Teil 1: Tennislehrer, Kommunalpolitiker, Wissenschaftler – Was machen eigentlich unsere Aufstiegshelden von 2006?

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Foto: SM Club Foto-Archiv

Es ist wahrscheinlich eine der schönsten Geschichten, die einem beim Rückblick in die jüngere Vergangenheit als Erstes in den Sinn kommt: der Aufstieg 2005/06 aus der Oberliga Hessen in die drittklassige Regionalliga. Nein, das wird jetzt nicht die 3.426te Nachbetrachtung dieser phänomenalen Spielzeit. Das haben andere, die das viel besser können, bereits (zurecht) bis zum Erbrechen getan. Längst haben wir verinnerlicht, dass es im Fußball nicht darum geht, wer als Erster losläuft, sondern wer als Erster ankommt. Daher wollen wir uns vielmehr auf (Winter)spurensuche begeben und herausfinden, was unsere Aufstiegshelden eigentlich heute so treiben.

Dass Thorstenbauerfußballgott mittlerweile Chef der hiesigen Barmer GEK-Geschäftsstelle ist, wissen in Nordhessen nicht nur die gesetzlich Krankenversicherten. Und dass Marc Arnold nach Karriereende mit Braunschweig in der Bundesliga war, ist sicher auch keinem Fußballinteressierten in der Region entgangen. Aber was ist eigentlich mit dem Rest der Truppe? Interessiert sich eigentlich noch irgendeine Sau für Nicolas Heidtke, Pascal Groß und Markus Krause? Natürlich: Blog36 interessiert sich! Wir haben uns umgehört und konnten einiges, aber nicht alles rausfinden.16-steinbach-09

Foto: SM Club Foto-Archiv

Dies ist der erste von zwei Teilen. Wir möchten uns zunächst der Defensive widmen. Was also treiben die Torhüter und das Abwehrbollwerk?

Eine letzte Anmerkung vorneweg: Sehr bedauerlich ist, dass wir unser Geschreibsel nicht besser bebildern können. Unsere eingescannten Polaroid-Fotos von damals sind zwar ganz nett, das KSV-Archiv wäre aber besser. Leider ist es tot. Vielleicht kann sich der Verein mal bemühen, dass sich dies mittelfristig wieder ändert.

Torhüter

Oliver Adler (#30, 29 Einsätze, Karriere beendet, 49 Jahre): Dass Olli Adler überhaupt in Kassel landete, ist der Verletzung von Stammkeeper Mirko Bitzer und dem gesunden Misstrauen von Trainer Matthias Hamann gegenüber den anderen beiden Keepern im Kader geschuldet. Adler kam während des bereits laufenden Spielbetriebs als  37-Jähriger mit der Erfahrung von 224 Zweitliga- und 17 DFB-Pokaleinsätzen auf dem Buckel von Rot-Weiß Oberhausen zu den Löwen. Die Sache war langfristig angelegt: Eigentlich sollte Adler irgendwann ins Trainerteam der Löwen einsteigen. Da hatte er Bock drauf. Die Entlassung von Matthias Hamann in 2008 verhinderten allerdings die Pläne. Also ging er 2008 zurück zu RWO und wurde dort Co-Trainer. So richtig erfolgreich lief die ganze Angelegenheit aber nicht ab, der langjährige Zweitligist ist mittlerweile in der harten Realität der Regionalliga West angekommen. Publikumsliebling Olli Adler hat den Verein längst verlassen und ist nun Fahrer bei der Ruhrkohle AG. Klingt irgendwie alles nach einer klassischen Karriere im Pott. Familiär scheint alles solide: Frau und zwei Kinder. Auch dem Fußball hat Adler nicht den Rücken gekehrt. Ob man allerdings als Torwart-Trainer bei DJK/Arminia Klosterhardt, einem abstiegsbedrohten Verein aus der Landesliga Niederrhein (Gruppe 2) noch auf den großen Durchbruch im Show-Geschäft hoffen kann, sei dann mal dahingestellt. Am „Uffstiech 2006“ hatte Olli mit seinen überragenden Paraden auf der Linie einen Riesenanteil. 97 Mal trug er das Löwen-Trikot in Ober- und Regionalliga. Unvergessen blieb sicher auch, als er bei der 3-8-Heimklatsche in der ersten Regionalligasaison gegen 1860 München II vor lauter Frust den Ball aus dem laufenden Spiel heraus mit voller Wucht über das Stadiondach in Richtung Aue drosch – muss man auch erstmal schaffen. Adler war charakterlich all das, was im modernen Fußball nicht mehr so richtig angesagt ist: er war unbequem, schroff, unfreundlich, plump und derbe. We used to love it.

Mirko Bitzer (#1, 4 Einsätze, FK Pirmasens, 42 Jahre): Es war schon eine veritable Überraschung, als Charly Wimmer am 12. November 2016 zum Rückrundenauftakt der diesjährigen Saison die Aufstellung des FK Pirmasens verlas: da stand doch tatsächlich Mirko Bitzer im Tor. Großes Staunen im übersichtlichen Stadionrund, ungläubige Blicke auch im Block 36. Man fragte sich: „Bitzer? Ist das nicht der Name des Hundes aus der Kinderserie ‚Shaun, das Schaaf‘?“ Das stimmt! Aber mehr noch: die unorthodoxe Nummer 50 im Tor des FKP ist unser ehemaliger Keeper, der zur 2005 von der TuS Hohenecken in die Fuldastadt wechselte. In Hohenecken spielte er bereits unter Trainer Matthias Hamann. Eigentlich lief für Bitzer zu Beginn alles nach Plan. Er wurde Stammkeeper und war sicherer Rückhalt im Team. Doch dann kam die Verletzung und Mirko Bitzer sollte aufgrund der nachträglichen Verpflichtung von Hochkaräter Olli Adler niemals mehr das Löwen-Trikot tragen dürfen. Was für ein Pechvogel. Bitzer machte es sich stattdessen zur Aufgabe, für jeden, aber auch wirklich jeden Verein in Rheinland-Pfalz zu spielen – egal in welcher Liga. Und so hießen die Stationen unter anderem Kaiserslautern, Bad Kreuznach, Idar-Oberstein, Zweibrücken, Hauenstein, Rieschweiler, Trier und zweimal Pirmasens, wo er aktuell die Nummer 5 (!!!) im Kader ist. Wie seine weitere Planung ist, hat er uns nicht verraten, aber mit 42 Jahren hat er sicher noch ein paar Jährchen vor sich und mit dem TSV Schott Mainz steht derzeit ein rheinland-pfälzischer Verein auf dem Sprung in die Regionalliga, bei dem Bitzer noch nicht gespielt hat. Wir wünschen ihm ein langes Leben und viele weitere Auftritt in unserem schönen Auestadion!

Norman Stollberg (#12, 0 Einsätze, unbekannt, 33 Jahre): Die Aufstiegssaison des damaligen vierten Torwarts des KSV verlief ereignisarm und war insgesamt recht kurz: kein Einsatz in der Hinrunde, zur Winterpause dann der Wechsel zur TSG Neustrelitz. Ein Jahr später ging es jedoch zurück nach Nordhessen bzw. Südniedersachsen. In der Saison 2011/12 kam er zu immerhin 24 Hessenliga-Einsätzen für den FSC Lohfelden. Seine Spuren haben sich mittlerweile verloren, in der vergangenen Spielzeit schnürte er die Stiefel für die SVG Göttingen 07 in der niedersächsischen Oberliga. Zuvor war Stollberg für eine Zeit beruflich in China. Er arbeitet bei der Allianzversicherung.

Nicolas Heidtke (#13, 1 Einsatz, Karriere beendet, 34 Jahre): Soso, der feine Herr Doktor. Heidtke ist mittlerweile als Dr. Nicolas Heidtke unterwegs. Er ist Geschäftsführer von „NiHei SportConsulting“, die neben der klassischen Spielervermittlung auch Vereine betreuen und beraten. Heidtke ist promovierter Sportwissenschaftler, hat dies in Göttingen mit den Nebenfächern BWL und VWL auch studiert. In der Aufstiegssaison reichte es nur zu einem einzigen Einsatz, bei dem ihm gegen Vellmar gleich drei Kisten eingeschenkt wurden. Coach Hamann reagierte wie oben beschrieben, nach der Rückkehr von Mirko Bitzer fand sich Heidtke nicht mal mehr im Kader wieder. Ein bisschen enttäuschend war das schon, schließlich wechselte der gebürtige Wolfsburger von Hannover 96 II zum KSV in die Oberliga Hessen und durchlief beim heimischen VfL alle Jugendmannschaften. Immerhin nahm er die Entscheidung sportlich, spielte noch eine Saison für die Junglöwen und beendete dann mit 25 Jahren seine aktive Spielerlaufbahn.

 

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Foto: SM Club Foto Archiv

Abwehr

Eren Cihan (#4, 23 Einsätze, unbekannt, 32 Jahre): Eren Cihan ist einer von vielen nordhessischen Spielern, die in ihrer Transferhistorie den magischen Dreiklang aus Hessen Kassel, KSV Baunatal und FSC Lohfelden hinbekommen haben (diesen Dreiklang gibt es auch variabel mit dem OSC Vellmar als Septakkord). Cihan erledigte das alles bereits in sehr jungen Jahren. Trotz Aufstieg mit dem KSV blieb er der Oberliga Hessen treu – und ging zum FSC Lohfelden. Es folgte der Gang in die Niederrungen des Amateurdaseins: Süsterfeld, Wolfsanger, Bosporus. BÄMM! Seine Spur verliert sich dann aber ein wenig. In der vergangenen Saison heuerte er als Spielertrainer in der  Kreisliga Göttingen-Osterrode Süd bei der SV Türkgücü Münden an, die er aber nach nur einem Jahr wieder verließ.

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Foto: SM Club Foto Archiv

Thorsten Schönewolf (#6, 32 Einsätze, TuSpo Nieste, 43 Jahre): 254 Spiele absolvierte Thorsten Schönewolf für unseren KSV und schoss dabei 17 Tore. 2009 beendete er dann seine Karriere im Löwen-Dress. Wie Torstenbauerfußballgott ist auch unser damaliger Capitano bei der Barmer GEK beschäftigt – als Leiter der Marketingabteilung. Er kickt noch in der Altherrenmannschaft der TuSpo Nieste und ist Trainer der U10 der JSG Nieste/Stauffenberg. In dessen Reihen kickt offensichtlich ein talentierter Nachwuchskicker namens Lasse Schönewolf, jedenfalls wenn man diversen Spielberichten in der Presse Glauben schenken darf. Vom „gefährlichen JSG-Spielgestalter“ ist da die Rede. Wenn das so ist: Unbedingt verpflichten, den Sohnemann!!!

Dominik Suslik (#15, 20 Einsätze, Karriere als Spieler beendet, aktuell Athletiktrainer bei Hannover 96 II, 31 Jahre): „Susi“ schaffte es, bereits in jungen Jahren zu einer Art KSV-Urgestein zu werden: er kam 2004 im Alter von 20 Jahren aus Göttingen nach Kassel, profitierte in der Aufstiegssaison von der Verletzung von Eren Cihan und rückte so an die Seite von Torsten Schönewolf in der Innenverteidigung. Was heute kaum einer auf dem Schirm hat: Susi ist der Einzige aus der damaligen Truppe, der Bestandteil der unaufsteigbaren Meistermannschaft von 2012/13 war – als Athletiktrainer. In der Zeit beim KSV studierte Suslik Sportwissenschaften und BWL an der Uni in Göttingen und stieg nach Beendigung seiner aktiven Spielerlaufbahn 2008 bei uns als Athletiktrainer ein. Auf seine Kappe gehen sicherlich auch die damaligen mörderischen Wintertrainingslager als man sich einen Spaß daraus machte, Julio Cesar da Rosa auf Skier zu stellen und die arme Sau 200 Kilometer am Tag durch die Alpen skaten zu lassen. Doch es war effektiv, die Löwen waren zu der Zeit so konditionsstark wie nie, etliche Spiele wurden zu unseren Gunsten in der Schlussviertelstunde entschieden. Neun Jahre war Suslik ein Löwe – umso überraschender ist es, wie still es um ihn herum heute geworden ist und wie selten sein Name auftaucht.

Christoph Keim (#3, 30 Einsätze, Karriere als Spieler beendet, aktuell Trainer beim 1. FC Schwalmstadt, 35 Jahre): Christoph Keim ist als gebürtiger Ziegenhainer ein waschechter Nordhesse mit Ruhrpott-Erfahrung – also quasi wie Olli Adler. Nur umgekehrt. Keim kickte schon in der Jugend für die Löwen und wechselte 2003 dann vom VfL Bochum zurück zum KSV.  Dies war ein wegweisender Schritt für den torgefährlichen Außenverteidiger – sportlich wie privat. Sportlich brachte er es auf 165 Liga-Einsätze, er war sowohl in der Aufstiegssaison als auch in der ersten Saison in der Regionalliga ein echter Dauerbrenner. Privat eroberte er das Herz von KSV-Physiotherapeutin Yvonne Zuschlag, mit der er heute verheiratet ist und zwei Kinder hat. Doch die Konkurrenz um die Stammplätze im Team wurde härter, Keim war nicht mehr automatisch gesetzt und so bat er zur Winterpause 2011/12 um die Freigabe und kehrte zurück in seine Heimat zum 1. FC Schwalmstadt, die er später dann als Trainer übernahm und mit denen er den Aufstieg in die Hessenliga schaffte. Kurzzeitig schmiss er hin, weil er mehr  Zeit mit seiner Familie verbringen wollte. Doch da war es offenbar auch nicht so prickelnd. Seit November 2016 steht er wieder an der Seitenlinie des 1. FCS. Allerdings hat der Fußball in Schwalmstadt schon bessere Zeiten gesehen – Keim spielt aktuell um den Abstieg aus der Verbandsliga Nord. Grund genug, in der Karriereplanung noch auf andere Pferde zu setzen. Keim betreibt in der Zwischenzeit gemeinsam mit seinem Vater Walter den elterlichen 330-Hektar-Hof in Allendorf. Mit der Politik hat er ein weiteres Eisen im Feuer: Bei der Kommunalwahl 2006 kandidierte er für die Schwalmstädter CDU fürs Stadtparlament. Ob das der erste Schritt in die große Politik ist und ob wir ihn im nächsten Merkel-Kabinett als neuen Landwirtschaftsminister wiederfinden, bleibt offen.

Markus Krause (#22, 7 Einsätze, Karriere beendet, 39 Jahre): Krause hatte in der Aufstiegssaison einen schweren Stand. Ein Jahr vorher warf ihn ein Motorradunfall aus der Bahn. Dann wurde seine Trainingseinstellung bemängelt. Kurze Zeit später wurde er gegenüber einem Vorstandsmitglied handgreiflich und stand bereits auf der Abschussliste. Gerade noch rechtzeitig begnadigt, konnte er sich in der darauffolgenden Aufstiegssaison aber gegen starke Konkurrenten in der Verteidigung nicht mehr durchsetzen. Der gebürtige Braunschweiger, der von Beruf Speditionskaufmann ist, wurde in der Zeit jedoch in Nordhessen heimisch, wechselte zunächst nach Lohfelden und später zum SSV Sand, wo er 2010 seine Karriere ausklingen ließ.

Turgay Gölbasi (#21, 29 Einsätze, Kocaeli Birlikspor, 33 Jahre): Mein Gott, was hatte dieser Typ für eine enorme Power auf der Außenbahn. Ohne Frage: Gölbasi lieferte schon geil ab, da gab es noch gar keine Hashtags. Leider bekamen das auch andere Vereine mit, nach zwei Jahren KSV wagte der noch junge Turgay den Schritt zu Rizespor in die türkische „Süper Lig“. Allerdings setzte er sich dort nicht durch und wechselte 1 1/2 Jahre  als Leihgabe zurück zum KSV. Doch wie das so ist mit den Verflossenen: man wünscht sie sich zurück, doch wenn sie wieder da sind, ist es trotzdem nicht wie früher. Turgay ging 2008 zurück in die Türkei zu Samsunspor, die zu der Zeit zweitklassig waren. 2011 gelang ihm dann der Aufstieg in die „Süper Lig“. Offensichtlich brauchte er einfach etwas Zeit, wahrscheinlich war der direkte Wechsel von der Oberliga Hessen in die „Süper Lig“ zu groß. Aus dieser Erfahrung lernend, ging Turgay den Weg ins türkische Oberhaus nicht mit, sondern wechselte zum Zweitligisten Karsiyaka. Nach diversen weiteren Vereinswechseln ist er nun in der dritten türkischen Spielklasse, bei Kocaeli Birklispor, heimisch geworden.

 

 

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