Offener Brief an den hr: Drei Tipps für einen angemessenen Ton in Ihrer Berichterstattung

Hessischer Rundfunk

Lieber Hessischer Rundfunk,

 

wir freuen uns sehr, dass die Regionalliga-Süd-West und auch der KSV Hessen Kassel regelmäßig in Ihrer Berichterstattung Gehör finden. Was uns allerdings ärgert, ist die nun wiederholte äußerst herablassende Kommentierung des Zuschauerzuspruchs in Nordhessen. Wir wollen Ihnen gerne helfen, zu einem angemessenen Ton in ihrer Berichterstattung zurückzufinden.

Link zum Bericht des HR:

hr Heimspiel Bericht „KSV Hessen – FSV Frankfurt“

Deshalb wenden wir uns mit diesem Offenen Brief an Sie. An dem Beispiel der Berichterstattung über das gestrige Spiel gegen den FSV Frankfurt, möchten wir Ihnen einige Recherchetipps geben und Ihren Redakteuren außerdem alternative Varianten der Kommentierung vorschlagen, in der Hoffnung, dass sie künftig näher am Wahrheitsgehalt berichten und von einem despektierlichem Ton absehen.

Die despektierliche Berichterstattung des hr

Vorweg: Unumstritten ist, dass sich jeder KSV Fan mehr Zuschauer im Auestadion wünscht – gerade in der heißen Saisonphase. Die Art und Weise ihrer Berichterstattung entfernt sich allerdings vom Wahrheitsgehalt, ist nicht verhältnismäßig, sondern herablassend.

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Trainer Cramer vor der in der aktuellen Saison geschlossenen Osttribüne; Foto: Hedler

Bereits in einer der vergangenen „heimspiel-Übertragungen“ ist uns Ihre Berichterstattung über den Zuschauerzuspruch in Kassel aufgestoßen. Damals schwenkte die Kamera über einen gesperrten Tribünenteil. Die (selbstverständlich) leeren Plätze dienten Ihnen als Beleg für einen geringen Zuschauerzuspruch. Wir haben diese fragwürdige Berichterstattung als „Ausrutscher“ verbucht. Nun aber wiederholt sich der despektierliche Ton in Ihrem Bericht über das Heimspiel gegen den FSV Frankfurt. Dort heißt es ab Minute 1:04 in ihrem Beitrag: „Kassel – zur Halbzeit 1:0 vorne, nur so wirklich scheint das in Nordhessen niemanden zu interessieren“. Gezeigt werden die Zuschauer im Auestadion. Diese Form der Berichterstattung erscheint uns bei 3.000 Zuschauern die ein Spiel der Regionalliga-Süd-West anschauen unangebracht.

Pressekodex sollte auch für Sportjournalisten gelten

Auch Sportjournalisten arbeiten nicht nach eigenem Gutdünken. Jeder Journalist lernt in seiner Ausbildung die Grundsätze des Pressekodex als ethisch-moralische Grundlage seines Schaffens. „Sorgfalt“ gilt hierbei als einer der Standards, die Journalisten einhalten sollten. Es heißt in dem besagten Dokument: „Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf […] weder entstellt noch verfälscht werden“.

Tipp 1: Zuschauerzahlen recherchieren

Spielen wir das Prinzip also durch. Wie hätte eine sorgfältig recherchierte Berichterstattung im besagten Bericht aussehen können?

Zunehmend besser gefüllt: Block 36; Foto: Hedler
Zunehmend besser gefüllter Block 36; Foto: Hedler

Will man eine Aussage über die Zuschauerzahlen treffen, wäre es angebracht gewesen, die Zuschauerzahl zu recherchieren. Unser Tipp für Ihre Redakteure: Die Zuschauerzahl wird während des Spiels etwa in Minute 70 bekannt gegeben. Sie wird außerdem während der Pressekonferenz des Vereins im Anschluss an das Spiel wiederholt. Ihr Redakteur hätte dort erfahren, dass 3.000 Zuschauer das Spiel gesehen haben. Das hätte sicher geholfen, um eine Aussage zum Zuschauerzuspruch zu treffen.

Tipp 2: Verhältnismäßigkeit wahren

Es ist zulässig, dass Ihr Reporter die Zuschauerzahl bewertet. Hier schlagen wir Ihnen für die Zukunft allerdings vor, das Urteil in Verhältnis zu setzen. Ein Tipp unsererseits: Der KSV Hessen spielt seit einigen Jahren in der Regionalliga-Süd-West. Setzt man in diesem Kontext die Zuschauerzahlen des KSV in Relation, könnte man zu folgenden Ergebnissen kommen:

1. Nur die Stuttgarter Kickers können einen ähnlich hohen Zuschauerschnitt im Abstiegskampf der Liga vorweisen.

2. Der KSV belegt gemeinsam mit besagten Stuttgarter Kickers Platz vier und fünf der Zuschauertabelle. Nur das Spitzentrio aus Offenbach, Mannheim und Saarbrücken kann auf mehr Zuschauerzuspruch zählen.

3. Am besagten Spieltag war nur das Spitzenspiel zwischen dem OFC und Waldhof Mannheim besser besucht.

4. Vergleicht man die Zuschauerzahl mit denen der letzten Heimspiele, dann kann der KSV auf einen ansteigenden Zuschauerzuspruch verweisen.

Kurzum: Das Urteil, der Abstiegskampf würde in Nordhessen niemanden interessieren, grenzt bei einer Zuschauerzahl von 3.000 in der Regionalliga Süd-West an eine „Verfälschung“ des Wahrheitsgehalt, die der Pressekodex eigentlich verbietet.

Tipp 3: Vorschläge für alternative Formulierungen

Block 30 mit gewohnt gutem Support; Foto: Hedler
Gewohnt guter Support von Block 30; Foto: Hedler

Wir möchten Ihren Redakteuren abschließend gerne am Beispiel alternative Formulierungen vorschlagen, die dem Wahrheitsgehalt eher entsprechen:

Variante A „3.000 Zuschauer fanden den Weg ins Auestadion“

Diese wertfreie und wahrheitsgetreue Wiedergabe der Fakten, hätte die Bewertung des Zuschauerzuspruchs den Fernsehzuschauern überlassen. Diese Variante bietet sich insbesondere dann an, wenn es Ihre Reporter nicht über ihr südhessisches Herz bringen, eine wohlwollende Berichterstattung über die nordhessische Fußballenklave zu produzieren. (Wer will es Ihnen auch verdenken, wenn an einem Wochenende ganz Südhessen verliert: die SGE, der OFC, Wehen Wiesbaden UND der FSV… )

Variante B: „Im Vergleich zu den vergangenen Heimspielen, fanden heute mehr Zuschauer den Weg ins Auestadion“

Mit dieser Variante wäre der hr Redakteur über seinen südhessischen Schatten gesprungen und hätte nahe am Puls der Fußballfans in Nordhessen kommentiert. Denn jeder, der es mit den Löwen hält, spürt aktuell, dass mit Blick auf das Saisonfinale das Umfeld des KSV aufgerüttelt wird. Wir hätten uns über diese Empathie gefreut!

Variante C: „Nur in Offenbach wollten heute mehr Zuschauer ein Spiel der Regionalliga Süd-West sehen“

Diese Variante hätte einen tollen Brückenschlag zu dem Topspiel an dem Tag bedeutet. Die „heimspiel“-Sendung hätte so – wie man auf Ihrer Redaktionskonferenz vielleicht gesagt hätte – „eine gelungene inhaltliche Kohärenz“ aufgewiesen. Außerdem hätte eine solche Formulierung auch unter Beweis gestellt, dass der hr zum Blick über den hessischen Tellerrand in der Lage ist. Der Kommentar hätte dabei geholfen, die gezeigten Bilder in das rechte Licht zu rücken. Ist das nicht die Kernfunktion eines Fernsehkommentators?

Variante D: „Ob 3.000 Zuschauer den eigenen Ansprüchen in Nordhessen gerecht werden, sei dahin gestellt“

Auch eine solche wahrheitsgetreue Variante mit kritischem Unterton wäre möglich, ohne herablassende Attitüde.

Wir hoffen, dass unsere Anregungen bei Ihnen auf Gehör stoßen. Wir wünschen uns für die Zukunft eine Berichterstattung, die von einer herablassenden Kommentierung des Geschehens im Auestadion absieht. Wir freuen uns auf Besserung.

Grüße aus Nordhessen,

blog36.de

KSV - FSV Frankfurt 14.4.18
Blick aus Block36; Foto: Blog36.de
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7 Gedanken zu „Offener Brief an den hr: Drei Tipps für einen angemessenen Ton in Ihrer Berichterstattung“

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
    liebe Fans und Mitglieder des KSV Hessen Kassel,

    herzlichen Dank für eure Anmerkungen, die wir aufmerksam gelesen haben. Natürlich haben wir uns auch den Beitrag unseres Kollegen noch einmal angesehen.

    Es ist vollkommen richtig, dass beim letzten Heimspiel gegen den FSV Frankfurt mit rund 3.000 Zuschauern, deutlich mehr Fans als im Saisondurchschnitt im Stadion waren. Jedoch wirkten auch diese 3.000 Zuschauer im Auestadion auf unseren Reporter noch etwas verloren, weshalb er sich zu dem Kommentar hat hinreißen lassen, dass der Halbzeitstand „in Nordhessen niemanden so wirklich zu interessieren scheint.“

    Der Hessische Rundfunk beobachtet das sportliche Geschehen in Nordhessen sehr genau und war deshalb in den letzten Monaten regelmäßig bei Spielen in Kassel. Dabei entstanden Spielberichte über die Partien gegen Mainz, Elversberg, Völklingen, Stuttgarter Kickers und vom Hessenpokal. Selbstverständlich wurden im Vorfeld alle unsere Reporter darauf hingewiesen, jedes Wort und jedes Details eines Beitrages sorgfältig zu prüfen.

    Dass es nun dennoch wiederholt zu einer etwas unglücklichen Formulierung bezüglich der Zuschauerzahlen gekommen ist, tut uns leid. Wir hoffen, dass dies nicht wieder vorkommt.

    In jedem Falle danken wir für den sehr konstruktiven und sachlichen offenen Brief. Wir freuen uns, wenn der Hessische Rundfunk auch künftig ein gern gesehener Gast beim KSV ist.

    Mit sportlichen Grüßen
    euer hr-fernsehen

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  2. Letzten Dienstag gab es übrigens ein A-Jugend Pokalspiel vor 600 Zuschauern in Wolfhagen, dass hat selbst die U19 des FSV Frankfurt überrascht.
    So ganz uninteressiert sind die Nordhessen dann scheinbar doch nicht

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  3. Liebe Freunde,
    Danke! für die guten Worte gegenüber dem HR. Es ist richtig, dass mal etwas gegen die feindliche Haltung gegenüber Nordhessen getan wird. Wir haben schließlich genug schwierige Zeiten hinter uns, sodass die großartige Leistung von Mannschaft, Vereinsführung und aller Fangruppen mehr gewürdigt werden sollte. Ich sage Euch herzlichen Dank für Eure Mühen. Euer Markus Jaschko

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  4. Naja..im Bericht beim Auswärtsspiel inElversberg war der KSV plötzlich nur noch 2 punkte vom Nichtabstieg entfernt….Der HR schwankt in seiner Berichterstattung manchmal zwischen Genie u Wahnsinn. Ich verfolgedie KSV Reportagen des HR nun schon über viele jahre…es gab Gutes u Schlechtes…aber das war schon übel, gestern, da stimme ich Euch zu

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    1. Schlimmer geht immer: Ich kann mich an einen hr Spielbericht erinnern, in dem der KSV mit den Lilien aus Darmstadt verwechselt wurde… Da hab ich mich als kleines Kind vor Qualen auf dem Boden gewunden und habe die Welt nicht mehr verstanden.

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