Hessenliga annehmen!

Unbekanntes Hessen: nach zwölf Jahren Regionalliga muss der KSV Hessen Kassel in der Saison 2017/18 nun wieder in der Oberliga ran. Der Plan war eigentlich ein anderer. Doch anstatt zu lamentieren, sollte der geneigte Liebhaber des nordhessischen Rasenschachs den Blick nach vorne richten: denn die neue Saison verspricht so einiges.

Am 05. August 2006 gastierten unsere Löwen am 1. Spieltag der Saison 2006/07 als frisch gebackener Meister der Oberliga Hessen an der Grünwalder Straße in München. Der Gegner: der FC Bayern. Auch wenn es „nur“ die kleinen Bayern waren, war der KSV doch damit irgendwie wieder auf der großen Fußballbühne angekommen. In der damals drittklassigen Regionalliga – und das nur acht Jahre nach dem Neustart! Bei den Bayern kickten damals Michael Rensing, Stefan Meierhofer und Sandro Wagner, an der Pfeife in diesem Spiel: Schiedsrichter Deniz Aytekin. Internationale Spitzenklasse also. Und die Löwen? Die hatten nach wie vor ihren Thorsten Bauerfußballgott. Der machte gleich mal zwei Kisten und den Deckel drauf. Die ersten drei Punkte waren im Sack. Was folgte war etwas, das man gut und gerne als gelungenen Saisonstart bezeichnen darf: 6 Spiele, 14 Punkte, nur 2 Gegentore, Platz 3. Die Regionalliga Süd – in diesen Wochen schien sie nur eine Durchgangsstation auf dem Weg in den Bundesligafußball – ach was, auf dem Weg in die europäische Spitzenklasse – zu sein.

Und nun? Hessen Kassel startet zwölf Jahre nach dem fulminanten Aufstieg in die Regionalliga wieder in der Oberliga Hessen – obwohl die gar nicht mehr so heißt. Sie heißt jetzt Hessenliga. Klingt fluffiger. Gekauft. Es bedarf eines eigenen Artikels, wenn nicht sogar eines ganzen Buches, um zu erklären, warum man jetzt da ist wo man ist. Dass der „Uffstiech“ nie so einfach gewesen wäre, wie in der Saison 2007/08, wo ja bereits Platz 10 zur Qualifikation für die neu gegründete 3. Liga ausgereicht hätte. Dass man ein Jahr später starke 71 Punkte holte und trotzdem nicht aufstieg, weil die Retorte aus Heidenheim eben ein Pünktchen mehr auf dem Konto hatte. Dass man 2013 endlich Meister wurde – und dass nun mittlerweile selbst das nicht mehr ausreichte für den Aufstieg. Der Dino der Regionalliga hätte so einiges an Kuriositäten zu erzählen: Von einem Innenverteidiger namens Michael Zepek, der bereits in einem Champions League-Finale stand und feststellen musste, dass die Regionalliga dann doch ein anderer Schnack ist. Oder von Manni Bender, der vier hochkarätige Spanier nach Kassel locken wollte. Oder von einem geplanten Nachwuchsleistungszentrum von Galatasaray Istanbul, direkt in Park Schönfeld. Oder dass man es selbst nicht schaffte, zehn Minuten vor Abpfiff eine 3:1-Führung gegen 8 Feldspieler der SpVgg. Neckarelz über die Zeit zu bringen. Tragische kleine und große Anekdoten dieser Art gibt es eine Menge. Wie gesagt: die gehören alle in ein eigenes Buch. In der Summe ergeben sie aber die Antwort auf die Frage, warum man jetzt wieder in der Hessenliga spielt.

 

37605000_1020413608127802_6897165436639510528_n
Einer von vielen, die den Löwen treu blieben: Brian Schwechel; Foto: Löwen.tv

Doch wie ist der Abstieg zu interpretieren und was bedeutet das für die Herausforderung Hessenliga? Nun, da gibt es mehrere Sichtweisen. Auf jeden Fall hat der Abstieg seine Hauptursache in den neun Minuspunkten, die unsere Équipe in der letzten Regionalligasaison von Beginn an mit sich rum schleppte und die wir Teilen der ehemaligen Vereinsführung in den vergangenen Jahren zu verdanken haben. Sportlich wurde die Klasse gehalten, unsere Löwen haben ihre Regionalligatauglichkeit bewiesen, obwohl wir neben den Minuspunkten noch eine ultraschlechte Auswärtsbilanz hatten und zudem 16 Spiele in Folge ohne Dreier vor uns hin amorphelten. Aber unseren Löwen konnte man eines nicht absprechen: Sie zeigten in jeder Situation Charakter. Das begann schon damit, dass kaum einer von ihnen sich im vergangenen Sommer einen neuen Verein suchte – in einer Situation wo überhaupt nicht klar war, ob der Verein die Insolvenz überhaupt übersteht. Die Jungs verkörperten einen großartigen Zusammenhalt, der sich auf den gesamten Verein, die Fans und das gesamte Umfeld erstreckte. Beispiel gefällig? Ende März empfingen unsere Löwen die Stuttgarter Kickers. Nach 20 Minuten brachte uns Sergej Evljuskin auf die Siegerstraße. Die Reaktion der Fans ließ nicht lange auf sich warten. Die anwesenden 2.000 Zuschauer sangen „Steht auf, wenn ihr Kasseler seid!“. Nur nochmal zum Hintergrund: Wir hatten zu diesem Zeitpunkt magere 21 Punkte auf dem Konto, der sicher rettende 13. Platz war 13 Punkte entfernt. Eigentlich kein Grund zu ekstatischen Ausbrüchen – außer man hat die richtige Einstellung zu dieser besonderen Situation. Und diese Einstellung hatte nahezu jeder im Verein und in seinem Umfeld.

Es ist also gut, dass der eingeschlagene Weg der Bodenständigkeit und Regionalität, den niemand so sehr verkörpert wie Trainer Tobi „Cralle“ Cramer, fortgesetzt wird. Ein Großteil der aus rein sportlichen Gesichtspunkten nicht abgestiegenen Regionalligamannschaft, die in der Rückrundentabelle übrigens Platz 5 belegte, bleibt dem Verein treu. Damit war in dieser Größenordnung nicht zu rechnen. Bei jungen Talenten wie Brian Schwechel und Adrian Bravo Sanchez erschien ein Wechsel in höhere Klassen wohl wahrscheinlicher als der Gang in die Hessenliga. Verantwortlich hierfür war sicher einmal mehr die Überzeugungskraft unseres Trainers sowie die gute Atmosphäre, auch neben dem Platz.

37648666_1020413781461118_8894497435993243648_n
Basti Schmeer – nicht mehr wegzudenken aus dem Rudel; Foto: Löwen.tv

Es ist erfreulich zu sehen, dass auch für die Jungs aus der Region der KSV weiterhin der erste Ansprechpartner bleibt und diese eigentlich so typische Dauerwechselei zwischen Baunatal, Lohfelden, Vellmar und unseren Löwen nicht eingetreten ist. Basti Schmeer, Niklas Hartmann, Inge Merle, Marco Dawid, Nacho, unser lieber Bräääändy – sie sind seit Jahren fester Bestandteil des Löwenrudels und sind somit in Sachen Identifikation auch Vorbilder für junge Spieler wie Niklas Neumann, Michi Voss und Laurin Unzicker.

Hinzu kommt das Kunststück, über die vergangenen Jahre Spieler an den Verein gebunden zu haben, bei denen man nicht unbedingt damit rechnete. Ex-Eigentlich-Weltmeister-und-jetzt-Pozilei-Europameister Sergej Evljuskin geht in seine fünfte Saison bei den Löwen, auch Freddy Brill ist überzeugt von dem eingeschlagenen Weg und verlängerte seinen Vertrag gleich um zwei Jahre – keine Selbstverständlichkeit!

Vervollständigt wird der Kader durch Spieler, die in Cralles Beuteschema passen: die die Region in jungen Jahren in die große Fußballwelt verlassen haben und in großen Vereinen ausgebildet wurden. Ihnen ist der Durchbruch im internationalen Showgeschäft auf Anhieb nicht geglückt, aber sie wissen, dass sie auch hier in Kassel weiterentwickelt werden und der Wechsel zu den Löwen keine Sackgasse ist – und das macht die ganze Angelegenheit attraktiv für sie.

36315707_1843467489042379_6773504308756348928_n
Ihm schmeggeds au schon widder; Foto: Fullewasser

Fakt ist aber auch: sechs Abgänge aus dem Stamm des vergangenen Jahres sind nicht so ohne weiteres zu kompensieren. Insbesondere in der Defensive ist der Aderlass immens. Einen qualitativ adäquaten Ersatz für den Abwehrriegel Schmik/Albrecht/Mimbala/Korb zu bekommen, ist mit den bescheidenen finanziellen Möglichkeiten in der Hessenliga nicht  zu schaffen. Und so wurden die Testspiele genutzt, um auf der Innenverteidigerposition zu experimentieren: mit den jungen Neuverpflichtungen ebenso wie mit Inge Merle und Siggi Evljuskin. Beiden ist die Position nicht gänzlich fremd, sie sollen vor allem mit ihrer Erfahrung für Stabilität sorgen. „Keep calm and trust in Cralle“ lautet die Devise – und vielleicht ergibt sich in den kommenden Wochen doch noch die Gelegenheit bei fallenden Preisen auf dem Transfermarkt tätig zu werden.

Spieler, Gremien und Fans sind gut beraten, die Bälle in den kommenden Wochen flach zu halten – vor allem was das Formulieren von Saisonzielen anbelangt. Ohne Frage: natürlich muss darüber gesprochen werden, wann und wie man gedenkt die Hessenliga wieder nach oben zu verlassen. Allerdings ist der KSV Hessen Kassel nicht der einzige Verein in der Hessenliga, der der Ansicht ist, dass er da nicht (mehr) hineingehört. Als Favoriten auf den Titel gelten die neu fusionierten Vereine aus Fulda und Gießen, die sich beide mit zahlreichen Spielern aus den Profiligen verstärkt haben und damit keinen Zweifel lassen, wohin für sie die Reise gehen soll. Ihre Testspielergebnisse unterstreichen das bereits: Fulda besiegte u.a. Stadtallendorf deutlich, Gießen rang zuletzt dem FSV Frankfurt ein Unentschieden ab. Die Testspielergebnisse unserer Löwen stehen dem aber keinesfalls in etwas nach. Trotzdem: die Oberliga wird kein Spaziergang, der Wiederaufstieg ist nicht planbar, zumal zusätzlich auch alte Regionalligagefährten wie Bayern Alzenau Ambitionen haben.

Es hängt davon ab ob es gelingt, die Hessenliga anzunehmen. Nach der Insolvenz wachsen die Bäume nicht in den Himmel, der finanzielle Rahmen ist arg beschränkt. Die Zeiten sind vorbei, als private Gönner Trainingslager zahlten oder ominöse Sponsoren fragwürdige Last-Minute-Transfers möglich machten. Das ist aber auch nicht mehr nötig. Denn jetzt sind Spieler gefragt, die die richtige Einstellung mitbringen. Die Löwen werden die Gejagten sein – nicht nur in den Derbys gegen Baunatal und Lohfelden, sondern in allen Spielen. Und da bringt uns ein dauerrennender Michi Voss auf der linken Abwehrseite mehr als ein vermeintlicher Heilsbringer, von denen wir in der Vergangenheit mehr als genug hatten. Die Löwen müssen lernen, auch in der Hessenliga zu beißen. Und für uns Fans heißt es, Geduld im unbekannten Hessen zu haben und die  Stimmung genauso hochzuhalten wie in der kompletten letzten Saison.

37641121_1886769844712143_3868008265006710784_n
Bewahret die Einheit zwischen Mannschaft und Fans; Foto: Fullewasser
Advertisements

2 Gedanken zu „Hessenliga annehmen!“

  1. Auf das Handicap wegen schlampiger Ehrenamtstätigkeit – vermutlich durch Adolf H. – wieder mit einem Punktabzug rechnen zu müssen, hättet ihr bei der Saisonperspektive schon auch eingehen können. Das leistet sich kein anderer Verein im hessischen Fussball und zeugt nachwievor von durchunddurch gehenden amateurhaften Strukturen…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s