Viertklassig Kochen #5: Mannemer Spaghettieis

Viele meiner frühsten Kindheitserinnerungen ranken sich um Spaghettieis: Die gezwirbelten Schlangen aus Vanilleeis; die süße knallrote Erdbeersauce; der angefrorene Sahnekern und die feinen Raspeln aus weißer Schokolade.  Wenn ich zum Beispiel als kleiner Bursche einen Fuß auf die „Fritze-Ebert“ setzte, meldete sich sofort der Pawlowsche Reflex eines zuckervernarrten Kindes. Mir lief automatisch das Wasser im Mund zusammen. Mit der Meile im Vorderen Westen verband ich kausal die Besuche in der Eisdiele zwischen Querallee und Annastraße. Ähnlich beim Kino. Obwohl meine Freunde uneingeschränkt das Kaskade oder das Gloria als ihre Lieblingskinos ausmachten, fiel bei mir die Wahl bevorzugt auf das unscheinbare, angeschmuddelte „Royal“ in der wenig schmuckvollen Galerie zwischen Königsstraße und Dock 4. Warum? Daneben gab es eine Eisdiele mit Aussicht auf Spaghettieis nach dem Film. Meine Leidenschaft für das Eis hielt auch später weiter an. Tatsächlich startete eines meiner ersten Dates klassisch in der Eisdiele. Obwohl ich wusste, dass ich mit meiner infantilen Eiswahl bei ihr nicht unbedingt punkten würde, bestellte ich trotz adoleszenter Hormonkrise: Spaghettieis. (Immerhin kämpfte ich mir krampfhaft etwas Ehre zurück, indem ich danach demonstrativ eine blaue Gauloises auf Lunge rauchte.) Heute sind die Anlässe für den Eisdielenbesuch zwar rarer geworden. Trotzdem bleibe ich dabei: Speisekarten sind für mich in Eisdielen überflüssig. Ich nehme Spaghettieis.

Gut und schön. Aber, was hat das mit Mannheim zu tun?

In Mannheim baute Karl Dais das erste Zweirad. Hier wurde von Werner von Siemens der erste elektronische Aufzug vorgestellt. Carl Benz fuhr bald danach mit dem von ihm erfundenen Automobil über die Mannheimer Straßen. Auch das erste Elektroauto, der erste Leitungsschutzschalter (!), das erste Raketenflugzeug und eben auch – Achtung – das Spaghettieis wurde in der Kurpfalz-Metropole erfunden.

Alles fing bei dem jungen Italiener Mario an, den es 1931 nach Deutschland zog. 1933 fand er in Mannheim ein neues zu Hause. Ihn faszinierte das milde Klima in der Kurpfalz, die herrliche Umgebung mit den vielen Weinbergen, die ihn an seine Heimat erinnerten. In den „engen Planken“, in P5 in – einem der Mannheimer Planstadt Quadrate – eröffnete Mario eine Gelateria; ganz so wie es einst sein Vater in Venedig tat. Mario verliebte sich in Renate. Beide zeugten vier Kinder (Dario, Denise, Endo und Claudio), von denen Dario die Eisdiele vom Papa übernahm. Aus einem Italienurlaub brachte er die ausgefallene Idee mit nach Hause, Eis mal anders als gespachtelt oder gekugelt zu kredenzen. Aus einer Spielerei mit seinem Assistenten wurde das Spaghettieis geboren: durch eine Spätzlepresse drückte er 1969 das sahnige Vannilleeis. Der Rest ist bekannt…

Mannheim habe ich also eine Leidenschaft und eine Grundkonstante in meinem Leben zu verdanken, die mich außerdem davor bewahrt hat, die eigentliche süße Delikatesse Mannheims zum Gegenstand der kulinarischen Auswärtsfahrt in die Kurpfalz zu machen: Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sind die Mannheimer nämlich für ihren „Mannemer Dreck“ bekannt. Dem Stadtvorstand Mannheims lag seinerzeit zu viel Kot auf der Straße, weshalb er „Jedermann mit zwei Reichstalern Strafe belegte, der den im Hause gesammelten Kot mit Kehricht auf die Straße brachte“. Als stummer Protest bewies ein Bäcker Humor und kreierte danach einen auf einer Oblade gehäuften „Kotberg“ bestehend aus Marzipan, Nelken, Haselnüssen und Mandeln. Was willste da sagen, außer: Danke Dario für dein Spaghettieis!

Warum diese seltsame Rubrik? Das erfährst du hier.

Mennemer Spaghettieis

200 g Erdbeeren
100g Schlagsahne
12 Kugeln Vanilleeis
2 EL weiße Schokoladenraspel

Sahne schlagen und auf den Teller geben. Vanilleeis durch 
eine Spätzle- oder Kartoffelpresse über die Sahne drücken. 
Erdbeeren pürieren und über den Eisberg geben. Mit drei Punkten weißer 
Schokolade garnieren.

 

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