Eigentlich wäre ich jetzt Pulitzerpreisträger

Bob Dylan bekommt 2016 den Literaturnobelpreis und Sergej Evljuskin spielt 4. Liga. Ist das fair? Dabei hat Siggi zumindest gerade ein Buch veröffentlicht. Grund genug für uns das Literarische-Trentaseixtett auszupacken und einen Blick auf Siggis Meisterwerk zu werfen. Buchklub36 hat gelesen und sagt euch ob ihr euch im Winter mit „Eigentlich wäre ich jetzt Weltmeister“ einkuscheln und schmökern könnt.

Machen mäh uns ma nix vor! Die langen Unnerbuchsen kommen langsam wieder aus den nordhessischen Schränken und mit ihnen kommt die Winterpause. Nur knapp mehr als einen Monat trennen uns vom letzten Heimpiel dieses Jahr. Wenn gegen Trier abgepfiffen wird, geht es erst Ende Februar im heimischen Estadio Del Aue weiter. Was also tun, wenn man am Wochenende endlich wieder Zeit für Freunde und Familie außerhalb des Auestadions hat? Am besten verkriecht man sich in eine Ecke und liest Bücher bis zum Februar, wenn der Spuk vorbei ist und redet mit niemandem. Wer regional kaufen will hat dieses Jahr zwei Möglichkeiten: Grimms Märchen oder Sergej Eveljuskin mit Christof Dörr – Eigentlich wäre ich jetzt Weltmeister. Damit es soweit kommen konnte, hat sich Christof Dörr letztes Jahr mit dem Diktiergerät bei Sergej Evljuskin einquartiert und mit ihm über seine bisherige Karriere gesprochen. Christof Dörr arbeitet sonst als Auslandskorrespondent des Südhessischen Rundfunk in dem sonst eher unbekannten kleinen Land Kassel. Auf Hessenschau.de schreibt Dörr, dass er unbedingt mal Kassel in der Bundesliga sehen möchte. Der zweite im Bund und Hauptfigur der Geschichte: Sergej „Evil as can be“-juskin. Er bedarf unter den Leserinnen und Lesern des Blog36 keiner großen Vorstellung, daher kommen hier nur die Hard Facts: 1988 in Kirgisien geboren fand er 1990 den Weg nach Braunschweig. Im Fußball dribbelte er sich über Braunschweig, Wolfsburg, Rostock, Babelsberg und Goslar bis nach Kassel. Nebenher kickte er mal eben für die Deutsche Nationalmannschaft: U16, U17, U18, U19 und U20. Der 178cm lange Notorious-CIG bekam dafür zwei glänzende Münzen vom DFB spendiert und begann 2014 eine Lehre zum Geilablieferant bei unserem KSV Hessen Kassel und schloss diese Siggi-cum-laude ab. Die größte Prüfung steht ihm aber nun erst bevor: Die Kritik des vielleicht krassesten Buchklubs der Nordkurve.

Zurück zum Buch. Der Untertitel heißt „Warum der Kapitän von Boateng, Özil und Höwedes heute in der 4. Liga kickt“. Schon klar, man lockt mit Namen, die auch über Kassel hinaus bekannt sind. Das ist durchaus legitim und verrät auch schon viel über die Geschichte, die dahinter steckt. Seht her, hier ist jemand der die Großen nicht nur kennt sondern sogar ihr Kapitän war. Heute kickt er in der 4. Liga. Alptraum! Unfair! Wie konnte er so tief fallen? Auch wenn im Buch immer wieder aufgezeigt werden soll, es seien die Anderen (andere Journalisten), die die 4. Liga als Schreckensszenario darstellen wollen um einen möglichst tiefen Fall darstellen zu wollen, so ist der Untertitel bei genauerer Betrachtung doch das Gleiche. Man möchte fast meinen, dass es, je schlimmer es Sergej jetzt ginge, das Buch umso ansprechender wäre. Auch immer wieder benutzte Formulierungen wie „aus besseren Zeiten“ bestärken diese Vermutung. Man sucht die Absolute. Oben oder unten, Himmel oder Hölle. Das macht neugierig, ist aber grundfalsch. Die viel wichtigeren Fragen verbergen sich aber zwischen den Zeilen: Kann man in der 4. Liga glücklich sein? Sind Boateng, Özil und Höwedes glücklicher? Oder hatten sie nur mehr Glück? Das Buch selbst beinhaltet daher sowohl Kritik, muss aber auch kritisch betrachtet werden. Sergej und Christof Dörr schaffen es aber allemal sich in diesem Spannungsfeld gut zu bewegen.

Es wird sicher nicht langweiliger je weiter man einsteigt. Der Protagonist erscheint direkt als sympathische Identifikationsfigur. Hier ist einer in den ich mich als Leser gerne hineinversetze und wer Sergej mal getroffen hat spürt sofort, dass die Figur des netten und hilfsbereiten Typen nicht weit hergeholt sein kann. Man fiebert beim Lesen mit ihm mit. Zwischen Zeitungsausschnitten und Zitaten aus Stadionmagazinen beschreibt die Nummer 15 mit eigenen Worten die Geschehnisse und so bildet sich zusammen mit Interviews ehemaliger Weggefährten ein Bild aus verschiedenen Winkeln über eine Fußballkarriere von den Anfängen über die Nationalmannschaft bis Heim nach Kassel. Dörr hat hier sicher einiges an Recherchen reingesteckt aber konnte sich anscheinend Prima von den uninteressanten Teilen trennen.

Besonders ins Auge sticht dem typischen Milieu des Block36 (kapitalismuskritisch und betrunken) auch die feine Note Kritik am kapitalistischen Geldfußball. Die Veränderung von Spaß, Teamplay und Freundschaft zu Konkurrenzkampf und Ellenbogengesellschaft je höher die Karriereleiter reicht, werden zwar benannt, ihre Ursprünge aber nur ungenügend kritisch unter die Lupe genommen. Geht man mit offenen Augen für dieses Thema an „Eigentlich wäre ich jetzt Weltmeister“ heran, ergibt sich hier aber ein wunderbarer kleiner Spiegel unserer Gesellschaft. Man kann sich anstelle von Hauptfigur Evljuskin jede andere Figur vorstellen, die, so wie er beschrieben wird, auch an die anderen Menschen um ihn herum denkt, dann kann diese Figur unter den beschriebenen Verhältnissen kein Profi werden. Es gibt nur die knallharte Konkurrenz. Es zeigt sich für mich damit auch einmal mehr, warum Hessen Kassel viel mehr Spaß macht als diese alberne Champions League. Klar könnte ich mir interessantere Gegner als den SC Teutonia 1929 Watzenborn-Steinberg (was für ein Name) vorstellen aber an dieser Stelle muss ich einen Spoiler bringen: Weder Boateng, noch Özil, noch Höwedes gaben ein Interview für das Buch. Soviel soll denn auch zur Frage verraten werden ob man in der 4. Liga glücklich sein kann: Für mich als Fan auf jeden Fall! Lieber mit Menschen wie Siggi in der 4. und dann am Zaun schnell das nächste Interview oder die nächsten „3,6 Fragen an…“ abgemacht als vergeblich auf die hohen Herren aus der Nationalmannschaft zu warten. In Kassel hat uns noch niemand abgewiesen. Ich kenne die drei Jungs nicht und möchte dann auch keine Böswilligkeit unterstellen aber Dinge wie der Blog36 funktionieren eben nur mit unseren Kasseler Jungs und Mädels. Dennoch werde ich Jeromé, Benni und Mesut einfach zum nächsten gemeinsamen Kegelabend einladen und sie mal kurz zu ihrer Zeit mit Sergej zu befragen.

Zusammengefasst: Obwohl der Titel etwas anderes zu versprechen scheint, ist „Eigentlich wäre ich jetzt Weltmeister“ eine schöne Geschichte. Es geht natürlich um Fußball, aber auch um Familie, Integration und eine Boyband (Apropos: Siggi, wir müssen reden!). Es gibt sogar ein Happy End, denn wie wir alle wissen ist Siggi jetzt endlich im Ahlen Neste angekommen und machte gerade seine erste Bude für die Löwen, gegen Walldorf folgte direkt die Zweite. Im Block stehen echte Fans und keine, die sich als Logo eines Telekommunikationsanbieters verkleiden (müssen).

Das was noch zu klären bleibt: Versüßt das Buch mir nun die Winterpause? Leider nicht die ganze Winterpause. Denn es ist gut zu lesen. Etwas über 200 Seiten fasst das Werk und ist auch keine schwere Kost. Locker geht es von Absatz zu Absatz und ich behaupte während bibliophile Menschen das Buch in einem Rutsch durchlesen, haben auch Leute, die sonst eher keine Bücherwürmer sind, hier entspannten Spaß am Lesen. Kein geschwollenes Geschwafel wie etwa bei den elitären Schnöseln des Blog36, sondern klare Fußballersprache. Damit sind 200 Seiten schnell durchgerattert. Wenn du dein Fußballbegeistertes Kind zum Lesen animieren möchtest oder du wolltest immer mal wissen wie eigentlich die Laufbahn zum Fußballprofi ist? Passt! Mit 14,99€ ist es auch passend als Geschenkidee (Winterpause heißt auch Weihnachten) für diesen einen komischen KSV-Onkel den in Nordhessen wohl jeder in der Familie hat. Wenn ihr jetzt im Moment Blog36 lest, könntet ihr das selbst sein.

geil
Mit Sigginatur. Foto: Blog 36
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