nicht berücksichtigen konnte.

In unserem Kader haben wir ja jetzt nach der Verpflichtung von Mahir Saglik die größtmögliche Bandbreite an Spielertypen drin: vom 36-jährigen international erfahrenen Ex-Profi bis hin zu jungen Spielern, die gerade 2-3 sehr gute Jahre im Jugendleistungsfußball hatten. Was für Auswirkungen hat das dann auf dein eben erwähntes Rollenmodell? Macht es das nicht schwieriger?

Das ist da nicht entscheidend, weil es mir wichtig ist, dass es innerhalb der Mannschaft eine klare Hierarchie gibt von den erfahrenen Alten zu den jungen Wilden. Zu mir ist die Hierarchiebene ohnehin flach. Aber mir ist wichtig, dass es die Hierarchie in der Mannschaft gibt. Die jungen Wilden müssen geduldig bleiben und lernen. Die werden hier in Nordhessen immer gleich hochgejubelt wenn sie nur dreimal geradeaus gegen den Ball treten können. Nein, die müssen lernen und dann können sie irgendwann mal den Schritt machen. Ausnahmen wie vor zwei Jahren mit Steven Rakk oder aktuell mit Brian Schwechel wird es immer mal geben, aber der Großteil muss eine klare Hierarchieebene verfolgen, damit die auch nicht aus dem Ruder laufen. Spieler wie Evljuskin oder Brill haben dann die Aufgabe, diese jungen Spieler zu führen. Und dann kann ich mit meinen pädagogischen, sportpsychologischen oder eben auch trainingsspezifischen Kompetenzen daran anknüpfen und kann dann diese jungen Spieler auch besser machen.

Foto: Fullewasser
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Bedeutet das, dass die Integration der vielen neuen U19-Spieler in erster Linie die Aufgabe der Mannschaft ist?

Genau. Aber jeder ist seines Glückes Schmied. Wenn der erfahrene Spieler diese Integrationsleistung anbietet und der junge Spieler das dann auch annimmt und zulässt ist alles ok. Ich erwarte von einem erfahrenen Spieler, dass er Integration betreibt. Das ist ganz wichtig.

In welcher dieser Trainerrollen, die du beschreibst, gefällst du dir denn am besten?

Am besten in der wo wir Erfolg haben und ich vermehrt die Kumpel-Rolle einnehmen kann. Die liegt mir einfach.

Foto: Fullewasser
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War denn der Wechsel vom Co-Trainer auf den Chef-Trainer auch mit so einem Rollenwechsel verbunden?

Absolut! Aber ich hatte da wenig Bedenken weil ich wusste, dass ich Spieler dabei hatte, die mir das leicht gemacht haben und die das nicht ausgenutzt haben. Da geht’s ja um Macht und bei meinen Eltern in der Küche hing immer ein Satz von Abraham Lincoln und der lautete: „Möchtest du den Charakter eines Menschen sehen, so gib ihm Macht.“ Es gibt Menschen, die können gut mit Macht umgehen und müssen das nicht ausspielen. Und es gibt Menschen, die können das eben weniger. Aber die, die in dieser Übergangszeit als ich Chef-Trainer wurde in der Kabine gesessen haben, die waren charakterlich ausnahmslos einwandfrei. Die haben mich sofort als Cheftrainer ernst genommen. Die hatten Spaß daran, mit mir bestimmte Dinge zu erarbeiten und das war mein großes Glück. Wenn ich hier ne Söldnertruppe vorgefunden hätten, hätten die mich wahrscheinlich ganz schön auflaufen lassen.

Klopp, Mourinho oder Streich – wer ist denn so dein Vorbild als Trainer?

Klopp und Streich sind schon die Typen, die ich gerne auch verkörpere. Die arbeiten wahrscheinlich ganz unterschiedlich, aber die haben halt irgendwas. Wenn Menschen in den Raum kommen und alle sagen: „Wow!“ –  ich glaub, das passiert bei den beiden. Ich bin mit denen aber nicht in Kontakt. Ich hab mal Sandro Schwarz kennengelernt. Dessen Arbeit schätze ich auch sehr. Und den neuen Trainer vom MSV Duisburg, Torsten Lieberknecht, finde ich auch nen super Typen. Ich durfte ihn ja kennenlernen, als wir hier das Vorbereitungsspiel gegen Eintracht Braunschweig hatten. Bei dem kommt auch richtig was rüber, wenn der den Raum betritt. Aber es geht mir nicht darum, irgendwen zu kopieren. Wichtig ist, dass man das eigene „Ich“ erkennt und weiß was man will. Wenn man das weiß, kann man auch in andere Rollen schlüpfen und immer wieder zu seinem eigenen „Ich“ zurückkehren.

Foto: Fullewasser
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Hast du denn Ziele als Trainer unabhängig vom Verein?

Was ich für mich persönlich unheimlich gern noch mal machen möchte ist die Ausbildung zum Fußballlehrer. Das war auch schon immer mein Ziel – auch nach dem Studium. Ich wollte ja eigentlich auch nie an einer Schule arbeiten sondern wollte als freiberuflicher Diplomsportlehrer arbeiten, aber es hat sich dann so ergeben und ich denk, ich hab da auch keinen schlechten Job gemacht.

Was für ein Aufwand ist denn mit dem Fußballlehrer verbunden?

Das dauert ein halbes Jahr, von Oktober bis April. Jedes Jahr gibt’s 25 Plätze und gefühlt 1.000 Bewerber. 3 Tage die Woche, in der Regel von Montag bis Mittwoch in Hennef an der Hennes-Weißweiler-Akademie. Aber das ist alles Zukunftsmusik. Mir geht’s jetzt erstmal darum, dass wir die Saison vernünftig beenden und das am besten mit Platz 2. Die Jungs haben es sich durch die letzten Jahre einfach verdient, auch mal den Erfolg mitzunehmen. Ums deutlich zu sagen: wir haben in den letzten Jahren immer in den entscheidenden Situationen versagt. Letztes Jahr in Koblenz zum Beispiel. Dann kamen die 5 Minuspunkte wegen den fehlenden Schiedsrichtern. Ich würde es den Jungs einfach von ganzen Herzen mal gönnen, dass sie sich für diese ganzen psychischen Strapazen, diesen ganzen psychischen Stress, mal belohnen. Die haben ständig Knüppel zwischen die Beine geschmissen bekommen und mussten immer wieder aufstehen.

Wie machst du das denn?

Ich bekomme viel Energie von den Spielern zurück, so dass wir sagen können: Wir starten jetzt immer wieder neu. Das ist ne ziemlich gute Symbiose. Ich kann positive Energie an die Mannschaft abgeben, aber die Mannschaft gibt mir auch viel positive Energie zurück.

Lass uns noch einen Moment bei der Philosophie bleiben und zwar bei der Spielphilosophie. Auf der letzten Jahreshauptversammlung hast du diese vorgestellt und betont, dass es jetzt ein einheitliches System gibt für den kompletten Jugend- und Herrenbereich. Kannst du das bitte mal erläutern.

Foto: Fullewasser
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Wir haben im Trainerteam zusammengesessen und überlegt, wie wir die Vorgaben von Vorstand und Aufsichtsrat, die weitere Umsetzung unserer Philosophie, konkret angehen. Mein Ansatz war es zu sagen: Wenn wir jetzt alle Top-Talente aus der Region versuchen zu uns zu holen, dann kann es dir passieren, dass du auf einmal acht 6er hast. Aber acht 6er brauche ich hier nicht. Ich brauche eine gute Mischung auf den verschiedenen Positionen für unser 4-1-4-1, das wir spielen wollen. Das heißt, wir müssen unsere Ausbildungs- bzw. Scoutingphilosophie ändern. Wir haben derzeit eine hohe Qualität bei den Sechsern und Achtern, auch durch die Neuen: Serkan Durna, Marius Rohde, Nils Twardon. Ebenso bei den Innen- und Außenverteidigern mit Marvin Urban und Luca Wendel. Das heißt: bestimmte Positionen sind hier bereits definiert, was wiederum bedeutet, dass wir nun schon in der U15 anfangen müssen zu scouten, welche Position wir eigentlich in ein paar Jahren benötigen werden. Wenn ich die acht Sechser hole, nur weil sie die Top-Talente sind, macht das für mich sportpolitisch keinen Sinn. Deswegen ist mein Ansatz: lasst uns zwei 6er weiter top ausbilden und uns gleichzeitig darum kümmern, dass wir auf den Außen Ersatz für Marco Dawid und Nael Najjar bekommen. Da brauchen wir Leute mit Tempo, fürs 1 gegen 1, für die Dribblings. Und da ist es jetzt unsere Aufgabe, diese Spieler in der Region zu suchen und zu finden. Es geht also in unserem Scoutingsystem nicht darum, die besten Fußballer zu finden, sondern positionsspezifisch so zu scouten, dass wir dann auch einen gesamten Kader zusammenbekommen.

Aber ist das realistisch? Fußball ist doch ein schnelllebiges Geschäft. Planst du da nicht etwas, was man gar nicht planen kann?

Natürlich kann man das planen. Das ist doch das, was die Nachwuchsleistungszentren machen. Es ist doch bei uns so: die Top-Talente werden wir hier eh nicht halten können. Aber wir müssen an die denken, die hinten dran sind. Das sind doch keine schlechten Kicker, aber vielleicht brauchen wir da ein wenig mehr Geduld um die weiterzuentwickeln. Und ich sehe die Gefahr, dass wenn wir wild scouten, wir irgendwann auf bestimmten Positionen ein Überangebot haben und andere Positionen brach liegen werden. Tja, und dann müssen wir nachverpflichten und das kostet dann ganz plötzlich Geld. Das müssen wir vermeiden. Matthias Sammer hat mal auf einer Tagung, auf der ich war, gesagt: Wir müssen jetzt wissen, wie der Fußball in 5-10 Jahren aussieht. Das ist die Kunst eines Trainers.

Foto: Fullewasser
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Und wie haben da deine ehrenamtlich tätigen Kollegen auf dieses „Konzeptartige“ reagiert?

Sehr offen. Sie sehen das ja in ihren eigenen Mannschaften. Da ist manchmal eine hohe Qualität auf einer Position und dann mangelt es den Spielern dort an Spielpraxis. Dann sind die auch noch unzufrieden und so kommt eins zum andern. Und wir müssen uns da abgrenzen vom Kinderfußball, wo es um ganzheitliche Ausbildung geht und wo man jedes Mal eine andere Position spielt. Diese Zeiten sind vorbei. Momentan sind wir noch ein Zwitterverein: Auf der einen Seite wollen wir gerne Leistungsfußball anbieten, auf der anderen Seite haben wir immer noch Strukturen wie ein Breitensportverein. Aber wir sind da dran und brauchen dieses klare Jugendkonzept. Und das muss entschieden und dann auch umgesetzt werden.

Es ist ja auch ein Trend der letzten Jahre bei Vereinen wie Freiburg, Mainz oder auch Hoffenheim, dass die Jugend nachgezogen wurde und zwar nicht nur die Spieler, sondern auch die Trainer und die dann irgendwann auch vor bis zur ersten Mannschaft gerückt sind.

Genau. Von der konzeptionellen Seite ist das auch gar nicht verkehrt. Schaut euch mal den Julian Nagelsmann an. Der kennt diesen Verein in- und auswendig. Der hat wahrscheinlich als E-Jugendtrainer angefangen und ist dann über die U15 und U19 rangekommen. So. Und da hat der Verein ihm auch viel zugetraut und ihn auch gefördert, statt ihn bei der U19 zu lassen. Oder schaut mal nach Paderborn. Ole Siegel, der jetzige Teammanager der ersten Mannschaft, hat unter mir bereits in der U17 von Paderborn gespielt und kennt den Verein durch und durch. Die Kinder- und Jugendtrainer kennen alle Haken und Ösen eines Vereins und es ist gut, wenn man sich das so zunutze macht. Was willst du als Verein noch mehr? Und für die Trainer ist es auch wichtig. Wir reden immer darüber, dass sich die Spieler weiterentwickeln müssen. Das gilt aber für die Trainer gleichermaßen. Auch wir müssen uns weiterentwickeln. Das Wichtigste ist aber, und so habe ich hier auch in den vergangenen Jahren mit Karl-Heinz Wolf, Volker Wörner und anderen zusammengearbeitet, dass man so agiert, dass man den Verein voranbringen will. Da geht es nicht um mein persönliches Dasein. Natürlich freue ich mich, dass ich für den KSV Hessen Kassel als Arbeitnehmer tätig sein darf. Aber es geht nicht um mich. Es geht darum Entscheidungen im Sinne des Vereins zu treffen. Und wenn man das verstanden hat, dann ist man Profi.

Foto: Fullewasser
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PÖHLEN

Wir haben jetzt sehr viel über die Jugend im Verein gesprochen. Nordhessen an sich ist ja schon eine fußballstarke Region, einige Profis kommen von hier. Siehst du das nordhessische Potenzial ausgeschöpft oder geht da noch mehr?

Ich bin davon überzeugt, dass wir nicht mehr oder weniger Talente hier haben als anderswo. Sicherlich sind Ballungsräume, zum Beispiel das Ruhrgebiet, aufgrund der Masse im Vorteil, punktuell immer bessere Klasse hervorzubringen. Wenn ich in Dortmund Fußball spiele, und da Gruppenliga spiele, spiele ich sicher einen anderen Ball als bei uns auf dem Land. Das habe ich Köln selbst erlebt, wo unsere Kreisliga-A-Mannschaft mit Verbands- und Oberligaspielern gespickt war. Das war ein brutales Rennen da in Köln, da waren wir nicht die einzigen die so unterwegs waren. Das ist der Punkt: Die Dichte in den Ballungsgebieten ist einfach viel höher. Wir haben in Nordhessen sicherlich gute Talente, die auch den Sprung ins Profigeschäft schaffen können. Die fallen in dieser ländlichen Region einfach eher auf, ist ja klar. Wenn zehn Mistgabeln aufm Platz stehen und ich komm auf einmal mit einer Elektrosäge, dann ist das was anderes, als wenn da schon zehn Elektrosägen stehen. Jetzt mal bildlich gesprochen. Und hier bekommen die halt schneller Spielpraxis, du glaubst doch nicht, dass du in Dortmund Erste Mannschaft spielst.

Einige fordern ja immer wieder, die nordhessischen Vereine sollten sich in der Jugend mehr zusammen tun, gerade Baunatal und Vellmar sind oder waren da ja durchaus erfolgreich. Was hälst du davon?

Ich bin immer ein Freund von Integration und Zusammenarbeit. Wird hier aber nicht passieren, da gibt es zu viele persönliche Eitelkeiten zwischen den Klubs. Wichtig ist, dass man einen gesunden Konkurrenzkampf hinbekommt, aber jederzeit auch vernünftig miteinander sprechen kann. So mach ich das auch mit dem Tobi Nebe von Baunatal, immer auf Augenhöhe und ehrlich miteinander sprechen und Infos austauschen. Dann hat ja auch keiner ein Problem damit. Genauso mache ich es mit Alfons Noja vom FSC Lohfelden. Wir brauchen aber diesen Konkurrenzkampf um uns gegenseitig nach oben zu pushen. Nur beste Freunde sein, bringt uns da nicht weiter. Ohne Konkurrenzkampf gibt’s keine Chance auf gut ausgebildete Profis. Vielleicht geht das im Rhein-Main-Gebiet, sich zusammen zu tun, aber dann gibt es da ja immer noch genügend andere drum herum.

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Wären wir erfolgreicher, wenn wir ambitionierte Klubs um uns herum hätten?

Ach, mh, ach, das weiß ich nicht. Kann ich so nicht sagen. Könnte sein, wenn sich das gegenseitig hochschaukelt was die Qualität angeht. Ist aber schon sehr spekulativ. Am Ende geht’s doch auch ums Geld. Guck dir Steinbach an, guck dir Uerdingen an. Da mögen fragwürdige Dinge passieren, aber da wird schon guter Fußball gespielt. Sehen wir ja auch bei uns in der Liga, da gehst du mit einem Quäntchen Glück durch eine Saison wie ein Messer durch warme Butter.

Du hattest vorhin ja schon die ganzen Negativerlebnisse beim KSV erwähnt. Kann sowas auch bei der weiteren Entwicklung helfen?

Ja klar, wichtig ist nur, dass du die Erlebnisse richtig bearbeitest und dann daraus lernst. In der letzten Saison hatten viele von den Jungs ja nichts zu verlieren. Außer in Koblenz. Da gab’s zum ersten Mal richtig was zu verlieren, auch als Typen, und dann verlieren wir das Ding. Wenn wir da den Ausgleich gemacht hätten, hätten wir auch noch gewonnen. Aber da hatten die Jungs plötzlich was zu verlieren. Machst du da den Elfmeter rein, wären die Koblenzer zusammen gebrochen. Aber da waren nen paar völlig von der Rolle, die sonst ne Bank waren. Genau in diesen entscheidenden Situationen dann da zu sein, da gibt’s nicht viele. Auch nicht bei uns, da ist noch Luft nach oben. Das ist der Unterschied zwischen Leistungs- und Profifußball: In den entscheidenden Situationen funktionieren. Wenn du das nicht kannst, dann spielst du eben fünfte Liga. So ist das. Wir hätten ja vom Spielerischen so gut wie jeden in der Klasse schlagen können. Aber das ist ne Mentalitätsfrage, das kannst du nicht antrainieren.

Foto: Fullewasser
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Deswegen jetzt auch Mahir Saglik?

Also erstmal haben wir das gemacht, weil das auch menschlich super reinpasst. Den hab ich aber nicht im Fokus gegen Gießen oder Alzenau. Es geht mir um die Spiele, wo die Gegner ganz tief stehen. Dann haste eben einen in der Box, der kann diese schnellen Bewegungsmuster abrufen (Cralle macht dynamische Handbewegung), und so ein Spiel von vorne entscheiden.

Viele KSV-Freunde haben sich in der Winterpause gefragt, warum Cedric Mimbala nicht zurück zu den Hessen kommt.

Sportlich steht der außer Frage. Das ist aber nicht alles was zählt, mehr möchte ich dazu auch nicht sagen an dieser Stelle.

Mal wieder back to Reality. Kannst du der Hessenliga gegenüber der Regionalliga irgendwas abgewinnen?

Wir haben endlich wieder Derbys, das war vom Zuschauerzuspruch und der Stimmung schon super. Auch wenn ich immer der Trainer sein werde, der in Baunatal verloren hat. Ist ja eigentlich nen Kündigungsgrund.

Weiß man nicht, hat noch niemand in Baunatal verloren.

(lacht) Ja, ja, ist klar. Aber das waren schon Erlebnisse. Der Hessische Fußballverband arbeitet da zwar mit großer Vehemenz dran, aber an sich ich das von der Struktur her schon ne Amateurliga, und das meine ich gar nicht abwertend. Die machen das schon gut und probieren da viel aus, gerade im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit. Wenn man in die Regionalliga kommt, ist das aber einfach ne andere Hausnummer. Da merkt man einfach, dass da Hauptamtliche am Werk sind und eine gewisse Professionalität mitbringen. Jetzt ist es so, dass es mit Gießen, Alzenau, Fulda und uns vier Mannschaften gibt, die einen Hauch von Profifußball in die Hessenliga mitbringen. Diese vier Klubs sind die Zugpferde, die aber natürlich aus der Liga raus wollen. Das finden die beim HFV bestimmt nicht gut, denke ich mir mal. Das wirkt sich ja auch enorm auf die Zuschauerzahlen aus.

Foto: Fullewasser
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Mal nen Blick auf die beiden Vereine, die in der Tabelle vor uns stehen. Haben Gießen und Alzenau irgendwas, was du dir beim KSV auch wünschen würdest?

Ja, das Budget vom FC Gießen. Ansonsten sind hier eine Top-Strukturen vorhanden, das ist schon zweitligareif, würde ich sagen. Was strukturell vielleicht noch ne Überlegung wert wäre, wäre die Installation eines hauptamtlichen sportlichen Leiters, oder Sportvorstands, der ganz und gar im Sinne des Vereins agiert und ein klares Profil, was sich der Verein ja gerade aufbaut, klar durchsetzt. Das würde dem Verein sicher weiterhelfen, weil sich so eine Philosophie auch konsequent verfolgen lässt, unabhängig davon, wer jetzt gerade Trainer ist. Das muss der Verein vorgeben.

Über den FC Gießen wird ja immer wieder gesagt, wie auch über Steinbach, das seien „interessante Projekte“. Wie stehst du zu dieser Wortwahl, geht’s da noch um Vereine?

Ich finde es bemerkenswert, dass es solche Vereine gibt, weil es anscheinend immer noch Leute gibt, die viel Geld haben. Wir sind da als Traditionsverein etwas hinten dran, was die wirtschaftliche Power angeht. Und das ist ja nicht nur der KSV, dem es so geht. Guck dir andere Traditionsvereine an, zum Beispiel Wattenscheid. Irgendeinen Traditionsverein wird es immer treffen, Kandidaten gibt es da einige. Den KSV gibt es in diesem Zusammenhang hoffentlich nicht mehr, ich habe hier schon den Eindruck, dass mittlerweile ordentlich gearbeitet wird. Bemerkenswert ist doch aber, wie groß die Fangemeinden hinter den Traditionsvereinen sind. Jetzt stellt sich für mich die Frage, als Trainer: Wo möchte ich denn hin? Möchte ich weiter in so einem lebendigen Verein wie dem KSV Hessen Kassel arbeiten, oder möchte ich mich wirtschaftlich irgendwann ein Bisschen zurücklehnen können, in so einem Projekt. Da hast du aber keine aktive Fanszene. Was das angeht, da gibt es so ein paar Momente, da kriege ich heute noch Gänsehaut. Als der Basti zum Beispiel das 3:1 gegen Steinbach gemacht hat letzte Saison, Mittwochabend in Haiger. Flutlicht, leichte Dämmerung. Die Jungs von der Bank sind losgerast zu den Fans an den Zaun und reißen gemeinsam fast den Zaun ab. Das ist für mich eine der bedeutendsten Jubelszenen, die ich beim KSV erlebt hab. Das war so laut, so ekstatisch, das hatte so viel Energie, da hab ich gedacht: Geil, das isses. Über solche Momente bin ich sehr glücklich, die kann mir keiner nehmen. Das würde ich jedem Projekt vorziehen.

Tobias Cramer: „Das ist für mich eine der bedeutendsten Jubelszenen, die ich beim KSV erlebt hab.“ (KSV in Steinbach am 11. April 2018, Endstand 1:3)

Setzt du dich eigentlich auch über solche Situationen hinaus mit fanpolitischen Themen auseinander?

Ich beschäftige mich schon damit, weil es ja auch Teil meines Berufsumfeldes ist. Als Trainer braucht man da ja auch eine gewisse Sensibilität. Aber ich darf mich natürlich nicht zu lange damit aufhalten, weil dann kommt ja das Sportliche wieder zu kurz. Da muss ich einfach immer schnell wieder ne Distanz aufbauen und deine Jungs aufm Platz zum Laufen zu bringen. Es gab ja auch in dieser Saison ein paar Punkte, wo ich mich direkt mit den Fans auseinander gesetzt habe, das war auch wichtig. Aber meine Hauptaufgabe ist es, eine Mannschaft zu trainieren.

Empfindest du die ganze Action auf den Rängen manchmal auch als störend?

Das gehört einfach dazu. Störend ist es nicht, da wird ja auch immer eine Art Energie auf die Mannschaft übertragen. Wenn’s dann mal eher negativ läuft, ist das schade, aber ich muss mich davon dann eben so weit distanzieren, dass ich meinen Job machen kann.

Foto: Fullewasser
Foto: Fullewasser

Zwei schnelle Fragen noch zum Schluss… Welchen Spieler, den du selbst beim KSV erlebt hast, würdest du sofort zurückholen und warum? Wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Fitnessstand des Spielers mal außen vor.

Henrik Giese, keine Frage. Henne ist einfach nen super Typ mit enorm hoher fußballerischer Qualität, die uns sehr weiterhelfen würde. Oder Tobi Becker, auch ein grandioser Typ. Aber Henne würde dem jetzigen Kader, allein von der Position, sicherlich noch mehr weiterhelfen.

Und jetzt: Deine KSV-Top-Elf, aber nur ehemalige Spieler, sonst fühlt sich noch einer vor den Kopf gestoßen.

Wie heißt denn dieser geile Torwart… dieser alte…

Olli Adler?

Ja, geil! In meinem 4-1-4-1-System?

Ja klar, wir haben doch jetzt eine Spielphilosophie!

Dann hier Giese, dann da… äähm… Müllex!

Ein Linksfuß und einen Polizei-Europameister, so so.

Außenverteidiger links… ganz klar, rein von der Qualität. Rechts ist auch klar… Dann auf der Sechs, Becker. Auf der Acht rechts, mhh.. Da kommt Girth hin (springt in den Sturm). Und hier? Ja Marco Dawid ist natürlich schon…

…wenn du ihn jetzt drauf schreibst, wird ihn das irritieren!

Ja, ja, ne lass mal. Und hier? Lass mich mal überlegen… Einschleimen beim Aufsichtsrat möchte ich mich eigentlich auch nicht. Ach komm, dann Gaede hier. Aber dann muss Becker auch auf die Acht. Im Mittelfeld hatten wir schon ne starke Qualität… Wen haben wir denn da noch gehabt. Ey, ganz ehrlich, das ist ganz schön schwierig!

Sind halt auch einige geblieben…

Oh, hier! Ach ne, Brandner kann ich ja auch nicht machen. Aber, ach komm, dann müssen wir das jetzt anders machen. Wir spielen jetzt 4-4-2. Dammi kommt neben Girth. Und da rechts Bektasi. Aber, ach ne, Schulze gab’s ja auch noch! (Denkpause) Lemke auch… (lacht) Ach, scheisse, Friede! Da muss der Europameister dran glauben. Achja, Feige, den können wir da hin machen und auf Links stellen wir Sascha Korb. So, alles gut! Ach weißte was, ins Tor kommt Skippy. So machen wir es.

Gibhardt – Schmik, Friedrich, Giese, Lorenzoni – Feigenspan, Gaede, Becker, Korb – Damm, Girth.

Foto: Fullewasser

Ein Gedanke zu “Punk, Philosophie, Pöhlen – Das große Interview mit Tobi Cramer”

  1. Schön ausgebuddelte Vergangenheit. Im zweiten Schritt habt ihr hoffentlich die Übernahme eines Am I Jesus Tracks in die Stadionplaylist angeleiert, oder?! Schön wäre auch ein kleines Ticket-Geschenk an „Cralle“ als Mitbringsel zum Interview gewesen. Nach dem Spiel gegen RW Hadamar
    könnte er auf Bekannte aus der Vergangenheit treffen beim „Kassel Calling Festival“ im Sandershaus. Vierzig Jahre nordhessische Punkhistorie….

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