War das etwa der Aufbruch? – Eine Nachbetrachtung der Mitgliederversammlung

Dem Tag der Mitgliederversammlung war in den vergangenen Wochen mit großer Spannung entgegen gefiebert worden. Im Mittelpunkt des Interesses rund um den KSV Hessen Kassel: das neue Personal in den Gremien, das für einen glaubhaften Neuanfang im Verein stehen soll. Das eine neue Vereinskultur prägen soll. Und das den KSV nach außen besser repräsentieren soll, als die seit Jahren handelnden Akteure. So begann sich das Karussell zu drehen, Namen wurden gehandelt und rauf und runter diskutiert.

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So sieht Aufbruch aus!; Foto: Rösch

Man erhoffte sich im Vorfeld jedoch nicht nur neue Personalien, sondern auch, dass ein Signal des Aufbruchs von der Versammlung ausgeht. Die prekäre Situation hat Mitglieder und Fans in den vergangenen Wochen enger zusammengeschweißt, viele haben sich in einer Situation, in der es gut verständlich gewesen wäre, sich vom Verein abzuwenden, erst recht dazu bekannt und den Verein auf unterschiedlichsten Wegen unterstützt. Sie haben gezeigt, dass der Verein lebt und es sich lohnt, ihn auch weiter am Leben zu halten.

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#allezusammen; Foto: Rösch

Anders formuliert: die Fans haben den neuen Gremien den Ball auf den Elfmeterpunkt gelegt, diese mussten die Murmel eigentlich nur noch versenken. Das hätte bedeutet, einen klaren Plan vorzulegen, wie es in den kommenden Wochen weitergehen soll, wie die Fans eingebunden werden sollen und was jetzt passieren muss. Es hätten Ansprachen kommen müssen für den Verstand UND fürs Herz. Es hätte eine Euphorie entfacht werden können, auch wenn klar ist, dass aufgrund des laufenden Insolvenzverfahrens nicht umfänglich jede Frage zur aktuellen Situation hätte beantwortet werden können. Stattdessen gab es die gleichen Diskussionen wie in den vergangenen Jahren auch. Klar: es war emotional, mitunter hitzig. Aber es war ebenso erwartbar. Ein großer Überraschungsmoment blieb aus. Und so trotteten drei Stunden später viele Mitglieder gedankenverloren aus dem Rathaus, und man sah ihnen an, dass sie noch mehr Fragen hatten als zu Beginn der Veranstaltung.

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Ennos geilster move seit dem Hessenpokal; Foto: Rösch

Doch es gab auch lichte Momente und Auftritte. Dazu zählt die eigentliche Gewinnerin des Abends, die vorläufige Insolvenzverwalterin Jutta Rüdlin. Sie erklärte nicht nur verständlich, was zurzeit ihr Job ist, sondern vermittelte auch den Eindruck, dass es ihr wichtig ist, den Verein für die nahe Zukunft gut aufzustellen. Zu den Gewinnern gehören auch noch ein paar andere: Enno Gaede zum Beispiel, der wie zu seiner damaligen Zeit als Kapitän unserer Équipe nun einmal mehr unter Beweis stellt, dass er auch abseits des Platzes bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Seine Wahl zum Aufsichtsratschef ist sicher sein geilster move seit seinem entscheidenden Treffer in der Verlängerung gegen Wiesbaden im Hessenpokalhalbfinale 2015.

Es gab aber auch eine Reihe von Verlierern an diesem Abend. Dazu gehören zunächst erstmal alle Anwesenden, die sich von Adi Hildebrandt durch die Versammlung leiten lassen mussten. Er verkörperte in Reinkultur all das, wovon man glaubte sich trennen zu müssen: Er gab Empfehlungen an die Mitglieder, wie sie seiner Meinung nach am besten abstimmen sollten, machte in Eigenregie Vorschläge, wie man mit Anträgen auf Satzungsänderungen umgeht („Wir machen dann mal ne Kommission und da lade ich euch mal zu ein…“) und schnitt Redner_innen das Wort ab, wenn ihm die Beiträge nicht passten. Wohlgemerkt: sein Job war es lediglich, die Versammlung zu leiten und zu moderieren. Stattdessen: „Gemauschel“, „Intransparenz“, „abgekartetes Spiel“ – so waren bereits die Vorwürfe auf der Versammlung, die in bester Blog36-Manier pöbelnd laut dazwischenrufend dargeboten wurden. Stimmlich waren wir beeindruckt, daher möchten wir an dieser Stelle all diese Pöbler zum fröhlichen Weiterpöbeln beim nächsten Heimspiel in den Block 36 einladen. Mitunter wirkte aber das Gebaren im Rahmen einer Saalveranstaltung wie der Mitgliederversammlung etwas deplatziert. Die Beweggründe waren allerdings durchaus nachvollziehbar, denn einige im Verein (nicht nur Adi Hildebrandt) zeigten erneut, dass sie sich mit einer beteiligungsorientierten Vereinskultur – drücken wir es mal vorsichtig aus – schwer tun. Erwähnenswert ist sicher auch der Bericht von Matthias Hartmann, der glaubhaft Fehler einräumte und dem anzumerken war, dass ihn die Situation der vergangenen Wochen belastete. Er hat sich mit der Präsidentschaft im Lions Club bereits das nächste Hobby organisiert, es wird ihm also nicht langweilig. Sein Lob an Mannschaft und Trainerteam brachte einen beeindruckenden Applaus der Mitglieder. Das zeugte von Größe.

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Oberbürgermeister und Neu-Aufsichtsrat Christian Geselle (mit Schlips)!; Foto: SPD

Zu den Verlieren gehören aber auch die Vorstände Alexandra Berge und Daniel Bettermann, die nicht entlastet wurden, weil vom neuen Oberbürgermeister (mit Schlips) und einfachem KSV-Mitglied (ohne Schlips) Christian Geselle gewünscht wurde, dies auf eine außerordentliche Mitgliederversammlung zu verschieben. Es brauche mehr Klarheit über die finanzielle Situation und wie sie zustande gekommen ist. Daher müsse man die Arbeit von Jutta Rüdlin abwarten. Es hat den Anschein, man versteckt sich derzeit gern und allzu oft hinter der Insolvenzverwalterin, weil man (noch) keinen wirklichen Plan hat, wie es weitergehen soll. Geselle machte deutlich: „Mich gibt’s nur, wenn hier Transparenz in den Laden kommt!“ Ein wichtiges Signal, das zuversichtlich stimmen sollte. Es ist diesbezüglich aber nicht nachvollziehbar, warum man ausgerechnet jene beiden Vorstände, die sich im vergangenen Jahr maßgeblich um Partizipation und Transparenz bemüht haben, nicht mehr in den neuen Vorstand miteinbindet. Nach den, von Jens Rose in der HNA am 29.06. geäußerten Plänen, sollen beide zwar in ihren Ressorts (Presse + Marketing) tätig bleiben, aber künftig im Vorstand keine Stimme mehr haben um die Richtung des Vereins zu bestimmen. Entweder Rose hat noch ein Ass im Ärmel oder er hat sogleich eine erste unkluge Entscheidung getroffen – gegen die Fans, die sich im Vorfeld und auch auf der Mitgliederversammlung selbst, vehement für das B&B-Duo ausgesprochen hatten. Völlig unklar bleibt zudem, wie die beiden Betroffenen selbst zu der Ankündigung Roses stehen, zukünftig ihren Job weitermachen zu sollen, ohne jedoch Einfluss auf die Geschicke im Verein zu haben. Sieht Rose sie lediglich als ausführendes Organ?

Warum mit Jens Rose überhaupt nur ein einziger Vorstand berufen wurde, wirft ebenfalls Fragen auf. Hatten Rose und  der neue Aufsichtsrat nicht im Vorfeld der Mitgliederversammlung lang genug Zeit, Personal zu finden? Worauf wartet man? Von Ex-Trainer und Vorstandskandidat Matthias Hamann wissen wir ja, dass es nicht darauf ankommt, wer als erster losläuft, sondern wer als erster ankommt, aber hinsichtlich der Besetzung des Vorstandes gibt es einfach noch zu viele Fragezeichen. Wer die ganze Arbeit übernehmen soll, ist völlig unklar. Der Vorstand ist ein Arbeits-, kein Schnittchengremium. Es hat lange gedauert, bis der Verein zu dieser Erkenntnis gekommen ist. Es sollte dringend vermieden werden, wieder in diese alten Muster zu verfallen.

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Hessen Kassel wird nie untergehen!; Foto: Rösch

Im vergangenen Jahr wurde viel aufgebaut beim KSV Hessen Kassel, auch wenn das nicht immer und sofort nach außen sichtbar ist. Ein wesentliches Merkmal bestand neben einer deutlich verbesserten Öffentlichkeitsarbeit und der damit einhergehenden Transparenz auch in einer Orientierung auf Beteiligung und Zusammenhalt im gesamten Verein. Erste Schritte wurden gemacht. Von der Mitgliederversammlung erwartete man sich eine gewisse Aufbruchsstimmung. Ein positives Zeichen nach draußen, das Sponsoren anlockt und sagt: „Klar ist hier gerade alles turbulent, aber es weht ein frischer Wind und alle haben Bock!“ Diese Chance wurde erstmal verspielt. Unter TOP 15 „Verschiedenes“ gab Hildebrandt dann mal so nebenbei bekannt, dass Geselle und (der von Rainer Hahne bereits ein paar Stunden vorher verkündete) Fritz Westhelle (ein Konkursverwalter, welch Ironie) in den Aufsichtsrat kooptiert wurden und dass Jens Rose nun im Vorstand ist. Wäre dies nicht die Chance gewesen für einen der Protagonisten nochmal das Wort zu ergreifen? Sagte keiner was, weil keiner etwas zu sagen hat? Wo war der flammende Appell an Wirtschaft, Stadtgesellschaft und Region, dass jetzt eine neue Zeit angebrochen ist? Müsste Jens Rose nicht so etwas sagen, wie: „Den Karren ziehen wir jetzt gemeinsam aus dem Dreck!“? Müsste Geselle nicht sagen: „Mir könnt ihr vertrauen, steigt jetzt ein!“? Irgendwie so etwas? Stattdessen hatte Adi Hildebrandt das letzte Wort: „Tschüss. Kommt gut nach Hause.“ Na dann.

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3 Gedanken zu „War das etwa der Aufbruch? – Eine Nachbetrachtung der Mitgliederversammlung“

  1. Ich empfand das Auftreten Geselles als absolut deplatziert. Wenn nicht nach seiner Pfeife getanzt wird, ist er nicht an Board? Das zeugt nicht gerade von Größe. Zu Hildebrandt wurde hier bereits alles gesagt. Ein unerträgliches Gebahren.

    Am Ende überwog das Gefühl, dass irgendwie doch alles beim Alten bleiben wird.

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  2. Ich sehe den Verlauf der Jahreshauptversammlung im Großen und Ganzen positiv. Sicher gab es hinsichtlich der Präsentation des Jahreswirtschaftsberichts eine herbe Enttäuschung. Auch über so manchen Ablauf konnte man durch aus geteilter Meinung sein. Das Verhalten von Chr.Geselle und Jens Rose fand ich in dieser Situation absolut richtig. Sachlich unaufgeregt und der Sachlage angemessen. Die personellen Weichenstellungen wurden umgesetzt. Für mögliche „Groß-Sponsoren“ und Gönner sollte ein Platz im Vorstand freigehalten werden um den Einstieg dann auch zu realisieren. Sicher wird der ein oder andere dies zur Bedingung machen um sein Investment nicht ohne eine gewisse Einflußnahme zu lassen. Allzu verständlich, wer gibt entsprechendes Geld und überlässt es ausschließlich dem „Geschick“ anderer. Ich denke J.Rose in Verbindung mit Chr.Geselle werden nunmehr den entsprechenden Vertrauensvorschuß bei einigen Sponsoren wecken. Wir sollten hier das gleiche tun und unser Engagement uneingeschränkt weiter einbringen !

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  3. Na, da wandelte ein Adi Hildebrandt im JHV-Gestus wohl in den bekannten Spuren von Amigo Weikert.
    Vielleicht kann man bei der AMV dann gleich auch mal den Wahlausschuß neu zusammenstellen…

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