Trainer raus? – Nicht euer Ernst!

Der Hessenliga zum Trotz: Der KSV Hessen Kassel funktioniert immer noch wie ein richtig großer Fußballclub. Warum? Kaum gehen ein paar Spiele in die Hose, schon fangen die Ersten an, am Stuhl des Trainers zu sägen. Wer das Ernst meint, hat nicht mitbekommen, welch positive Entwicklung der Verein in den vergangenen Jahren genommen hat.

Nein, es ist natürlich nicht verboten, den Trainer mit in die Verantwortung für die durchwachsenen Leistungen der vergangenen Wochen zu nehmen. Man darf, nein, man muss Tobi Cramer kritisieren und Fragen stellen dürfen – und das auf allen Ebenen, die in seinem Verantwortungsbereich liegen: Wieso kommen unsere Stürmer so selten zum Abschluss? Warum findet Basti Schmeer keine Anspielstationen? Brauchen wir ein anderes Spielsystem? Warum kommen die Wechsel immer erst so spät? Warum wurde der Kader nach dem Einstieg der beiden neuen Sponsoren nicht weiter substantiell verstärkt? All das hat seine Berechtigung. Es treibt einen in den Wahnsinn zu sehen, wie die Löwen in den vergangenen Partien auf das gegnerische Tor gerannt sind um dann exakt am Sechzehner nicht mehr zu wissen, was man mit der Murmel anfangen soll. Meist wurde dann nochmal quergelegt. Und nochmal. Und dann nochmal. Und dann nochmal. Hier ist der Trainer gefordert. Dass er unseren Jungs zeigen kann, wie man Fußball spielt, hat er in den vergangenen Jahren doch bewiesen.
Auch Frust ist verständlich: darüber, dass mit dem FC Gießen ein scheinbar übermächtiger Gegner die Liga dominiert und damit der Meisterschaftszug zum jetzigen Zeitpunkt schon so gut wie abgefahren ist. Oder darüber, dass unsere Équipe erneut mit einem kräftigen Punktabzug bestraft wird, weil die Gremien ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben.
All das ist verständlich. Wer nun daraus aber ernsthaft folgert, dass der Trainer gehen solle, hat nicht verstanden, was mit diesem Verein in den vergangenen Jahren passiert ist!

 

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Cralle mit André Schubert; Foto: Rösch

Tobi Cramer übernahm im Verein den Chef-Trainerposten 2016 in einer – mal wieder – schwierigen Lage. Der Verein war überschuldet und hatte wenig finanzielle Spielräume. Große Sprünge ausgeschlossen. Er vollbrachte im Sommer 2016 das Kunststück, Leistungsträger wie Henrik Giese zu halten und eine konkurrenzfähige Regionalligatruppe auf die Beine zu stellen. Er setzte die von André Schubert begonnene Philosophie, den KSV Hessen Kassel als Ausbildungsverein zu begreifen, fort und erntete die Früchte, die Schubert gesät hatte. Junge Spieler aus der U19 und der U23 bekamen ihre Chancen und setzten sich durch: Steven Rakk, Marco Dawid und Nael Najjar sind drei von ihnen, im letzten Jahr kamen dann Spieler wie Jan-Erik Leinhos oder Brian Schwechel dazu. Auch in diesem Jahr verstärken talentierte Spieler aus der U19 den Kader. Und wer einen Blick auf unsere U15 wirft, die in der Hessenliga gerade jeden Gegner wegputzt, darf berechtigt hoffen, dass dieser Trend so weitergeht. Die Spieler zahlten das Vertrauen mit guten Leistungen und viel Identifikation zurück. Brian Schwechel sagte mal im Blog36-Interview, dass es sein Ziel war, im Auestadion auflaufen zu dürfen, wo er schon als Balljunge hinter der Bande stand. Sowas ist doch geil, oder nicht?

Hinzu kommt die langfristige Bindung erfahrener Spieler an den Verein. Freddy Brill unterschrieb im vergangenen Sommer gleich für zwei weitere Jahre beim KSV, Mittelfeld und Offensive sind nahezu identisch mit dem Kader, der in der vergangenen Saison sportlich den Klassenerhalt in der Regionalliga packte. Nach vielen Jahren ständiger Wechsel – man hatte schon gar keine Lust mehr, sich die Spielernamen zu merken – ist in der Ära Cramer ein hohes Maß an Beständigkeit eingezogen. Die Spieler sehen Hessen Kassel nicht mehr als „Durchgangsstation in Richtung Profifußball“ (Huhu, Nico Perrey!), sondern sie identifizieren sich mit der Stadt und dem Verein. Wenn Marco Dawid nach dem Torjubel stolz den Löwen auf seinem Trikot in Richtung Fans zeigt und in die Kurve stürmt, nimmt man ihm das verdammt nochmal auch ab. Soviel Authentizität werden die Julian Schiebers und Sandro Wagners dieser Welt zusammen niemals erreichen.

Aber mehr noch: Tobi Cramer hat dazu beigetragen, in den vergangenen Jahren das Image des KSV Hessen Kassel gehörig aufpoliert. Er steht für Solidität und Kontinuität, Bodenständigkeit und Respekt. Auch in der Hessenliga wird dies sichtbar. Auf den Pressekonferenzen auswärts wird sich beim Gegner für die Gastfreundschaft bedankt und die Leistungen gewürdigt. Bei allem Respekt, aber man stelle sich vor, was ein Uwe Wolf alles ins Mikro brummeln würde, wenn er über Hessens Dorfplätze müsste.

Die Arroganz des KSV Hessen Kassel ist Geschichte. Das quasi natürliche Selbstverständnis der Löwen, „das Beste aus Nordhessen“ zu sein, ist verschwunden. Cralle ist jetzt in seiner fünften Saison bei unseren Löwen – das dritte Jahr als Cheftrainer, zuvor zwei Jahre als Co-Trainer von Matthias Mink. Mittlerweile kennt er den Verein in- und auswendig. Wann konnte das ein Trainer des KSV mal von sich behaupten? In den zehn Jahren zuvor verschliss der KSV insgesamt acht Trainer.

So schmerzhaft die Insolvenz auch war, so heilsam müsste sie eigentlich mit Blick auf die zukünftige Ausrichtung sein. Was uns doch in die Scheiße geritten hat, waren uneffektive Schnellschüsse bei der Besetzung von Trainerposten sowie größenwahnsinnige Königstransfers. Dies hat den Verein an den Rande des Ruins getrieben. Schon vergessen?

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Foto: Hedler

Tobi Cramer hat im Sommer 2016, aber auch ein Jahr später Verantwortung übernommen und ist dem Verein – wie viele Spieler auch – treu geblieben. Er betont, dass ihm der Verein ans Herz gewachsen ist und lebt dies auch vor. Er hat in schwierigen Situationen den Laden zusammengehalten und ihn würdig durch die Wirrungen des Insolvenzverfahrens geführt. Er hat den Karren zusammen mit vielen anderen wohlwollenden Menschen aus dem Dreck gezogen. Sponsoren, die neu hinzu kamen oder die verlängerten, bezogen sich stets auf die solide sportliche Leitung und das ruhige Fahrwasser, in dem sich der Verein mittlerweile befindet. Hessen Kassel will nicht mehr das Bayern München Nordhessens sein, sondern geht vermehrt den Weg des SC Freiburgs – und dafür muss Cralle nicht mal den Dialekt von Christian Streich imitieren.

Trotz Stimmen im Umfeld, die den Kopf des Trainers fordern, sind die Gremien (und auch das Umfeld) gut beraten, sich die Entwicklung, die der KSV Hessen Kassel in den vergangenen Jahren genommen hat, immer wieder vor Augen zu führen und sich zu fragen, ob die Vereinskultur eigentlich geiler war als heute? Wars denn besser, als Hans-Jochem Weikert vor drei Jahren mal eben den Aufstieg in die 3. Liga als Saisonziel rausposaunte und jeder wusste, dass da keine Substanz dahinter ist? Wars denn besser, als Christian Hock den Fußballgott demontierte? Und war es besser als Mehmet Göker verkündete, man werde in fünf Jahren wieder Zweitligafußball in Kassel sehen um dann kurz darauf die Brocken hinzuschmeißen?

Oder ist es nicht viel geiler mitanzusehen oder gar daran mitzuwirken, wie eine Mannschaft, das Umfeld und ein gesamter Verein sich entwickeln? Erfolge gemeinsam zu feiern, Niederlagen gemeinsam zu verarbeiten. Gemeinsam daraus zu lernen. Werte zu vermitteln und diese dann auch zu leben, statt sie wegen eines Unentschiedens gegen Ginsheim oder Hünfeld gleich in Frage zu stellen.

Welchen KSV Hessen Kassel wollen wir? Welche Kultur soll der Verein haben? – Diese Fragen sind unweigerlich mit der Personalie Tobias Cramer verbunden. Wer ihn austauschen will, hat aus dem vergangenen Jahr nichts gelernt. Gar nichts.

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3 Gedanken zu „Trainer raus? – Nicht euer Ernst!“

  1. Trotzdem – das dauert alles zu lang mit der Entwicklung. Jetzt ist es wieder ein verschenktes Jahr. Vertrag hat TC auch nur noch für dieses.
    Cramer musste und muss zwar Mangelverwaltung betreiben, wirkt aber auch manchmal fachlich limitiert. Warum macht er nicht nebenbei den Fussballlehrerschein? Und ja – natürlich fürchtet Blog36 seine Ablösung und den Verlust des direkten Drahtes zum Linienzampano…
    Aber ihr könnt beruhigt sein. Ihr werdet Euch auch an den Nächsten heranwanzen, da bin ich sicher!

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    1. Ja, Heranwanzen ist eine unserer Kernkompetenzen. Macht bei Cralle besonders Spaß! Dachten schon, bei wordpress sei die Kommentarfunktion kaputt…aber da bist du ja endlich!

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