„Seht zu, dass ihr ins Stadion kommt, wir wollen euch zeigen, was wir drauf haben!“

Zum Auftakt der Saison 2016/17 konnte Blog36 Henrik Giese für ein ausführliches Interview gewinnen. Henne durfte den Ort dafür bestimmen und entschied sich dabei für das Fuldaufer an der Drahtbrücke, denn „am Wasser fühle ich mich am Wohlsten“, so der gebürtige Kieler. Wir sprachen mit ihm über seine ersten 2 ½ Jahre in Kassel, seinen Werdegang und das harte Geschäft in der Regionalliga.

2016-07-25 Henne Fulda
Henrik Giese, Foto: Blog36

Block36blog: Moin Henne, schön, dass du dir die Zeit nimmst. Hinter uns allen liegt eine turbulente Saison mit vielen Höhen und Tiefen. Da gabs zu Beginn der Saison die Euphorie mit HSV-Testspiel, DFB-Pokal gegen Hannover und Tabellenführung in der Liga. Da gabs aber auch spielerische Durststrecken, den Rückzug des Hauptsponsors und verspätet gezahlte Spielergehälter. Einige gestandene Spieler haben mittlerweile den Verein verlassen, sicher auch aufgrund der unruhigen Verhältnisse. Was hat dich zum Verbleib bewogen?

Henrik Giese: Ich bin ja nun schon fast drei Jahre beim KSV, fühl mich hier pudelwohl und hab hier alles was ich für mein fußballerisches Leben brauche. Drumherum passiert viel, ich hab im Juli mein Lehramtsstudium hier beendet. Ich hatte auch einige Angebote weiter weg von zu Hause und es gab ein interessantes Angebot im Norden. Das sah schon recht perfekt aus, aber hat sich dann zerschlagen. Als dann die Info kam, dass Tobi Cramer beim KSV den Posten als Cheftrainer übernimmt, hat er mich direkt nach dem Urlaub angerufen. Und dann ging alles recht schnell.

B36: Blicken wir noch mal kurz zurück: Wie fällt das Fazit der letzten Saison für dich persönlich aus?

Henne: Ja, das war zu wenig. Wir haben sehr gut angefangen, gerade durch die Festspielwochen eigentlich gut in die Saison gefunden, beim 2-2 gegen Offenbach am ersten Spieltag haben wir uns gut zurück gekämpft. Die nächsten Spiele haben wir sehr gut gespielt und dementsprechend auch gepunktet. Dann kam der Bruch, nicht nur wegen Shipis Fehlgriff gegen Trier. Es gab auch viele Verletzungen. Dann kam so eine Phase, in der wir nicht gewonnen haben. Wir haben auch hinten keins gekriegt, was ja gut ist. Und dann spielt man eben dreimal hintereinander 0-0. Klar, dass man das nicht unbedingt sehen will. Es war eine schwierige Zeit, wir hatten gute Spieler mit hoher Qualität am Start, haben aber insgesamt zu wenig rausgeholt.

B36: Was war der beste Moment in der letzten Saison und was der Schlechteste?

Henne: Der Beste? Natürlich Erster zu sein. Das hat mir sehr gut gefallen, war cool. Auch die dreckigen Siege, 1-0 gegen Saarbrücken oder Elversberg. Es gibt keine schöneren Siege für die Verteidigung als 1-0. Auch die Konstanz zu Beginn, das war richtig schön. Negativ war, dass sich der Verein nicht so korrekt gegenüber den Spielern verhalten hat. Richtig Scheiße war spielerisch dann Saar 05 Saarbrücken auf dem Sandplatz. Sowas hab ich noch nicht erlebt. 1-0 geführt, dann bekommen wir noch das Gegentor. Das war schon schlecht.

B36: Das 1-1 gegen Saar 05 war ja direkt nach dem Spiel in Elversberg, wo wir unter der Woche 1-0 gewonnen haben, den Elversbergern somit auch die einzige Heimniederlage der Saison zufügten. Es gab dann unschöne Szenen nach dem Heimspiel gegen Saar 05 am darauffolgenden Samstag. Wie kommt das bei dir an?

Henne: Ist merkwürdig, aber so ist halt der Fußball. Wir fahren unter der Woche nach Elversberg, sowas hab ich noch nicht verteidigt, in keinem Spiel. Es gab massig Eckbälle und Freistöße, der Druck, den die da ausgeübt haben, war immens hoch. Das Spiel hat viel Kraft gekostet. Es muss aber dann der Anspruch sein, das 1-0 gegen Saar 05 nach Hause zu fahren. Das hat uns tierisch geärgert und von den Fans ist es dann berechtigt zu fragen: Wie kann denn sowas sein?

B36: Gibt es von deiner Seite aus Ideen, warum der Zuschauerzuspruch so schwankend ist und woran es liegen kann?

Henne: Das ist schade und kann vielleicht nur durch unsere Leistung beeinflusst werden. Ich bin gespannt, wie es sich diese Saison entwickelt, denn eigentlich ist es ja genau das, was jeder Fan sehen will. Aus wenig viel machen – aus Nobodys kleine Helden. Das ist diese Saison das Credo. Wird spannend, auch wie die Zuschauer das annehmen können. Ich hatte in der Vorbereitung das Gefühl, dass es ganz gut angenommen wurde, von den Fans, die da sind. Man sieht, dass wir zusammen halten und trotz bescheidener finanzieller Mittel ordentlich durchstarten wollen.

 

B36: Lass uns mal auf die Zeit vor dem KSV blicken. Du bist in Kiel geboren, einer Stadt, die bei KSV-Fans nach wie vor mit großem Schmerz und Depressionen verbunden ist. Warum hast du eigentlich nie für „die KSV“ gespielt?

 

Henne: Früher hatte ich nie so den Draht zu Holstein Kiel, der Verein hat mir nicht so zugesagt. Da hab ich lieber für den Konkurrenzverein gespielt. Die ganze Struktur war nicht gut und die Leute haben eher arrogant gewirkt. Als Junger reagiert man da eher sensibler drauf und für mich hat das nicht gestimmt. Heute hat sich die Außendarstellung sehr verbessert. Der Verein wirkt positiv und wenn ich es schaffe, schaue ich mir ein paar Spiele von meinem Kumpel Tim Siedschlag im Holsteinstadion an.

 

B36: Du wurdest verpflichtet vom damaligen Neu-Trainer Matthias Mink und Sportvorstand Andre Schubert. Mit dir kamen im Winter noch Koczor, Kullmann  und Lacheb. Erzähl doch mal bitte wie die Verpflichtung zu Stande gekommen ist.

 

Henne: Ich hab bei Viktoria Köln in der Hinrunde nur 7 Spiele gemacht, das hat mir nicht gereicht. Dann wurde Großkopf beim KSV entlassen und Mink kam. Es kam telefonisch die Einladung zum Probetraining, Koczor, auch von Viktoria, war schon da und der KSV brauchte noch einen Innenverteidiger mit Linksfuß. Adli Lacheb wurde als Rechtsfuß verpflichtet. So war die Philosophie des Trainers, so mit den Innenverteidigern zu spielen.

 

B36: Was war damals los bei Viktoria, du hast dort nur ein halbes Jahr gespielt, im Team waren mit Albert Streit, Markus Brzenska und Andrew Sinkala ehemals höherklassige Spieler. Wie haben die das in der 4. Liga finanziell geschultert?

 

Henne: Viktoria hat eine große Steuer- und Unternehmensberatung als Sponsor, der Chef ist in Köln ansässig, ist dort im Verein aufgewachsen und investiert immer noch viel in den Verein. Nach der Halbserie wurde dann auch klar, dass ich nur dritte oder vierte Wahl war. Im Gespräch mit dem sportlichen Leiter, mit dem ich mich sehr gut verstand, wurde dann auch klar, dass der Trainer nicht unbedingt auf mich setzt und jede Option die Bessere ist. Ich bin dann nach Kassel gewechselt, dem amtierenden Meister der Regionalliga Südwest, die nicht so gut in die Saison gekommen waren. Da gab es noch einige Punkte aufzuholen, was wir auch gut gemacht haben.

 

B36: Wie ging es denn mit Albert Streit, der ist ja immer mal gerne angeeckt. Wie kamst du mit ihm zurecht?

 

Henne: Da kann ich nicht viel zu sagen, er ist ein super Typ. Beim Trainingslager saß ich öfter mit ihm an einem Tisch und er hat immer coole Sachen erzählt, überhaupt nicht von oben herab. Er kam eben immer mit seinen schönen, teuren Autos, aber da kann er ja nichts für. Er hat Leistung gebracht früher und inzwischen hat er auch aufgehört zu spielen.

 

B36: Fehlt uns denn so ein Ex-Profi?

 

Henne: So einer, der noch nicht satt ist und was erreichen will. Den zu finden ist nicht einfach, tut aber jeder Mannschaft gut. Unserer Mannschaft wahrscheinlich auch, weil wir ganz schön jung geworden sind. Aber wir haben schon eine tolle Mannschaft zusammen, mit Yassine im Mittelfeld und vorne drin Lucas Albrecht. Ich glaube, da haben wir schon auch ganz Gute dazu bekommen.

 

B36: Kannst du dich noch an dein erstes Spiel für den KSV erinnern?

 

Henne: Ja, das war ein Heimspiel gegen Pfullendorf und Basti Schmeer hat zwei Buden geschossen.

 

B36: Korrekt. Du hast dir gleich die erste Gelbe abgeholt und es kamen zum ersten Spiel nach der Winterpause immerhin 2.300 Zuschauer ins Stadion – und das gegen diesen Dorfverein. Neben dir standen damals vom heutigen Kader nur Schmeer und Damm mit auf dem Feld, Marco Dawid kickte damals noch bei den Junglöwen. Es fällt auf, dass die Fluktuation gigantisch ist, viel stärker als in der 3. Liga und höher. Hast du eine Erklärung dafür?

 

Henne: Die Verträge werden nicht mehr so Ernst genommen. Wer löst denn seinen Vertrag heutzutage noch ein? Wünschenswert ist, dass ein Team länger zusammen bleibt. Man kennt die Abläufe, du siehst was dein Nebenmann macht, mit welcher Bewegung er was bewirken will und kann sich besser aufeinander einstellen.

 

B36: In der Saison 2014/15 hast du die gesamte Hinrunde gespielt und kamst dann in der Rückrunde für 11 Spiele nicht mehr zum Einsatz – erst Verletzung, dann Bank. Hattest du damals schon mit dem KSV abgeschlossen?

 

Henne: Ja, damals schon. Der Trainer trifft immer die Entscheidungen. Er hat sich damals dafür entschieden, mich nicht mehr spielen zu lassen. Ich war natürlich anderer Meinung. Am Ende der Saison, nach dem Pokalspiel gegen Wiesbaden, hat er mich wieder spielen lassen und mir sogar einen neuen Vertrag angeboten. Die Zeit war schon etwas kurios.

 

B36: Viertligafußballer sind gewissermaßen ja prekär Beschäftigte: Auf der einen Seite wird unter Profibedingungen trainiert, auf der anderen Seite ist die Kohle nicht immer profihaft. Hinzu kommen Verträge, die meist nur für ein Jahr gemacht werden, was auch nicht unbedingt zur Absicherung der Spieler beiträgt.

 

Henne: In dieser Liga ist die Situation natürlich heiß, wenn du nicht höher kommst. Nach einem Jahr kannst du dann auch mal keinen Vertrag kriegen oder musst komplett woanders hingehen. Es ist schwierig als Spieler in der Regionalliga. Ich kann davon leben, es gibt aber viele die das nicht können. Nebenbei musst du was machen, was ich ja zum Glück mit dem Studium auch getan habe. Wenn du unter Vollprofibedingungen spielen möchtest, ist es eben ganz schön stressig, nebenbei z.B. noch zu studieren.

 

B36: Sieht man sich als Fußballer, der nebenher studiert oder sieht man sich als Student, der einen guten Nebenjob hat?

 

Henne: Ja, fragt mich das Finanzamt auch immer (lacht). „Was sind sie eigentlich? Sie haben als Student keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, also Student!“ Ich hatte viele solcher Tage wo ich 2-3 mal täglich zwischen Trainingsgelände und Uni gependelt bin. Da bist du ganz schön froh, wenn du mal einen Abend frei hast. Wochenends hast du ja dann noch Spiele. War mega anstrengend. Ich frage mich auch, ob da mehr gegangen wäre, wenn ich mich voll auf den Fussball konzentriert hätte? Das merkst du einfach, wenn die anderen sich entspannen, in Ruhe essen oder sich Zeit nehmen für die Dinge die zu Hause zu erledigen sind. Und selbst sitzt du in der Uni. Nun gut, aber ich wollte mein Studium durchziehen und hab es nun im Juli zum Glück beendet. Jetzt ist es manchmal eher so, dass ich zu Hause bin und denke, was machst du jetzt? Dann bin ich kurz davor mich zu bewerben für eine Ausbildung. So was hatte ich ja nie und würde mich schon reizen. Ob das vereinbar ist, weiß ich nicht. Eine Ausbildung muss dann wahrscheinlich bei irgendeinem Sponsor stattfinden. Klar kann ich mir nach meinem Lehramtsstudium auch vorstellen als Lehrer zu arbeiten, ein Referendariat stelle ich mir aber derzeit aus Zeitgründen als unvereinbar mit dem Fußball vor. Dieses Jahr gilt es erstmal, mich voll auf den Fußball zu konzentrieren.

 

B36: Das heißt, du machst jetzt Sonderschichten?

 

Henne: Ich will auf jeden Fall Gas geben. Ich bin jetzt im besten Alter und will noch was rausholen.

 

B36: Du hast ja einen gewissen Kultstatus bei vielen Fans im Block 36. Weißt du eigentlich warum?

 

Henne: (lacht) Nee, keine Ahnung.

 

B36: Hat mit dem Pokalhalbfinalspiel vorletzte Saison gegen Wiesbaden zu tun. Du wurdest nach etlichen Spielen ohne Einsatz eingewechselt, quasi ins kalte Wasser geschmissen und…

 

Henne: (fasst sich an den Kopf) Oh, da hätte ich das Tor machen müssen nach der Ecke…

 

B36: Hat in der Verlängerung ja dann Enno gemacht. Auf jeden Fall hast du ein Riesenspiel gemacht, nachdem Stefan Müller verletzt ausgewechselt werden musste. Als du danach in den Block kamst und wir dich darauf ansprachen, hast du ganz trocken gesagt: „Ich hab dem Trainer immer gesagt: Ich komm hier jede Woche hin und wenn ich eh da bin, kann er mich auch mal mitspielen lassen.“ Das war überragend. Warst du in deinen Stationen vorher auch schon Publikumsliebling?

 

Henne: Ehrlich gesagt: Ja. In Neumünster. Ich weiß gar nicht so richtig warum. Ich bin immer ein bisschen verrückt, hab immer mal den ein oder anderen coolen Spruch drauf. Mir ist es wichtig, mit den Fans in Kontakt zu sein. Auch loyal sein wenn die Fans mal was sagen, was nicht so ganz ok war. Wichtig ist, authentisch zu sein. Dass das gut ankommt, freut mich.

 

B36: Als deine Vertragsverlängerung bekannt wurde, brach der Jubel aus. Tobi Cramer sagte der Presse, du seist sein absoluter Wunschspieler. Viele sehen dich als unverzichtbarer Teil der Mannschaft. Wie eben erwähnt, war das nicht immer so. Wie empfindest du dieses Auf und Ab?

 

Henne: Das ist schon komisch. Auch für Mink war ich ja mal der Wunschspieler wenn ich sehe, wie früh mein Vertrag verlängert wurde nach dem ersten halben Jahr als ich hier war. Dann kam der Bruch, den ich mir nicht erklären konnte, den sich niemand so richtig erklären konnte, aber so ist halt leider das Geschäft. Wenn dem jeweiligen Trainer irgendwas nicht gefällt, dann biste halt unten durch. Jetzt als Wunschspieler bezeichnet zu werden ist natürlich schon toll. Es sind viele junge Spieler dazu gekommen. Ich hab ja schon viele Spiele in der Regionalliga gemacht, da muss man auch Verantwortung übernehmen. Und das will ich auch.

 

B36: Du bist ja immerhin auch der zweitälteste auf dem Platz…

 

Henne: (empört) Sag mal…(denkt nach)…haben wir nicht noch welche? Damm und…na vielleicht noch Schmeer..oha, ganz schön alt.

 

B36: Welchen Anteil hat der Block 36 an deiner Vertragsverlängerung?

 

Henne: Ohh jaa. Es gab immer harte Verhandlungen nach dem Spiel am Zaun. (lacht) Es ist immer schön zu hören, dass sich die Fans erkundigen und wissen wollen ob man bleibt. Ich konnte in dieser Zeit natürlich nicht viel sagen, weil wir ja alle nicht wussten wie es weitergeht und es anfangs ja noch nicht mal Gespräche gab. Dann wurde bekannt, dass Mink nicht weitermacht, der Verein wusste nicht so richtig wo er hinwill und ich konnte mich euch gegenüber auch nicht äußern. Ich bin sehr gern geblieben und ihr als Fans habt da auch einen großen Anteil dran.

 

B36: Das wollten wir hören. Aber mal im Ernst: Macht man als Spieler so etwas wie eine Vertragsverlängerung auch von den Fans abhängig oder schaut man da nur aufs Geld?

 

Henne: Nee, ich will schon in einem Verein spielen, der zu mir passt. Es ist schön zu wissen, dass man die Unterstützung von den Fans hat, auch wenn es mal nicht läuft. Aber wenn ich dort meine Leistung nicht abrufen kann, bringt es mir auch nichts, wenn mich die Fans dort unterstützen. Beides muss passen.

 

B36: Was hast du denn für einen Eindruck von den Kasseler Fans im Allgemeinen?

 

Henne: Eigentlich total positiv, gerade so in der Zeit als das für mich hier losging. Es waren immer viele Leute da, auch auswärts. Ich erinnere mich noch an das erste Auswärtsspiel in Baunatal oder auch neulich auswärts im Pokal in Offenbach – es ist schon enorm, was da geht. Aber mal vom harten Kern, der wirklich top ist, abgesehen: Wo sind die ganzen anderen hin? Klar haben wir nicht immer unsere Leistung gebracht und es war auch nicht immer ansehnlich in einigen Spielen. Aber ich bin doch Fan von einem Fußballclub, auch in schlechten Zeiten. Ich treff doch trotzdem meine Jungs im Stadion am Ende von der Arbeitswoche. Auch um einfach mal zu quatschen. Es geht ja nicht immer nur um Fußball, sondern ja auch um ein Zusammengehörigkeitsgefühl, um ein gleiches Hobby. Man tauscht sich doch auch über Privates aus, das alles passiert doch beim Fußball im Stadion. Und da frage ich mich: Wo gehen die Leute hin? Die waren doch alle schon mal da.

 

B36: Naja, 10 Jahre Regionalliga haben halt Spuren hinterlassen. Für die Fans war sicher der verpasste Aufstieg gegen Kiel eine Riesenenttäuschung, manchmal hat man den Eindruck, die Fans fühlen sich durch den verpassten Aufstieg um ihr Anrecht auf die 3. Liga betrogen.

 

Henne: Klar, bitterer geht’s nicht. Da strampelst du dich die ganze Saison ab, wirst souverän Meister und am Ende steigt auch noch der Zweite auf. Am Liga-Modus muss unbedingt was geändert werden. Der Erste muss hoch, meinetwegen soll der Zweite Relegation spielen. Aber wenn der Erste es nicht verdient hat, wer denn dann sonst? Aber da stecken wir ja auch nicht drin. Da kann man immer drüber meckern, aber als es da jetzt um die Abstimmung ging, hat sich trotzdem wieder niemand geäußert und dann bleibt es halt bei den 5 Regionalligen.

 

B36: Und das wird sich langfristig wohl auch nicht ändern.

 

Henne: Ja, es ist echt bitter für die Vereine. Du zahlst die ganze Zeit Prämien, Prämien, Prämien, hast ne gute Mannschaft zusammengestellt, viel investiert und am Ende entscheiden zwei Spiele. Der KSV hatte nun mal damals das Pech, mit Kiel den größten Brocken bekommen zu haben. Hättest du da nen anderen Verein bekommen, wie 1860 II…

 

B36: Ja, aber wir hatten damals eigentlich gar nicht so die Hammertruppe. Wir sind eher überraschend Meister geworden. Das waren damals auch keine ansehnlichen Spiele, eher halt auch mal so Kackspiele. Wir haben zum Beispiel vier Auswärtsspiele in Folge 1:0 gewonnen.

 

Henne: Kann ich das auch mal bitte haben? (lacht) Das ist genau mein Ergebnis: 1:0 und dann ab nach Hause. Das wäre auch ne super Überschrift für das Interview hier: „1:0 und dann ab nach Hause!“. Nein, das ist mein absolutes Lieblingsergebnis.

 

B36: Trotzdem waren es halt auch nicht immer gute Spiele…

 

Henne: Ja, aber wenn du mit 70 Punkten am Ende oben stehst, dann hast du dir das auch verdient. Umso bitterer, dass es dann nicht hoch ging.

 

B36: Stimmt. Mal wieder zu dir: In Neumünster warst du mit 23 Jahren ja bereits Kapitän. Möchtest du jetzt auch die Nachfolge von Becks machen?

 

Henne: Ich finde, dass Tobias Damm das machen sollte und glaube, er wird das auch machen. Dammi ist schon so lang in dem Verein, hat schon so viel erlebt und kennt enorm viele Leute, vor allem neben dem Platz und weiß, wen er anzusprechen hat bei Problemen. Kapitän ist man ja nicht nur auf dem Platz sondern auch daneben.

 

B36: Aber ist es denn schon entschieden?

 

Henne: Nein, aber es wird darauf hinauslaufen glaube ich. Und das auch völlig zu recht. Verantwortung kann man auch ohne Binde übernehmen. Wenn man gute Leistungen bringt und hinten den Laden zusammenhält, dann ist man Kapitän der Abwehr. Auch gut.

 

B36: Und das musst du ja jetzt auch sein. Viele neue, junge Spieler. Boukhoutta, Künzel. Liegt dir so ne Leader-Rolle?

 

Henne: Ach ich glaub schon. Gerade durch meine pädagogische Ausbildung im Studium (lacht). Also ich hasse Gegentore. Letztes Jahr hat das ganz gut geklappt. Drittbeste Abwehr. Hätte sogar noch besser laufen können, Bahlingen hat uns drei, Trier vier Kisten am Ende eingeschenkt. Da war einfach die Stimmung nicht mehr gut und das hat sich dann leider auch in der Leistung niedergeschlagen. Aber ich möchte mit der Abwehrleistung an das gute letzte Jahr anknüpfen und auch die jungen Spieler mitnehmen. Da bin ich ganz klar in der Verantwortung. Auch für die jungen Spieler.

 

B36: Noch mal kurz zurück: Du hast gerade gesagt, gegen Ende der Saison war die Stimmung nicht mehr gut. Was war das eigentlich genau?

 

Henne: Die Kommunikation zwischen Verein und Mannschaft war schlecht. Das hat uns nicht gepasst wie das über die ganzen Wochen gelaufen ist. Deswegen mussten wir bei dem Freundschaftsspiel gegen Köln auch ein Zeichen setzen. Ich sage aber auch: Nicht anzutreten, wäre für uns nicht in Frage gekommen. Wir wollten uns als Spieler nichts ankreiden lassen und haben uns immer professionell verhalten.

 

[Ein Auto fährt vorbei, aus dem laut die KSV-Tormusik (Gala – Freed from desire) zu hören ist]

 

Henne: Oh, das ist ein Zeichen! (lacht)

 

B36: Auf welchen Gegenspieler freust du dich eigentlich in der kommenden Saison am Meisten?

 

Henne: Oh, wenn man sich den Sturm der Stuttgarter Kickers so anschaut – Bektasi und Tunjic – dann wird’s heiß gegen die Beiden. Das kann man in dieser Liga nicht viel besser machen. Ansonsten wird das Duell gegen Steinbach aufgrund der Trainerkonstellation natürlich sehr spannend. Da ist jetzt mehr Brisanz drin und ist ein richtig kleines Derby. Die spielen auch ne gute Vorbereitung. Das wird sicher ein heftiges Duell.

 

B36: Gutes Stichwort mit Mink: Wenn ein Trainer geht, nimmt er ja eigentlich immer so mindestens 1-2 Spieler mit an seine neue Wirkungsstätte. Warum hat Mink das nicht getan?

 

Henne: Naja, er wollte wahrscheinlich auch einen Neuanfang. Steinbach ist ein finanziell gut ausgestatteter und ambitionierter Verein, bei dem Mink sich seinen Kader mühelos zusammenstellen kann. Ich bin sehr gespannt, was die in diesem Jahr zu Stande bekommen.

 

B36: Gibt’s denn eigentlich bei den Neu-Verpflichtungen einen, der dir besonders gut gefällt?

 

Henne: Nein, weil alle Neu-Verpflichtungen wirklich richtig gut sind. Da hat unser Trainer ein gutes Händchen bewiesen. Alle hervorragend ausgebildet. Coole Jungs, die gut ins Team passen.

 

B36: Es gibt ja schon gerade so einen Nordhessen-Umbruch. Als Kieler bist du fast schon ein Exot. Was kann man denn jetzt so im Ausblick auf die neue Saison vom KSV erwarten?

 

Henne: Ich find das gut. Ich glaub, das war ja auch das was das Umfeld immer gewollt hat, die jungen Spieler aus der Region einzubauen. Ich find das gut. Die Hälfte des Kaders ist heimisch. Das ist doch toll. Wo sonst gibt’s sowas?

 

B36: Aber viele der Neuen aus der Region kommen aus unteren Ligen. Fabian Korrell hat bis vor ein paar Wochen noch 7. Liga gespielt. Kann man den Verlust unserer torgefährlichsten Spieler da überhaupt kompensieren?

 

Henne: Warum nicht? Da muss man sich nur mal Darmstadt angucken, wie die in der vergangenen Saison aus nichts total viel gemacht haben. Warum soll es nicht gelingen, aus unseren Talenten alles rauszuholen? Die haben doch alle Qualität und hauen sich rein. Natürlich haben uns gestandene Spieler verlassen, aber warum soll den Neuen nicht ein ähnlicher Satz gelingen, wie es Mike Feigenspan gelungen ist? Da ist es auch in der Verantwortung der erfahrenen Spieler im Training die Richtung vorzugeben, auch mal etwas lauter zu sein. Wir müssen da jetzt alle an einem Strang ziehen und vielleicht gelingt es uns ja auch durch die Ausrichtung der Regionalität, dass man da vielleicht noch ein bisschen mehr zusammenwächst.

 

B36: Jetzt mal nen Fazit: Was sind die Ziele für die neue Saison?

 

Henne: Tja, Ziele. Bei Zielen hinsichtlich des Tabellenplatzes wäre ich aktuell vorsichtig. Besser ist es, wenn wir uns auf die persönlichen Ziele eines Spielers konzentrieren und diese konsequent verfolgen. Ich habe mir beispielsweise vorgenommen, mich mal wieder in die Torschützenliste einzutragen und hinten den Abwehrverbund zusammenzuhalten. Wenn sich jeder derartige Ziele setzt, dann kommt das Mannschaftsziel von ganz allein. Die Leute sollen einfach sehen, dass wir uns reinhauen, kämpfen, beißen, uns gegenseitig helfen und versuchen, jeden Zweikampf zu gewinnen.

 

B36: Hat sich eigentlich das Training unter Cralle verändert im Vergleich zu Mink vorher?

 

Henne: Cramer hat an einigen Stellschrauben gedreht. Er hat einiges übernommen, aber auch natürlich Eigenes eingebracht. Das Training war ja vorher auch gut. Tobi Cramer bringt nochmal ein bisschen mehr Spaß mit rein, das ist auch wichtig. Und gleichzeitig bekommt er gut die Balance hin auf der einen Seite als Trainer eine Autorität für die Spieler zu sein und auf der anderen Seite kann man trotzdem mit ihm Spaß haben. Alle Spieler kommen super mit ihm klar. Er behandelt alle gleich – auch die Neuen. Ich bin sehr zufrieden damit.

 

B36: Vielleicht zum Schluss noch mal ein paar Worte zu Kassel. Welche Orte außer Block 36 gefallen dir in Kassel am Besten?

 

Henne: Ich fahre eigentlich sehr gern mit dem Fahrrad hier durch die Gegend. Am Liebsten durch die Unterneustadt und dann Richtung Hann. Münden. Ich bin sehr gern hier unten am Wasser, gehe häufig mal schwimmen. In der letzten Zeit gabs wegen der Uni leider wenig Freizeit. Ah, und seit Dezember des vergangenen Jahres spiele ich Gitarre, ich kann auch schon ein Lied.

 

B36: Welches?

 

Henne: “Stand by me” (lacht). Das war relativ einfach. Auch so von den Akkorden und so. Ja und ansonsten geh ich gern hier mit den Kollegen weg.

 

B36: Gerüchten zufolge hast du ja nur verlängert, um nächstes Jahr die documenta mitzuerleben hier in Kassel.

 

Henne: Oh ja, da bin ich mal gespannt, wie das ist und wie das überhaupt abläuft.

 

B36: Das Gute ist: Wenn das Fußballspiel mal schlecht ist, kann man sich in dieser Zeit einfach hinstellen und behaupten, es sei Kunst. „Es ist Kunst, ihr habt es nur nicht verstanden!“ (alle lachen)

 

Henne: „Sondermaschinen aus Athen“ hab ich gelesen. Da bin ich gespannt. Aber erstmal ist ja Zissel, oder?

 

B36: Das war jetzt noch nie so unsere Baustelle, aber der KSV ist da schon präsent, oder?

 

Henne: Klar, der Verein muss auf solchen Sachen präsent sein. Autogrammstunden, etc., da muss der Verein ansetzen. Da muss was passieren. Der KSV muss in der Stadt mehr vorkommen. Da ist noch zu wenig Präsenz. In Köln bei Viktoria hatten wir mehr von diesen Veranstaltungen. Und das obwohl es da den großen FC als Konkurrenten gibt. Da gabs eigene Karnevalssitzungen, wir mussten die ganzen Brauereien besuchen…

 

B36: Wenn das nervt, könnt ihr auch uns schicken. (alle lachen)

 

Henne: Ja, da gings nur um Fotos, nicht ums Trinken.

 

B36: Schade eigentlich.

 

Henne: Nee, aber der Verein könnte da noch mehr tun. Sicher hat man hier und da mal Besuche an Kindergärten und so kleinen Projekten, aber wie das genau laufen muss, weiß ich auch nicht. Aber zum Glück gibt’s dafür ja jetzt mit Michael Krannich einen neuen Mann. Dem muss man aber auch erstmal Zeit geben und reinfinden lassen. Er hat einen schweren Stand, das hat man auch auf der Jahreshauptversammlung gemerkt. Er muss die Zeit bekommen.

 

B36: Letzter Appell an die Fans und an die Stadt?

 

Henne: Seht zu, dass ihr ins Stadion kommt – wir wollen euch zeigen, was wir drauf haben. Dafür brauchen wir euch!

 

B36: Danke Henne und für die kommende Saison alles Gute! Wir sehen uns im Stadion!

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3 Gedanken zu „„Seht zu, dass ihr ins Stadion kommt, wir wollen euch zeigen, was wir drauf haben!““

  1. TOP! ich bin eher zufällig hier gelandet und muss sagen, dass ich respekt und anerkennung zolle!!!

    anmerken möchte ich, dass ich es toll fände, wenn ihr aus block 36, die ja ganz offensichtlich einen sehr engen draht zu den spielern habt, mal darauf hinweisen könntet, dass es auch ein paar „hansel“ gibt, die auf der osttribüne alles für den KSV geben – UND DAS IST ECHTE ARBEIT zwischen all den mährköppen, die angeblich schon seit hundert hundert jahren ins stadion kommen…es gibt so nen aufkleber, den ich nach dem mauerfall des öfteren auf den ostdeutschen fahrzeugen lesen konnte. da stand in großen buchstaben: „Trabbifahrer sind die Härtesten“ – ….so ist es als KSV-Fan auf der ost…
    aber wir bleiben bewusst dort – es kann ja nicht sein, dass immer nur aus eurem block was kommt. gestern haben wir das gg die kickers ganz gut hinbekommen, denke ich;-)

    also das bitte mal an henne und den rest weitergeben – wir von der ost sind schon auch aktiv – unter härtesten bedingungen, wie gesagt;-)

    weiter so!!!

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  2. Block36? Respekt und Anerkennung! ich verfolge das jetzt schon einige Zeit und bin wirklich beeindruckt.
    Die Interviews sind klasse und eure Einstellung ist vorbildlich. Offensichtlich stecken Leute mit Intelligenz dahinter.
    Genau von dieser Sorte brauchen wir noch viel mehr. Leute die etwas bewegen, Spannung und Leidenschaft in den Verein einbringen.
    Danke dafür und macht bitte immer weiter!

    Uwe

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  3. Hallo Block 36,

    das war ein schönes und interessantes Interview mit Henrik Giese.

    Wir hoffen, daß viele Zuschauer in der kommenden Saison den Weg ins Stadion finden.

    Rolf Clemens, Lutterbek

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