Insolvenz – kein Problem? Der KSV vor der Mitgliederversammlung 2017

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Es geht um nicht mehr und nicht weniger als Kassel; Foto: Rösch

Am Ende war der Gang zum Amtsgericht nicht mehr zu vermeiden. Hessen Kassel ist insolvent. Derzeit herrscht große Ungewissheit über die Zukunft. Von der Auflösung des Vereins bis hin zur normalen Fortführung in der Regionalliga Südwest scheint derzeit alles drin. Ein ganz wichtiges Ereignis wird die Mitgliederversammlung am 27. Juni. Eine gute Vorbereitung ist da alles. Blog36 möchte seinen Beitrag leisten. Wir versuchen uns daher an einer Einordnung der Geschehnisse der vergangenen Tage, Wochen und Monate. Daraus entstehen Wünsche, Ideen und konkrete Forderungen, die wir hiermit gern zur Diskussion stellen.

 

„9 Punkte Abzug – mehr nicht?“

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Und das soll es jetzt bald nicht mehr geben?; Foto: Rösch

Die Kommentare in den sozialen Netzwerken erzeugen ein falsches Bild. Von einer riesengroßen sportlichen Herausforderung ist da die Rede durch die neun abgezogenen Punkte. Abstiegskampf könne auch geil sein und Zuschauer ins Stadion bringen. Die neun Punkte Abzug sind ein Appell an das Narrativ des stets benachteiligten und zu kurz gekommenen Nordhessen. „Jetzt erst recht“ – ja, das kann schon motivierend sein. Es entsteht aber zurzeit vermehrt der Eindruck, die neun Punkte seien die einzige Last, die es zu stemmen gilt. Doch hatten wir nicht eigentlich finanzielle Probleme? Auf die Bekanntgabe neuer Sponsoren, die diesen geilen Abstiegskampf finanzieren sollen und die, so wird es kolportiert, schon längst in den Startlöchern stehen, wenn es Bewegung in den Gremien geben sollte, wartet man nach wie vor vergebens. Auch von den zögernden „Alt-Sponsoren“, die ihre Verträge aus selbigen Gründen noch nicht verlängert haben, ist nichts zu hören – zumindest nicht öffentlich.

Wären unsere Marketingverantwortlichen nicht gut beraten, an dieser Stelle für Transparenz zu sorgen? Oder gibt es einfach nichts zu vermelden? Die finanzielle Lage ist und bleibt das eigentliche Problem. Die Gefahr für den Verein war selten so groß wie derzeit. Die neun Punkte Abzug sollten derzeit nicht im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Wir können froh sein, wenn es überhaupt dazu kommt, sich diesem Problem zu widmen.

Resignation? Nein: Jetzt erst recht!
Wunde Füße, überforderte Lebern, kaputte Stimmbänder: Die vergangenen Wochen waren nicht nur nervlich, sondern durch Spendenläufe, „Saufen für die Löwen“ und Sponsoren-Grölen auch körperlich enorm belastend für die Fans des KSV.

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If the kids are united, they will never be divided; Foto: Rösch

Auch wenn dadurch die Insolvenz nicht abgewendet werden konnte: gelohnt hat es sich dennoch! Die Fans sind enger zusammengerückt, man hat sich füreinander interessiert, sich gegenseitig motiviert und darüber auch besser kennengelernt. Man hatte in den vergangenen Jahren beim KSV nie so wirklich das Gefühl, dass dieser Verein ein genuines Vereinsleben hat. Mitgliederbeteiligung – in welcher Form auch immer – erschien eher als eine Last. Man hatte nicht den Eindruck, sie sei erwünscht. Andersherum zog es auch niemand so richtig in Betracht, sich einzubringen. Davon ausgenommen sind natürlich die vielen helfenden Hände – sowohl im Nachwuchsbereich als auch in der Frauenabteilung. Auch der Abteilung Herzblut oder dem Medienteam wollen wir damit nicht zu Nahe treten. Dennoch: ein großes Miteinander hat es in der Vergangenheit nie gegeben. Der Ball ist rund, das Spiel dauert 90 Minuten und danach gehen wir alle wieder nach Hause. Doch dann überlegten sich die Jungs der U13, für jedes ihrer erzielten Tore ihr Taschengeld zu opfern. Fans organisierten ein Saisonabschlussfest. Auf einmal bekam ein jeder im und vom Verein mit, dass unsere Frauen Meisterinnen wurden UND aufgestiegen sind (es gibt tatsächlich noch Ligen, in denen Meister direkt aufsteigen).

Die letzten Wochen verdeutlichten: Der Verein lebt wie lange nicht mehr, auch medial konnte das transportiert werden. Mit dieser lebendigen Basis muss verantwortungsvoll umgegangen werden! Und diese Basis lässt nicht locker. Darum: Weiter machen! Nicht aufgeben! Bootstour, Benefiz-Fußballturnier, Saisoneröffnungsfeier – hingehen, mitmachen, selbermachen!

Farbe bekennen – keine Ausreden mehr!
Am Ende des hoffentlich erfolgreichen Insolvenzverfahrens wird die Schuldenfreiheit stehen. Daher gelten die Ausreden derer nicht mehr, die behaupten, beim KSV würde man einzig und allein in ein schwarzes Loch oder in Altlasten investieren.  Jetzt bietet sich die Möglichkeit für alle Sponsoren den Umbruch aktiv mitzugestalten. Die Tugenden, die Trainer Tobi Cramer unserer Équipe auf dem Platz vermittelt, müssen dabei auf den wirtschaftlichen Bereich übertragen werden: Bodenständigkeit und Ehrlichkeit. Sie müssen Leitlinien des Handelns sein. Wer einen ehrlichen und bodenständigen KSV haben möchte, muss jetzt einsteigen, denn jetzt kann er oder sie mitgestalten.

Augen und Ohren auf bei der Gremienbesetzung!

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Darum geht’s!; Foto: Rösch

Die Mitgliederversammlung am 27.06. steht bevor, auf der ein neuer Aufsichtsrat gewählt wird, der dann wiederum noch weitere Aufsichtsratsmitglieder berufen kann und einen Vorstand bestimmt. Über das Demokratieverständnis dieser Prozedur lässt sich trefflich streiten. Manch einen lässt dies verwundert zurück. Doch für Satzungs- und Verfahrensfragen ist in der kommenden Woche keine Zeit. Vielmehr sind bereits seit Tagen Namen der potentiellen zukünftigen Gremienmitgliedern in den Print- und Onlinemedien der Stadt im Umlauf. Klar ist: Wer den Verein in die Insolvenz führt, kann nicht glaubhaft für einen Neuanfang stehen. Die entsprechenden Personen scheinen das auch eingesehen zu haben und kündigten an, ihre Plätze zu räumen. Dabei verbietet es sich, gegen diese Personen nachzutreten. Sie haben in den vergangenen Jahren viel Zeit, Kraft und Geld in den KSV investiert. Generell sollte bei der Beurteilung des Vorstandes differenziert werden: Unsere Pressesprecherin und neuerdings auch Insolvenz-Mitverwalterin Alexandra Berge steht für die Integration der Fans in die unterschiedlichen KSV-Rettungsaktionen der vergangenen Woche. Sie hat verstanden, dass es auf Kommunikation ankommt und sich immer für Transparenz und eine professionelle Außendarstellung eingesetzt. Für die unermüdliche Arbeit des vergangenen Jahres gebührt ihr großer Dank. Eine Weiterführung des Engagements im neuen Vorstand wäre ein Gewinn für die Weiterentwicklung eines beteiligungsorientierten KSV und für die Rechte der Mitglieder und Fans.

Am Ende müssen sich die Gremienmitglieder als Team begreifen. Es darf nie wieder in den Gremien gegeneinander gearbeitet werden. Nichtsdestotrotz bedarf es einer heterogenen Zusammensetzung und einer Kultur der Meinungspluralität. Die Mitglieder sind am 27.06. gut beraten, Vertreter in den Aufsichtsrat zu wählen, die ihre Ohren dicht an der Fanszene haben. Und diese Vertreter wiederum sollten wissen, dass die Fanszene in Kassel vielfältig ist.

Man darf gespannt auf die Wahlen sein. Jens Rose und Matthias Hamann stehen für großen Sachverstand in ihren Bereichen und für erfolgreiche Kapitel der jüngeren Vergangenheit. Insbesondere Matthias Hamann sollte aber wissen, dass die Probleme des vergangenen Jahres weniger im sportlichen Bereich lagen. Tobi Cramer hat nicht nur als Trainer einen exzellenten Job gemacht, sondern bereits frühzeitig die Kaderplanung für diese Saison vorangetrieben und auch an vielen anderen Stellen Aufgaben übernommen, die eigentlich in der Verantwortung eines Sportvorstands liegen würden, wenn wir denn einen gehabt hätten. Cralle muss in Ruhe nach seiner Philosophe mit der Mannschaft weiterarbeiten dürfen. Matthias Hamann muss dabei den überregionalen Blick einbringen und Cralles Arbeit ergänzen. Dann könnte das eine gute Zusammenarbeit werden.

Christian Geselle (StadtkŠmmerer der Stadt Kassel)
Bald im Aufsichtsrat? Christian Geselle; Foto: SPD

Ein Engagement von Christian Geselle wäre ein wichtiges Zeichen an Wirtschaft und Stadtgesellschaft. Geselle gewann die diesjährige Wahl zum Oberbürgermeister derart dominant, einen in der Höhe vergleichbaren Sieg hat es im Auestadion seit Jahren nicht mehr gegeben. Der aufstrebende Stern am Himmel der hessischen Sozialdemokratie hat noch viel vor in seiner politischen Karriere. So einer setzt sich nicht auf ein totes Pferd und holt sich gleich zu Beginn seiner Amtszeit die erste Klatsche. Eine große Mehrheit der wählenden Kasseler Bevölkerung hat Geselle sein Vertrauen geschenkt. Nun müssen die Fans des KSV auf ihn vertrauen: dass sein Name bei Sponsoren und Gönnern mit Seriosität und Sachverstand in Verbindung gebracht wird. Dass er der nordhessischen Wirtschaft den KSV als Erfolgsmodell im Rahmen seiner Möglichkeiten verkaufen kann. Christian Geselle hat gleich zu Beginn seiner Amtszeit die Chance, mehr für den KSV rauszuholen, als sein Amtsvorgänger, der zwar einen festen Platz auf der Haupttribüne hat, den aber eher selten aufsuchte.

Trainer und Spieler: weiter #geilabliefern
Es gilt, den Spirit des vergangenen Jahres mit in die neue Saison zu nehmen – trotz neun Punkten minus. Trainerfrohnatur Tobi Cramer hat damit bereits angefangen: „Dann rocken wir die Liga eben von hinten. Ist kein Problem!“ plauderte Cralle fröhlich ins Mikrofon des Hessischen Rundfunks.

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Keep calm and listen to Cralle; Foto: Blog36

Durch die Insolvenz ergeben sich allerdings auch für die Spieler, die einen gültigen Vertrag für die kommende Saison haben Möglichkeiten, den Verein zu verlassen. Während in anderen Vereinen vermutlich alle das Weite suchen würden, herrscht beim KSV im sportlichen Bereich erstaunliche Unaufgeregtheit. Steven Rakk ist beim Halleschen FC im Probetraining. Für diese Chance hätte der 18-Jährige aber sicher nicht die Insolvenz gebraucht. Ansonsten wurde der Stamm des Vorjahres frühzeitig gebunden. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass der ein oder andere Spieler nicht doch noch kalte Füße bekommt, insbesondere wenn die Spielergehälter in drei Monaten nicht mehr wie jetzt aus der Staatskasse bezahlt werden. Aber bleibt die Mannschaft in dieser Form zusammen, wäre das ein starkes Zeichen! Auch an potentielle Sponsoren. Es gilt also weiterhin, die Nerven zu bewahren. Keep calm and listen to Cralle. Spielerverpflichtungen á la Comvalius gehören der Vergangenheit an. Vielmehr sendet Cralle das Signal an jeden talentierten Fußballer in der Region, dass er vor der Haustür die Chance bekommt, auf viertklassigem Niveau Fuß zu fassen und sich für den Profifußball zu empfehlen. Der KSV als Ausbildungsverein – lange wurde darüber schwadroniert, jetzt trägt der von André Schubert und Ede Wolf eingeschlagene und von Alfons Noja, Claus Schäfer, Torsten Hirdes und anderen umgesetzte Weg erste Früchte: vier neue U19-Spieler gehören fortan fest zum Rudel, dazu mit Jan-Erik Leinhos und David Lensch talentierte Spieler aus der U23. Bereits länger zur ersten Garde gehören die Eigengewächse Marco Dawid und Nael Najjer. Hinzu kommen viele, viele weitere Jungs aus der Region, die sich langfristig an den Verein gebunden haben, wie Adrian Bravo Sanchez, unser lieber Bräääändy, Basti Schmeer und Niklas Hartmann. Zu guter Letzt hat Insolvenzverwalterin Jutta Rüdlin auch noch der Verpflichtung von Sebastian Szimayer zugestimmt, der wohl mit Fug und Recht als Königstransfer durchgeht und von Absteiger Eintracht Trier an die Fulda wechselt.

Die positiven Signale aus dem sportlichen Bereich müssen sich jetzt übertragen auf den wirtschaftlichen Bereich. Bis zum Liga-Auftakt am letzten Juli-Wochenende geht das Zittern weiter, ob diese Mannschaft, die Tobi Cramer geformt hat, dann auch tatsächlich mit minus neun Punkten ins Rennen um den Klassenerhalt der Regionalliga Südwest gehen wird.

Jetzt erst recht. Jetzt oder nie!

Hessen Kassel wird nie untergehn!

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Ein Gedanke zu “Insolvenz – kein Problem? Der KSV vor der Mitgliederversammlung 2017”

  1. Wichtiger Beitrag, um sich mal differenzierter über die tatsächliche wirtschaftliche Situation des KSV`s Gedanken zu machen. Oftmals denken Anhänger, dass der einfache Austausch von Sponsoren/ Vorstandsmitgliedern den Verein auch gleich „neue Türen“ öffnen wird. Dem wird, nicht so sein!
    Um vieles muß neu geworben werden. Ohne einen Vertrauensvorschuß bei Sponsoren und Gönnern wird ein Neuanfang nicht umsetzbar sein. Die Solidarität der zahlreichen treuen Fans mit dem Verein ist bemerkenswert und dass Interesse für einander wichtig. Der Verein wird nur überleben können wenn der Zusammenhalt auf und neben dem Platz umgesetzt wird !

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