Die Löwen sind wieder da – und sie brauchen ihre Fans

Am Abend des 20. Februars 2018 rieb ich mir verwunden die Augen. Was habe ich da gerade erlebt? Die Fakten sind einfach erklärt: Der KSV Hessen Kassel hatte im Regionalliga-Heimspiel einen Punkten gegen die Kickers Offenbach geholt. Doch was die Zuschauer an diesem Abend sahen, war nicht nur ein einfacher Punktgewinn. Es war ein Aufbruch. Unsere Löwen sind wieder da.

Genau zehn Tage vor dem Hessenderby war der KSV sang- und klanglos beim TSV Schott Mainz untergegangen. An diesem Tag hatte einfach gar nichts zusammen gepasst. Und im großen Frust der Fans nach Abpfiff gab es nicht wenige, der sonst so unermüdlichen Schlachtenbummler, die sagten: Das war’s, nächste Saison dann wieder Hessenliga. Dazu zählte auch ich.

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Am Ende stand es 4:1 für „Schrott“ Mainz. Foto: Hedler

Und dann, ja, dann kam der OFC. Und die Löwenfans sahen eine andere Mannschaft. Laufbereitschaft, Aggressivität, unbedingter Wille. Alles war da. Alles was in Mainz so schmerzlich gefehlt hat. Klar, ein Derbysieg hätte noch einmal eine ganz andere Signalwirkung gehabt (unter anderem die, dass der OFC nun wirklich keine Spitzenmannschaft besitzt, ha!). Aber die Leistung der Kasseler war derart überzeugend und verbessert, dass sie doch berechtigte Hoffnungen auf einen Aufwärtstrend hervorrief.

„Dienstags ist scheiße, wie der OFC!“ *sing*

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Auf Basti ist Verlass: Er machte das 1:0 gegen Offenbach. Foto: Hedler

Es folgten zwei weitere Spielabsagen, das ungleiche Tabellenbild verzerrte immer weiter die tatsächliche sportliche Situation. Und dann stand auch noch das Heimspiel gegen die Hoffenheimer Millionenreserve an. Blog36 war uneins: Hauen wir die weg, wie schon im Hinspiel, dem einzigen Auswärtssieg der bisherigen Saison? Oder folgt eine weitere dunkle Stunde (wie wir sie gegen Hoffenheim bereits erleben mussten) für unseren Verein? Kassel begann tapfer, dominierte, erspielte Torchancen. Hoffenheim aber traf. Pause. Brechen wir jetzt ein? Besorgte Blicke im mit nur 1000 Zuschauern spärlich gefüllten Rund. Auf dieses „nur“ werden wir nochmals zu sprechen kommen.

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Ohne Worte. Foto: Hedler

Nach dem Anpfiff der zweiten Halbzeit hat die TSG die erste, große Chance. Die Blicke werden besorgter. Jedenfalls hat dann jemand den Schalter umgelegt. Welchen, wissen wir nicht. Aber er funktioniert. Ausgleich KSV. Basti Schmeer du geile Sau. Das Stadion brüllt den Frust und die Angst vor dem Abstieg heraus. KSV, KSV, KSV, gefühlt will es gar nicht enden. Im direkten Gegenzug – Stadionsprecher Charly hat noch nicht einmal den Torschützen vermeldet – Strafstoß für Hoffenheim. Vor der Gästekurve, die an diesem Abend ihrem Namen mal wieder nicht gerecht wird. Aus der Ferne erkennt Blog36 wie Torwart Niklas Hartmann tobt. Wir wussten es natürlich auch: Elfmeter? Niemals!

Geil abgeliefert, Haupttribüne

Was wir aber (fast) nicht (mehr) wussten: Wozu „nur“ 1000 frenetische KSV-Fans im Stande sind. Hardy hält den Ball. Das Estadio kocht. KSV, KSV, KSV, brüllt der ganze Block. Hören wir da etwa die Haupttribüne durch unsere eigenen Schreie hindurch? Das ganze Stadion tickt gerade völlig aus. Spieler berichten später, sie hätten die letzten zwanzig Minuten mit Gänsehaut gespielt. Ja, lange zwanzig Minuten waren da noch zu spielen. Aber der KSV war es, der am Drücker war. Cralle wechselt offensiv. Und dann kam es, wie es die Presse bereits heraufbeschworen hatte. Tor für Kassel! Szimayer trifft und der KSV gewinnt. Ekstase. Hessen Kassel wird nie untergehn!

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Szimayer erfüllt die Prophezeiung. Foto: Hedler

Der nächster Gegner: Ulm. Traditionsverein, Pleiteklub, potenzieller Absteiger. Ja, es geht immer noch um Ulm. Die Spatzen kamen zwar mit einem ebenso bedrohlichen Tabellenplatz, aber dafür mit einem Überraschungssieg gegen Elversberg im Rücken, nach Nordhessen. Dem ewigen Holger bereitete der KSV einen wahrlich herzlichen Empfang, dann war es aber auch schon vorbei mit den Freundlichkeiten. Schnell ging es los, denn schnell isser ja, der Marco Dawid. 1:0. Abwesenden Blog36-Mitgliedern wird später berichtet: Die Bude hätte nur Marco so machen können. Geil abgeliefert.

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Einfach einmalig: Marco Dawid. Foto: Hedler

Was folgte, war ein Schaulaufen des wieder erwachten KSV. Jetzt musste schnell nachlegen, denk ich mir. Alle denken es. Aber die Unsicherheit ist noch da. In den Köpfen, in den Beinen. Auf und neben dem Platz. Können wir das Ding echt noch nach Hause wuppen? Ja, wir können verdammt nochmal. Basti Schmeer du geile Sau! 2:0. Das nächste Endspiel vor der Brust.

„730 Kilometer für diese zehn Sekunden!“

Elversberg, die haben doch gerade gegen Ulm verloren? Ja! Und wir haben doch gerade Ulm geschlagen! Ja! Wenn Fußball doch so einfach wäre. Isser aber nicht. Also erstmal früh raus, auf die Autobahn. 365 Kilometer Richtung Saarland. „Geil, dass das Stadion direkt an der Ausfahrt liegt! Dann musste in das Kaff nicht mal rein“, erkennt ein Blogger36 scharfsinnig.

Kaff kann man ruhig mal so stehen lassen. Was einst ein Drittligist war, zieht heute keine 750 Zuschauer mehr an. Etwa 36 Kasseler Schlachtenbummlern ist das egal. Dauersupport aus der Kurve, die Stimmung ist vom Feinsten. Klar, Elversberg ist keine Kirmestruppe. Aber eine verschworene Gemeinschaft sieht anders aus. Und lässt vor allem den von Herzblut getriebenen Tabellenletzten nicht derart zur Entfaltung kommen. In der Halbzeit ist allen Kasselern klar: Hier geht was.

„Lucas erobert sich den Ball im Mittelfeld und treibt ihn nach vorn. Bravo Sanchez kommt mit: spiel ihn rüber! Geil, jetzt lauf, Adrian, und dann ne schöne Flanke. Die Flanke kommt. Was macht denn Jenny Elversberg da? Leandro Grech, überhaupt der geilste Elversberger auf dem Platz, semmelt am Ball vorbei. Konfusion, Verwirrung, Szimayer! Da ist ja Szimayer! Und da liegt der Ball! Drück ihn über die Linie, Seb! Mach ihn! Tooooooooooorrr!

Ich raste komplett aus, balle meine Faust, mein Bier fällt mir aus der Hand, ich drehe mich rum und renne Richtung Toilettenwagen. Warum denn dahin? Egal. Ich renn den Typen vom Würstchenstand um. T’schuldigung. Ich schreie, stolpere, fange mich wieder, drehe mich rum, laufe zurück, die Treppen runter. Ich schreie immer noch. High Five hier, Umarmung dort, 40 Fans des KSV Hessen Kassel, die den weiten Weg gefahren sind, flippen komplett aus. Runter zum Zaun. Spielertraube, Erleichterung. Ich schreie immer noch. Steven Rakk dreht sich um und brüllt. Alles muss raus. Geil.

730 Kilometer für diese zehn Sekunden!

Unsere Mannschaft lebt, kämpft und hat sich nicht aufgegeben. So spielt kein Absteiger. So nicht. Dieser Drops ist noch lange nicht gelutscht.“

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„Dieser Drops ist noch lange nicht gelutscht.“

Auf der Heimfahrt ist Blog36 nicht euphorisch. Obwohl, ein bisschen schon. In der Liga warten wichtige Spiele, aber auch machbare Gegner. Erfüllt man diese Pflichtaufgaben, ist Cralles Jungs alles zuzutrauen. Die Fans haben gezeigt, dass sie zu der Mannschaft stehen, auch wenn es nur 1000 völlig verrückte waren.

Am kommenden Mittwoch steht allerdings Hessenpokal an. Der Wettbewerb, in dem der KSV voll im Soll liegt und gute Chancen hat, das Finale zu erreichen. Sicherlich, der Verbandsligist aus Südhessen darf nicht unterschätzt werden – das Lohfelden-Trauma wiegt schließlich noch schwer. Mit dem Rückhalt der Fans und einer konzentrierten Leistung jedoch kann sich die Mannschaft für den betriebenen Aufwand belohnen. Über Eddersheim nach Neapel. ;-)

Löwen geben niemals auf!

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Choreo im Block 30 gegen Offenbach. Foto: Hedler
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Ein Gedanke zu “Die Löwen sind wieder da – und sie brauchen ihre Fans”

  1. Wieder ein gelungener Beitrag der 36iger! Vielen Dank, eines Tages wird man dankbar sein, dass ihr die Entwicklung und Stimmung rund um den KSV so gut dokumentiert. Chronistenpflicht erfüllt :)

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